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Alt 02.09.2013, 12:00   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Beiträge: 12.173
Blog-Einträge: 12
Chemische Waffen in Syrien - ein Überblick - Chemie

Syriens Chemiewaffenprogramm geht ursprünglich auf die vernichtende Niederlage der arabischen Armeen gegen Israel 1967 zurück. Der damalige Verteidigungsminister und spätere Staatschef Hafiz Al-Assad kam damals zu dem Schluss, dass Syrien ein strategisches Drohpotenzial brauchte, um Israels drückende konventionelle Überlegenheit auszugleichen. Nachdem Assad 1971 die Macht übernommen hatte, begann er, die syrische Armee mit chemischen Kampfstoffen und geeigneten Trägersystemen auszustatten.

C-Waffen: Atombombe des kleinen Mannes

Gasbombe aus dem ersten Weltkrieg. Ich vermute, sie enthielt Senfgas oder Lewisite. Bild: John Andersson, CC BY-SA 3.0


Chemische Waffen wurden ursprünglich im ersten Weltkrieg entwickelt, um Einheiten in gut befestigten Schützengräben auszuräuchern, an die man anders nicht herankam. Der Grabenkrieg spielt heute natürlich keine Rolle mehr, dafür haben chemische Kampfstoffe im Gefecht einige andere Vorteile. Sie zwingen den Gegner, Schutzanzüge anzulegen oder kontaminierte Gebiete ganz zu meiden und stören ihn so erheblich - von der reinen Beweglichkeit bis hin zu Kommunikation und Sicht beeinträchtigt das "suiting up" eigentlich alle Aspekte militärischer Operationen. Viel wichtiger ist allerdings der Status chemischer Waffen als "Atombombe des kleinen Mannes" (wie es der iranische Präsident Ali Rafsandschani es mal ausdrückte). Verglichen mit Atomwaffen sind C-Waffen sehr billig zu haben und stellen trotzdem in den Gefechtsköpfen von Mittelstreckenraketen eine erhebliche strategische Bedrohung für feindliche Stäte und Industriezentren dar.

Bis Mitte der 80er Jahre hatte Syrien mit freundlicher Unterstützung der Sowjetunion und einiger westeuropäischer Staaten nicht nur ein beträchtliches Arsenal moderner chemischer Waffen aufgebaut, sondern auch eigene Produktionsstätten und ein Forschungsnetzwerk, und damit das am weitesten entwickelte C-Waffen-Programm im Nahen Osten. Heute besitzt Syrien einige hundert Tonnen chemischer Kampfstoffe sowie eine große Bandbreite an Waffensystemen, die diese ins Ziel bringen können. Neben Artilleriegranaten, Raketen und Fliegerbomben tragen auch Mittelstreckenraketen wie die Scud A bis C chemische Gefechtsköpfe. Letztere waren der ursprüngliche Sinn der Übung, sie gaben Syrien eine ernstzunehmende strategische Erstschlagmöglichkeit gegen Israel.

Das ursprüngliche Senfgas reagiert mit Biomolekülen aller Art und zerstört so das Gewebe.


Welche Kampfstoffe in den syrischen Arsenalen tatsächlich vorhanden sind, ist nicht bis ins letzte Detail bekannt. Sicher ist, dass Syrien seit Ende der 80er sowohl über blister agents wie die verschiedenen Senfgase verfügte, als auch über Nervengase (die streng genommen keine Gase sind) wie Sarin, Tabun und seit Ende der 90er auch VX (Vgl die Aufzählung in diesem SpOn-Artikel). Es ist auch völlig illusorisch, diese Menge an Kampfstoffen durch Luftangriffe zu zerstören oder anderweitig unschädlich zu machen, so lange Syrien nicht stabil und selbst dazu bereit ist. Der Kram wird uns also für die Dauer des Bürgerkrieges und darüber hinaus weiter beschäftigen, so oder so.

