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Alt 13.05.2013, 00:20   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Gesundheitswarnungen und Nocebo-Effekt: (schlechter?) Journalismus macht krank - Allgemein

Wir sind ja heute von so vielen potenziellen Gefahren, Giften und schädlichen Einflüssen umgeben, da kann es sicher nicht schaden, vor neuen Verdachtsmomenten zu warnen. Entsprechend sind Massenmedien und Internet voll mit den neuesten Indizien für bisher unbekannte Risiken - getreu dem Vorsorgeprinzip: Lieber einmal zu viel warnen als einmal zu wenig.

Ob das so eine gute Idee ist? Der Placebo-Effekt, mit dem mein geneigtes Publikum sicher längst vertraut ist, hat einen fiesen, wenig bekannten Bruder, den Nocebo-Effekt. Der führt analog zum Placebo-Effekt dazu, dass eine erwartete negative Wirkung auch eintritt. Seit Jahren geht der Verdacht um, dass all die Warnungen vor Strahlung, diesen oder jenen Lebensmitteln, Industriechemikalien, Pestizidrückständen mehr tun als einfach nur zu informieren. Dass sie einen Teil der Bevölkerung über den Nocebo-Effekt überhaupt erst krank machen.

Da scheint was dran zu sein.

Ich habe über heise.de und eine Pressemitteilung der Uni Mainz von dieser nicht mehr ganz taufrischen Studie von Witthöft und Rubin erfahren. Laut der Untersuchung verursacht ein journalistischer Bericht über elektrische Felder bei vielen Probanden eben jene Symptome, vor denen er warnt.

147 Testpersonen aus einem universitären Probandenpool - hier bitte die bekannten Probleme mit nicht-repräsentativen Stichproben aus weißen Psychologiestudenten kurz reflektieren - sahen zuerst je eines von zwei Informationsfilmchen, und waren anschließend angeblich eine Viertelstunde lang einer neuen Art von W-LAN ausgesetzt. Vor und nach der Prozedur fragten Witthöft und Rubin per Fragebogen die werte Befindlichkeit ab. Der entscheidende Punkt: Die Versuchsgruppe aus 76 Personen sah eine (echte, wenn auch schlechte) Reportage darüber, wie krank "Elektrosmog" angeblich macht[1], die Kontrollgruppe eine Reportage über Datensicherheit.

Um die "Strahlenbelastung" möglichst glaubwürdig zu machen, haben die Forscher beide Gruppen vor einen Bildschirm gesetzt, auf dem ein großes WiFi-Symbol blinkte. Nach dem Versuch zeigte die Kontrollgruppe nicht nur deutlich mehr Symptome von Konzentrationsstörungen bis Hautjucken, viele Beteiligte waren auch sicher, dass ihre Unpässlichkeit auf jeden Fall auf die (nicht vorhandene) Strahlung zurückginge. Zwei Versuchspersonen baten sogar darum, den Versuch vorzeitig abzubrechen, so schwer waren ihre Symptome.

Die Hälfte der Probanden zeigt Symptome

Es fällt auf, dass es keine echte Kontrolle gab, also eine Versuchsgruppe ohne den "Bestrahlungsteil" - so dass auch die Kontrollgruppe in Form des blinkenden WiFi-Icons auf dem Bildschirm einen ziemlich starken "Trigger" eventueller Symptome präsentiert bekam. Und natürlich wird ihnen die Elektrosmog-These ebenso bekannt gewesen sein wie der Versuchsgruppe. Entsprechend vermeldeten auch einige Probanden aus der Kontrollgruppe einen Effekt - insgesamt beklagte sich über die Hälfte aller Beteiligten anschließend über vermeintliche Symptome der Strahlungsbelastung.

Umso bemerkenswerter ist deswegen der trotzdem signifikante Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Das zeigt, wie empfänglich Menschen für Manipulation durch Berichterstattung der Medien sind. Auch die pure Menge der durch die Schein-Bestrahlung erkrankten Probanden sollte zu denken geben, nicht nur vor dem Hintergrund der ausgiebigen Berichterstattung zu diesem speziellen Thema, sondern auch angesichts der permanenten Flut von Gesundheitswarnungen auf anderen Gebieten.

Damit wir uns nicht missverstehen: Es geht hier keineswegs um die Unterscheidung, ob diese Krankheiten "echt" oder "nur eingebildet" sind. Die Symptome sind ja real, und sie können dramatische Auswirkungen annehmen - insofern handelt es sich auch beim hypothetischen Nocebo-Syndrom um eine echte Erkrankung. Der springende Punkt ist natürlich die Ursache: Wenn bloße Information über die vermeintliche Ursache der tatsächliche Auslöser ist, dann dürfte die Suche nach Abhilfe das Problem eher verschlimmern - wenn zum Beispiel Betroffene permanent neue Informationen rund um "Elektrosmog" suchen und immer neue potenzielle Gefahrenherde aufspüren.

Schreiben wir die Gesellschaft krank?

Aber mal über das Thema Elektrosmog hinausgedacht: Was bedeutet es vor dem Hintergrund dieser Studie eigentlich, wenn die Massenmedien inzwischen im Wochentakt Warnungen dieser oder jener Einrichtung vor immer neuen Gefahren weitergeben? In den meisten Fällen geht es ja nur um vage Verdachtsmomente. Bisher argumentiert man ja üblicherweise, die Öffentlichkeit habe ein Recht darauf, über solche Verdachtsfälle informiert zu werden, auch im Interesse der allgemeinen Sicherheit.

