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Alt 07.03.2013, 22:40   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Blog-Einträge: 12
Ein Zusammenhang zwischen Salz, Autoimmunerkrankungen und Allergien - Biologie

Seit ein paar Jahren gibt es ja die Diskussion, ob zu viel Salz im Essen gesundheitsschädlich ist. Speziell Fast Food ist nicht nur heiß und fettig, sondern auch meistens sehr salzig, und es geht das Wort, dass zu viel Salz das Schlaganfallrisiko erhöhe. Zwei neue Studien deuten jetzt auf ein bisher unbekanntes Salz-Risiko aus einer ganz anderen Richtung: Bei Krankheiten, bei denen das Immunsystem den eigenen Körper angreift.

Die Untersuchungen drehen sich um eine spezielle Sorte weißer Blutkörperchen, die bei einer ganzen Reihe Autoimmunerkrankungen eine Hauptrolle spielen, nämlich die im Jahr 2000 identifizierten TH17-Zellen. Wenn diese Leukozyten normal funktionieren, erzeugen sie eine heftige Entzündungsreaktion, mit der der Körper Krankheitserreger bekämpft, aber der von ihnen abgegebene Signalstoff Interleukin-17 scheint auch an selbstzerstörerischen Fehlfunktionen des Immunsystems beteiligt zu sein, und nach Ansicht einiger Wissenschaftlern auch an bestimmten Allergien. Der aktuelle Konsens scheint auf jeden Fall zu sein, dass Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose viel damit zu tun haben, dass dieser spezielle Zelltyp außer Kontrolle gerät.

Und dass die TH17-Zellen außer Kontrolle geraten, dafür scheint ausgerechnet Salz zu sorgen. Das jedenfalls ist die Aussage der beiden frischgepressten Studien, eine von US-Forschern, eine von einem internationalen Team, an dem auch Forscher aus Deutschland beteiligt sind. Wobei es bei den Untersuchungen erstmal überhaupt nicht um Ernährung geht. Im Fokus stehen biochemische Signalwege, die die Entstehung der TH17-Zellen regulieren.

Molekulare Scharfmacher

Naive T-Zellen wandeln sich in TH17-Zellen um, wenn sie von den Cytokinen TGF-beta1 und IL-6 dazu angestiftet werden. Das braucht ihr euch nicht zu merken, denn der interessante Teil kommt in der Spätphase ihrer Entwicklung. Dann nämlich werden sie vom Signalstoff IL-23 quasi scharf gemacht. Und dabei kommt das Salz ins Spiel. Es greift entscheidend in diesen Scharfmach-Signalweg ein.

Der betroffene Schalter ist ein Enzym namens SGK1. Es lässt die Zelle mehr Rezeptoren für das Scharfmach-Signal IL-23 bilden, so dass, plump gesagt, das Signal stärker wirkt. Nun ist SGK1 auch am Natriumhaushalt der Zelle beteiligt, und in dieser Funktion entsteht mehr davon, wenn mehr Salz in der Nähe ist. Dadurch aber entstehen gleichzeitig auch mehr IL-23-Rezeptoren und damit mehr aktive TH17-Zellen. Das funktioniert auch in Zellkultur so: Wenn man in einem ansonsten isotonischen Medium erhöhte Salzkonzentrationen (40-80 mM) einstellt, veranlasst das T-Zellen, zu TH17-Zellen zu werden.

Es sind aber nicht nur mehr TH17 Zellen, sie sind auch aggressiver - sie produzieren mehr entzündungsfördernde Signalstoffe, was natürlich einen Blick auf Autoimmunerkrankungen direkt nahelegt. Und das bestätigt sich auch im Tierversuch, da entwickelt eine Linie, die als Modell für Multiple Sklerose gezüchtet wurde, bei einer salzreichen Diät schwerere Symptome der Autoimmunerkrankung zeigten - die gleichen Mäuse mit inaktivierter SGK1 hatten schwächere Symptome.

Salz ist nur einer von vielen Faktoren

Im Zusammenhang mit der laufenden Diskussion um zu viel Salz im Essen, speziell Fast Food, ist das natürlich ein spannendes Ergebnis, zumal wir ja in den letzten Jahren einen erheblichen Anstieg bei den Autoimmunerkrankungen und Allergien gesehen haben, dessen Ursache noch völlig unklar ist. Ein Zusammenhang zwischen Salz und den diversen entzündlichen Immunstörungen würde zumindest einiges erklären.

Von voreiligen Schlussfolgerungen würde ich allerdings erstmal abraten. Die Autoimmunkrankheit bei den Mäusen ist gezielt künstlich erzeugt - ob Salz den gleichen Effekt bei spontan auftretenden Erkrankungen hat, ist völlig offen. Und natürlich sind die Zusammenhänge rund um TH17-Zellen weitaus komplizierter als ich hier dargestellt habe. Erstens gibt es verschiedene Arten dieser Blutkörperchen, und nicht alle hängen mit krankhaften Immunreaktionen zusammen. Umgekehrt produzieren auch andere Zellen IL-17 und ähnliche Substanzen; welche Rolle sie spielen, wissen wir vorerst nicht.

Und dann sind Autoimmunerkrankungen natürlich auch alle sehr unterschiedlich. Einige, zum Beispiel Schuppenflechte, werden besser, wenn man IL-17 ausbremst, andere dagegen nachweislich nicht. Und insgesamt spielen bei solchen Krankheiten ja auch erbliche Anlagen und andere Umweltbedingungen wie zum Beispiel Mikroorganismen wesentliche Rollen. Selbst wenn sich die Ergebnisse bestätigten, wäre Salz nur einer von vielen ineinandergreifenden Faktoren. Aber andererseits ist eine salzarme Ernährung wahrscheinlich einigermaßen unschädlich[1] und recht einfach zu bewerkstelligen. Wir können also damit rechnen, dass es zu diesem Thema bald klinische Untersuchungen an menschlichen Patienten gibt.

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[1] Mit der Einschränkung, dass z.B. dieses JAMA-Paper auf einen mutmaßlichen Zusammenhang zwischen zu wenig Salz und höherer Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Krankheiten hindeutet.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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