Syriens Arsenal

Blister agents, von denen S-Lost beziehungsweise Senfgas das bekannteste ist, sind hochreaktive Chemikalien, die mit DNA und Proteinen der Zellen reagieren und so zu großflächigen Zerstörungen von Haut und Schleimhäuten führen, das allerdings mit erheblicher Verzögerung. Dagegen greifen die Nervengase wie Sarin und andere Alkylphosphonsäureester das Nervensystem an, indem sie ganz spezifisch das Enzym Acetylcholinesterase (AChE) hemmen. Nerven steuern Muskeln an, indem sie das Signalmolekül Acetylcholin ausschütten. Das wird dann von der AChE zerlegt und der Muskel kann sich wieder entspannen. Nervengase verhindern das, so dass die Muskulatur permanent angeregt wird. Das führt zur Atemlähmung und innerhalb weniger Minuten zum Tod.

Das Nervengas Sarin hemmt spezifisch ein für das Nervensystem unverzichtbares Enzym. Deswegen macht die Stereokonfiguration des chiralen Moleküls einen Unterschied: Das Hier dargestellte S-(-)-Sarin ist die aktivere Form. In C-Waffen wird allerdings ein Gemisch beider Stereoisomere verwendet.


Welcher chemische Kampfstoff jetzt im syrischen Bürgerkrieg zum Einsatz gekommen ist, weiß man schlicht noch nicht. MSF berichtet allerdings von Symptomen, die für Nervengase typisch sind: Unter anderem Krämpfe, starker Speichelfluss, Atemnot und sehr kleine Pupillen. Besonders letzteres ist sehr typisch für Nervengase. Großflächige Hautläsionen, wie sie bei Senfgas auftreten, tauchen in den Berichten dagegen nicht auf. Entsprechend vermuten die meisten Experten, dass Sarin zum Einsatz kam, das am einfachsten herzustellenden Nervengas. Zwar besitzt Syrien wohl auch Munition mit dem noch giftigeren Nervengift VX - das aber ist sehr schwer flüchtig und das Kampfgebiet wäre noch über Tage oder Wochen verseucht. Außerdem sind wahrscheinlich die meisten syrischen C-Waffen mit Sarin bestückt.

C-Waffen-Analytik: Chromatographie und Massenspektrometrie

Der US-Außenminister John Kerry behauptet, bei einer Analyse von Haaren und Blut der Opfer sei hieb- und stichfest nachgewiesen worden, dass Sarin zum Einsatz kam. Inwiefern das eine glaubwürdige Quelle ist, sei mal dahingestellt. Auf jeden Fall kann man die verschiedenen Nervengase anhand von Blut, Urin oder Gewebe der Opfer, aber auch in Umweltproben, mit Hilfe moderner chemischer Analytik sicher nachweisen.

Proben aus der Umwelt haben dabei den Vorteil, dass die Rückstände der Kampfstoffe dort länger halten als im Körper, wo sie sehr schnell abgebaut und ausgeschieden werden. Im Juni hatte man ja schon mal versucht, Sarin anhand von aus dem Land geschmuggelten biologischen Proben nachzuweisen, was letztendlich wohl an der unklaren Herkunft und Geschichte der Präparate scheiterte. Das ist auch der Grund, weshalb dieses mal UN-Inspektoren vor Ort vorstellig geworden sind, um selbst Proben zu nehmen. Nur so kann man wirklich sicher sein, woher die Materialien stammen und dass sie nicht nachträglich manipuliert sind.

Wenn man Proben gesicherter Herkunft hat, extrahiert man sie entweder mit einem Lösungsmittel oder einem speziellen Absorbermaterial, so dass die gewünschten Substanzen angereichert werden. Man konzentriert sich dabei auf die primären Abbauprodukte. Bei Sarin ist das Isopropylmethylphosphonat, bei anderen Nervengasen Phosphonsäureester mit etwas anderer Struktur. Die verestert man dann zum Beispiel mit perfluorierten organischen Verbindungen, damit sie im MS besser fliegen, trennt die Sammlung chromatographisch auf und macht ein Massenspektrum.