Was aber, wenn schon durch die Warnungen tausende oder zehntausende Menschen krank werden? Die TV-Doku in der Studie sahen bei ihrer Ausstrahlung fast fünf Millionen Menschen. Oder was, wenn zum Beispiel ein Großteil der Nebenwirkungen der Grippeimpfung schlicht darauf zurückgeht, dass die Betroffenen diese Nebenwirkungen erwarten? Was ist mit der größten aller gesamtgesellschaftlichen Neurosen, dem allgemein gestörten Verhältnis zu Nahrungsmitteln?

Dieses und frühere Ergebnisse deuten jedenfalls klar darauf hin, dass unter bestimmten Umständen schon derartige Warnungen auf breiter Front Menschen krank machen. Und damit stehen stehen nicht nur staatliche Institutionen vor einem enormen potenziellen Problem. Zusammen mit Massenmedien und Internet erzeugt der Nocebo-Effekt eine sich selbst verstärkende Rückkopplungsschleife - wenn man das mal konsequent weiterspinnt, kommt man da schnell zu recht gruseligen Szenarien.

Medialer Teufelskreis

Zum einen handelt es sich um selbsterfüllende Vorhersagen: Man kann im Extremfall eine neue Krankheit in die Welt setzen, einfach indem man penetrant genug vor ihr warnt. Besonders perfide ist, dass die gängigen Medienmechanismen das Potenzial haben, einen Teufelskreis in Gang zu setzen: Je mehr Leute krank werden, desto mehr berichten Medien - und deren Berichterstattung macht wiederum mehr Menschen krank.

Ich befürchte auch, dass solche Nocebo-Syndrome nur extrem schwer wieder wegzukriegen sind, wenn sie sich erst einmal etabliert haben. Zum einen dürften die Betroffenen ihre Erkrankung (bzw die vermeintliche Ursache) mit Zähnen und Klauen verteidigen, schon weil im weiteren Sinne psychische Erkrankungen mit einem starken Stigma behaftet sind.

Zum anderen dürfte hinter den meisten solcher Nocebo-Seuchen eine gewisse Anzahl Fälle stehen, die tatsächlich auf das vermutete Agens zurückgehen, und die im Ernstfall die rein psychosomatische Natur der meisten Erkrankungen verschleiert und ihre Bekämpfung ausgesprochen kompliziert macht. Und wenn die unterschiedlichen Nocebo-Syndrome tatsächlich so weit verbreitet ist, wie die Zahlen dieser Studie vermuten lässt, dann stellt dieser Mechanismus eine völlig neue Herausforderung für die Gesundheitssysteme und nicht zuletzt für Medien und NGOs dar, auf die keine dieser drei Sphären derzeit vorbereitet ist.

Verantwortungsbewusster warnen

Das ist natürlich bisher reine Spekulation. Wir wissen nicht, wie groß das Problem wirklich ist, nur dass es ziemlich sicher existiert. Allerdings dürfte niemandem entgangen sein, dass wir da draußen seit einiger Zeit haufenweise Unverträglichkeiten gegen alles und jeden mit oft verdächtig unspezifischen Symptomen sehen. Ich hab das Phänomen und die kuriosen Daten dazu ja in einem früheren Blogbeitrag schon mal behandelt. Vor diesem Hintergrund verdient der medial induzierte Nocebo-Effekt auf jeden Fall nähere Untersuchungen.

Was aber, wenn sich das Ergebnis bestätigt, soll man also gar nicht mehr vor irgendetwas warnen? Das ist natürlich Blödsinn, die Welt ist voller realer Gefahren, vor denen wir uns in informierter Weise schützen müssen. Aber wenn wir das Problem ernst nehmen - und das sollten wir meiner Meinung nach - dann müssen Gesundheitswarnungen in Zukunft immer das Ergebnis einer sorgfältigen Abwägung sein: Rechtfertigt es die mögliche gesundheitliche Bedrohung XY, dass wir mit einer Warnung tausenden Menschen im Wortsinne Kopfschmerzen bereiten - oder sind die Belege für die Gefahr (und ihr wahrscheinliches Ausmaß) so dünn, dass man lieber noch abwarten sollte? Auf jeden Fall müssen Medien, Institutionen und Organisationen mit Gesundheitswarnungen wesentlich verantwortungsvoller umgehen, als sie das bisher tun.

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[1] Die Frage, ob bestimmte Personen sensibel auf Handy- oder WLAN-Strahlung reagieren, wird natürlich heftig diskutiert. Allerdings können die Betroffenen in entsprechenden Studien ziemlich konsistent nicht unterscheiden, ob sie tatsächlich einem Feld ausgesetzt sind oder nicht. Die vielzitierten Studien über Tumorinzidenz zeigen, wenn überhaupt, nur winzige Effektgrößen und riechen massiv nach publication bias. Das Feld ist so abgeforscht, dass da in Zukunft kaum neue Erkenntnisse bei rumkommen werden, insofern kann man das Thema nach meinem Dafürhalten getrost unter Dinge An Denen Wir Nicht Sterben Werden ablegen und sich wichtigeren Themen widmen.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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