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Alt 19.04.2013, 16:40   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Alternativmedizin, Lebensqualität mit Krebs und die Schaden-kann-es-nicht-Hypothese - Allgemein

Heutzutage können Ärzte etwa die Hälfte aller Krebskranken dauerhaft heilen, aber für die meisten anderen kommt irgendwann der Punkt, an dem der Kampf verloren ist und es nur noch darum geht, in der restlichen Lebenszeit Leiden zu verminden. In diese Situation greifen Patienten und auch Ärzte oft auf "alternative" Methoden aller Art zurück, um die Lebensqualität in diesem Krankheitsstadium zu verbessern, durch Bewegung, Ernährung oder auch den Placebo-Effekt. Oder sie hoffen, was die Medizin nicht schafft, auf anderem Wege doch noch zu erreichen.

Der mehr oder weniger unausgesprochene Hintergedanke dabei ist: Selbst wenn es nichts bringt, schaden kann es ja nicht. Aber da sind Zweifel angebracht. In den Annals of Oncology ist gerade eine Studie erschienen, laut der alternativmedizinische Verfahren unter Umständen die Lebensqualität der Patienten verschlechtern können.

Ein koreanisches Team hat sich dazu insgesamt 481 Krebspatienten in 12 Kliniken angeguckt, allesamt mit Krebs im Endstadium und in palliativer Behandlung. Insgesamt verwendeten 42 Prozent der Probanden und Probandinnen zusätzlich zur medizinischen Behandlung alternative Verfahren. Wohlgemerkt geht es hier nicht nur um im engeren Sinne esoterische Praktiken, sondern um ein ganzes Sammelsurium von Methoden.

Die Mehrzahl der Patienten wählte nach Angaben der Forscher "biologisch basierte" Ansätze, darunter fallen Diäten, Nahrungsergänzungsmittel, Kräuterkram und dergleichen, dann gab es natürlich die klassischen esoterischen Gedankengebäude (Homöopathie, Ayurveda, TCM etc), und dazu eine breite Palette gemischter Interventionen, die von Tanztherapien über Meditation und Yoga bis zu Gesundbeten reicht.

Alternativ querbeet

Also ein bunter Strauß von Methoden außerhalb medizinischer Verfahren, alle mit dem Ziel, das Wohlbefinden der Patienten zu verbessern. Für's Überleben bringen all diese Methoden laut Studie nichts, aber das ist im Endstadium einer Krebserkrankung auch nicht zu erwarten - und auch nicht der Fokus der Studie. Es geht ums Wohlbefinden, um Handlungsfähigkeit und Schwere der Krankheitssymptome. Das messen die Forscher mit einem standardisierten Fragebogen namens EORTC QLQ-C30, der psychische, soziale und Körperliche Funktionen sowie eine Liste von Krankheitssymptomen abfragt.

Daraus bildet man dann einen Gesamtscore für die jeweiligen Gruppen. Fragt mich nicht, wie. Allerdings sind die meisten Unterschiede zwischen Patientengruppen in dieser Studie nicht signifikant oder - in den Worten der Studienautoren - klinisch nicht relevant. Das heißt, der Unterschied in den Scores ist zu klein, oder es sind zu wenig Patienten in der jeweiligen Teilgruppe. Letzteres zum Beispiel gilt für die Option "energy therapy" (Heilsteine? Orgon? Elektroschocks?), die nur bei einem Patienten vorkam. Da kann man natürlich keine belastbaren Aussagen machen.

Die beteiligten Forscher entnehmen den Daten drei generelle Schlussfolgerungen. Erstens vermelden, über alle Patienten betrachtet, Nutzer und Nutzerinnen alternativer Therapien deutlich stärkere Erschöpfungssymptome und schlechtere kognitive Fähigkeiten. Zweiten schneiden viele der alternativen Methoden in einzelnen Lebensqualitäts-Unterkategorien schlechter ab und drittens ist Gesundbeten mit deutlich geringeren Überlebenszeiten korreliert.

Offene Fragen

So weit ziemlich eindeutig, allerdings habe ich so meine Probleme mit der Untersuchung. Ich bin nicht sicher, was ich von den teilweise doch sehr zusammengeramschten Kategorien halten soll - Gesundbeten zum Beispiel ist in der gleichen Kategorie wie Kunsttherapie. Und dann sind die signifikanten Resultate auch ohne erkennbares Muster in die Daten eingesprengselt, und das macht mich etwas misstrauisch. Zumal in der Tabelle der Forscher 75 Zahlenpaare auftauchen, von denen vier einen signifikanten Unterschied zwischen Alternativ-Nutzern und Nicht-Nutzern zeigen.

Wir erinnern uns: "signifikant" bedeutet, dass ein bestimmtes Ergebnis mit einer Wahrscheinlichkeit von fünf Prozent oder weniger durch Zufall zustande käme, wenn es den angeblichen Effekt nicht gäbe. Das nennt man den p-Wert, und wenn der kleiner als 0,05 ist, ist das Ergebnis signifikant. Das heißt umgekehrt aber auch: Wenn wir in einer Untersuchung immer und immer wieder eine Wirkung nachzuweisen versuchen, die gar nicht existiert, dann hätten durch Zufall fünf Prozent unserer Ergebnisse einen p-Wert von 0,05 oder kleiner, würden also so aussehen, als sei da ein Effekt.

Und 5 Prozent von 75 sind knapp vier. Der Anteil von Zahlenpaaren mit einer Wahrscheinlichkeit von fünf Prozent (oder weniger) ist in dieser Studie etwa fünf Prozent. Hm.

Das geb ich mal so ohne abschließende Bewertung an die Statistikfraktion unter euch weiter. Edzard Ernst, der auch über diese Publikation gebloggt hat, hält die Ergebnisse jedenfalls nicht für statistische Ausreißer. Er verweist jedenfalls auf frühere Studien zu negativen Wirkungen alternativer Therapien, mit deren Ergebnissen die neuen Daten konsistent sind. Wobei er dann zu Recht anmerkt, dass das für sich genommen noch gar nichts beweist. Die Daten zeigen ja erstmal nur eine Korrelation. Über eine eventuelle Ursache-Wirkungs-Beziehung kann die Studie keine Aussagen machen.

Klare Aussagen Mangelware

Es könnte zum Beispiel einfach sein, dass die Nutzer alternativer Methoden im Durchschnitt einfach kränker sind als die anderen, und es ihnen entsprechend schlechter geht. Aber es ist eben auch möglich, dass einige der alternativen Therapien direkt Schaden anrichten oder die medizinische Behandlung stören.

All das wissen wir nicht, und zu diesen Schwächen kommen weitere Probleme mit der Studie hinzu, die die Autoren in der Veröffentlichung selbst benennen: Der Studienzeitraum ist mit einem Monat schlicht zu kurz, um kleinere Effekte festzustellen, die Untersuchung ist (natürlich) nicht randomisiert und einige der Teilgruppen haben zu wenig Mitglieder für eine vernünftige statistische Auswertung. Klare Aussagen in der einen oder anderen Richtung lassen sich nach meinem Dafürhalten daraus nicht ableiten.

Was allerdings zu denken geben sollte: Über die tatsächlichen Wirkungen der meisten in dieser Studie als "alternativ" bezeichneten nicht-medizinischen Strategien weiß man mangels Studien bisher vergleichsweise wenig. Aber man kann inzwischen davon ausgehen, dass auch sie ihre Risiken und Nebenwirkungen haben.

---

via Edzard Ernst



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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