Man kann inzwischen auch ohne Vortrennung komplette Spektren aufnehmen, in biologischen Proben sind die Konzentrationen aber oft so gering, dass man sich auf ein einziges Molekülion beschränkt. Die so erhaltenen Chromatographie- und MS-Daten vergleicht man dann mit validierten Referenzspektren aus der Literatur, außerdem lässt man Kontrollanalysen mit und ohne die gesuchten Substanzen mitlaufen. Mit Hilfe dieses Verfahrens lassen sich die Nervengase nicht nur untereinander sicher unterscheiden, sondern auch von den vielen chemisch sehr ähnlichen Pestiziden.

Wer war's?

Die interessante Frage ist natürlich, wer tatsächlich für den Einsatz der C-Waffen verantwortlich ist. Den einfachsten Zugriff auf diese Waffen hat die reguläre syrische Armee, die ja das Arsenal besitzt und instand hält. Man kann zwar nicht ausschließen, dass irgendeine Rebellengruppierung entsprechende Munition in einer Militärbasis oder den Produktionsstätten erobert hat, ich bezweifle aber, dass so eine Gruppe das Know-How und die logistischen Fähigkeiten hätte, solche Waffen effektiv einzusetzen. Angriffe mit chemischer Munition erfordern ja einen koordinierten, massiven Beschuss, um einen größeren Bereich mit einer tödlichen Konzentration des Kampfstoffes einzunebeln. Da muss man schon in etwa wissen, was man tut, und das auch mit dem richtigen Timing umsetzen. Das spricht dafür, dass da eine speziell ausgebildete Militäreinheit am Werk war.

Diese US-amerikanische Sarin-Clusterbombe aus den 60er Jahren war dafür konzipiert, große Flächen mit Nervengas einzunebeln. C-Waffen effektiv einzusetzen, erfordert einiges technisches und logistisches Know-How.


Es lässt sich andererseits nicht komplett ausschließen, dass eine Rebellengruppe verantwortlich ist. Erstens hat Syrien wirklich große Mengen chemischer Kampfstoffe gebunkert, so dass da leicht was wegkommen kann, zumal im Chaos eines Bürgerkriegs. Ich erinnere mich auch, dass Einheiten der regulären Armee zu den Rebellen übergelaufen sein sollen. Was die dabei an Material mitgenommen haben, wissen wir nicht.

Dummerweise braucht man im Extremfall überhaupt keinen Zugriff auf fertige chemische Waffen, um eine Stadt mit Sarin anzugreifen. Mit einer im Irak entwickelten Prozedur kann man chemische Kampfstoffe nämlich direkt vor Ort aus Vorläufersubstanzen herstellen, die wesentlich einfacher zu beschaffen sind. Bei diesem Quickmix-Verfahren kippt man Difluor (Methylphosphonsäuredifluorid) oder eine Mischung aus Difluor und Methylphosphonsäurechlorid auf bereits in der Munition enthaltene Alkohole. Die Reaktion erzeugt eine 60:40-Mischung aus Sarin und Cyclosarin, die dann direkt verwendet werden kann. Das hat den Vorteil, dass man keine fertigen C-Waffen aus irgendwelchen Depots klauen muss, der Prozess selbst ist allerdings extrem gefährlich. Es ist unwahrscheinlich, dass syrische Rebellengruppen diese Methode verwenden, ganz ausschließen kann man es nicht.

Das Chemiewaffenverbot - den Aufwand wert?

Bleibt nur noch die Frage, warum uns das überhaupt kümmern sollte. Es wird zwar immer wieder behauptet, C-Waffen seien viel grausamer und tödlicher als konventionelle Waffen. Das ist ziemlich offensichtlich Blödsinn, und war es schon nach dem ersten Weltkrieg, als dieser Mythos entstand. Tatsächlich waren damals die chemischen Kampfstoffe weit weniger tödlich als konventionelle Waffen, mit einer nach einigen Quellen um den Faktor zehn geringeren Mortalität. Plus, sie verstümmeln nicht - ein auch heute noch relevanter Punkt, wenn man zum Beispiel mal an das Thema Landminen denkt. Insofern ist bei näherer Betrachtung erstmal nicht direkt ersichtlich, warum man in Syrien so dringend das C-Waffen-Verbot durchsetzen oder zumindest symbolisch aufrecht erhalten muss, trotz aller Nachteile einer solchen Aktion. Zumal Assads Truppen mit konventionellen Waffen bereits dutzendfach mehr Zivilisten getötet haben.

