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Alt 28.11.2012, 19:10   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Blog-Einträge: 12
Dennis L Meadows, die Grenzen des Wachstums 2012 und die Systemfrage - Klima und Umwelt

In die Zukunft zu blicken, sagt Dennis L. Meadows, ist wie einen Code zu entschlüsseln. Deswegen spielte er heute zuerst einmal ein kleines Spiel mit seinem Publikum beim Symposium. Anhand einiger von ihm gemalter Symbole sollten wir entschlüsseln, welche der Zahlen von eins bis fünf er gerade im Sinn hatte. Natürlich hatte das Gekrakel nichts mit irgendeinem Code zu tun - er zeigte, wie sich schnell herausstellte - beim Zeichnen einfach mit der anderen Hand an, welche Zahl er meinte.

Danach wissen wir zwar immer noch nicht, was die Zukunft mit Codes zu tun hat, aber die Botschaft bringt er so auf jeden Fall rüber: Wenn man wissen will, wie die Zukunft wird, muss man über den Tellerrand hinausblicken. Und der Teller ist die nachhaltige Entwicklung. Meadows ist Koautor der Grenzen des Wachstums von 1972 und damit ziemlich zentral für diese Veranstaltung, er tritt in gleich drei Panels auf. Die VolkswagenStiftung[1] will auf dem Symposium eine Art Bilanz ziehen über die letzten 40 Jahre, seit die Studie erschien, wie wir heute dastehen und natürlich auch wie es in Zukunft weitergehen könnte. Die erste Veranstaltung mit Vorträgen von Harald Welzer und ihm war dann auch gleich ein schöner Rundumschlag, den ich euch nicht vorenthalten will.

(Ich berichte im Auftrag der Stiftung von der Konferenz, zum Hintergrund und Disclaimer geht es hier lang)

Man kann das erste Panel kurz so zusammenfassen: Es sieht ziemlich gruselig aus. Die Welt hat zwar die grundsätzliche Idee von Grenzen des Wachstums so leidlich akzeptiert, und es gibt haufenweise Konferenzen, Initiativen und Strategiepapiere gegen das Problem, aber es ändert sich halt nichts. Am besten kann man das bei der Klimapolitik sehen. Da wächst nicht nur der CO2-Ausstoß weiterhin, sondern inzwischen auch die COP-Klimakonferenz selbst, mit der Zeit exponentiell. Aber bei Rohstoffen, Wasser, Boden und so weiter läuft es ähnlich.

Im Zentrum des Problems ist laut unserer Panelisten die nachhaltige Entwicklung. Die basiert laut Meadows auf fünf Grundannahmen: Erstens behalten alle Reichen was sie haben, zweitens werden die Armen dabei genauso reich wie die Reichen. Drittens funktioniert das Ganze, ohne dass wir irgendwas am Wirtschaftssystem ändern müssen, viertens wird Technik den Energieverbrauch von der Wirtschaftsleistung abkoppeln und fünftens wird das ganze überhaupt erst ermöglicht durch ganz viel Wachstum, das uns ganz viele wichtige Ressourcen bringt, mit denen wir die Probleme lösen, die wir durch das Wachstum... äh...

Dennis L. Meadows im Gespräch mit einem Nachwuchswissenschaftler.


Meadows überzeichnet das natürlich maßlos, aber er beschreibt die Verlockungen des Ansatzes für die Politik: Niemand muss wegen der unschönen Sache mit dem Weltuntergang irgendetwas ändern oder gar auf Dinge verzichten, schon gar nicht die, die schon gut versorgt sind - also wir. Im Grunde ist es ein globales Kartell des Wunschdenkens, das die globale Zukunftsplanung besetzt. Es gibt sehr wohl Nachhaltigkeitsinitiativen, die nicht so naiv daherkommen wie Meadows sie hier zeichnet, aber dass sie wenig ändern, ist anhand der Zahlen leicht ersichtlich: Das exponentielle Wachstum ist seit 1972 an allen Fronten weiter gegangen und wird es - siehe Kohlendioxid - weiterhin tun. Der einzige Lichtblick ist die Bevölkerung, aber auch die wächst jetzt nur langsamer exponentiell. Und beim gegenwärtigen Wirtschaftssystem ist sie schon jetzt viel zu groß. Insofern lässt sich die Schlussfolgerung kaum umgehen, dass das ganze gerade voll in die Hose geht, selbst wenn man nicht so ein bekennender Apokalyptiker ist wie ich. Oder halt Meadows. Er hat sogar eines meiner Lieblings-Weltuntergangs-Paper zitiert, den Blogpost findet ihr hier. Ihr könnt euch sicher denken, dass man mich nicht dafür zu bezahlen braucht, dass ich ihm Recht gebe.

Womit wir auch zum eigentlich spannenden Punkt kommen, nämlich was machen wir nun? Mal abgesehen von der klassischen Independence-Day-Antwort natürlich. Dabei geht es um die Widerstandskraft einer Gesellschaft gegenüber Veränderungen und Katastrophen, und für diesen zentralen Punkt hat besonders die industrialisierte Welt, laut Harald Welzer von FUTURZWEI in der gleichen Veranstaltung, kein Konzept: Im Notfall sind wir als Einzelne meist hilflos und verlassen uns auf Institutionen wie Feuerwehr oder generell den Staat, um mit den Folgen von Katastrophen und Veränderungen klarzukommen. In Zukunft kann der Staat das nicht mehr leisten (warum eigentlich nicht? Discuss!) und die einzelnen Bürger werden quasi aus Eigeninitiative den Veränderungsdruck auffangen müssen.

Für Meadows und Welzer ist die ganze heutige Diskussion um Ressourcen, Klima, Nahrungsmittel und so weiter pure Augenwischerei. Meadows geht allerdings davon aus, dass die nächsten 30 Jahre mehr Veränderungen bringen als die letzten 100, Technik hin oder her. Das Zeitfenster für eine sanfte Landung, sagt er, hat sich geschlossen, und jetzt müssen wir zusehen, dass wir die eher ruppige und unkontrollierte Korrektur des überschießenden Wachstums einigermaßen heil überstehen.

Das erfordert erhebliche soziale, nicht technische Veränderungen, und das in einer Zeit, die eigentlich alle ihre Probleme technisch lösen will. Deswegen fordert Welzer auch, die Debatte zu re-politisieren: Weg von technischen oder ökonomischen Lösungen hin zu der Frage, wie die Gesellschaft in Zukunft aussehen kann und wird. Zur Systemfrage, so gesehen.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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