Nahezu alle Staaten der Erde haben die CWC unterzeichnet (grün). Für einen internationalen Vertrag bemerkenswert. Aber wieviel ist das wirklich wert? Bild: Allstar86, CC BY-SA 3.0


Das in der Chemical Weapons Convention festgelegte Chemiewaffenverbot dürfte ursprünglich auf zwei Effekten basieren: Einerseits die psychologische Wirkung der lautlosen und unsichtbaren Agenzien, und zum anderen der treu gepflegte Mythos vom Krieg als ritterlichen und sauberen Kampf zwischen tapferen Kriegern. Dass der Blödsinn auch heute noch en vogue ist, beweist dieser "Experte" in National Geographic, der sogar zu glauben scheint, dass es Bomben gibt, die Frauen und Kinder gezielt verschonen. Inzwischen argumentiert man, dass C-Waffen verboten sind, weil sie sich besser für Terrorangriffe gegen Zivilisten eignen als für das Schlachtfeld. Das ist zumindest ein diskutables Argument. Ob das als ausreicht, Angriffe auf syrische Ziele zu begründen, weiß ich nicht. Zumal die möglicherweise alles noch schlimmer machen würden.

Zyniker würden wohl vermuten, dass das eigentliche Problem ein anderes ist: Stichwort "Atombombe des kleinen Mannes". C-Waffen haben ein erhebliches Abschreckungspotenzial insbesondere gegenüber westlichen Staaten, die ungern im großen Stil Soldaten verlieren. Da interveniert es sich halt nicht so gut.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
Godwael ist offline   Mit Zitat antworten
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Alt 04.09.2013, 07:45   #2   Druckbare Version zeigen
magician4 Männlich
Mitglied
Beiträge: 6.878
AW: Chemische Waffen in Syrien - ein Überblick - Chemie

wenn wir hier schon beitraege haben die ueber das chemische weit hinausgehen, und sich auch in politisch-historische spekulationen darueber "wer war's" ergehen, so sei mir die anmerkung gestattet:

der gesamte modus operandi, das geopolitische "qui bono" einer ausschaltung Syriens, der uebliche haufen von ungereimtheiten und Grimm's maerchen i.v.m. diesem neuerdings ja vor jedem militaereinsatz in der begleitpresse auftauchenden, quasi unabweisbaren motiv "aus humanitaeren gruenden muessen wir die mal zusammenschiessen o.ae." ...
... laesst bei mir in dicken roten lettern "FALSE FLAG OPERATION !" aufleuchten.

nach mutmasslicher lage der dinge sind ueber tausend menschen vergast worden: ein abscheuliches, widerwaertiges verbrechen, und wer auch immer es begangen und/oder organisiert hat gehoert ermittelt und vor ein ordentliches gericht gestellt

... und WIR sollten uns davor hueten, abermals mit einer gewissen inneren emotionalen zustimmung dem zerbomben eines Staates, dem ermorden von weiteren tausenden und abertausenden unschuldiger unter einem bombenteppich beizuwohnen, und das irgendwie als ultima ratio dann doch zwar bedauerlich, aber dennoch eben unabweisbar und schlussendlich somit eben irgendwie ganz in ordnung zu finden.


lassen wir uns 9/11 endlich eine mahnung sein !

ingo
magician4 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.09.2013, 09:54   #3   Druckbare Version zeigen
GeorgL Männlich
Mitglied
Beiträge: 1.895
AW: Chemische Waffen in Syrien - ein Überblick - Chemie

Sehe ich auch so wie ingo...Skepsis meldete auch HLH in seiner Kolumne an: http://kultur-online.net/node/25056
Die Links im Kommentar dazu sind eine zusätzliche Warnung davor, den Bockmist in den Zentralorganen der Massenverdummung zu glauben.
GeorgL ist offline   Mit Zitat antworten
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