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Alt 11.03.2012, 01:20   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Wie der Klimawandel Schokolade teuer macht - Klima und Umwelt

Letzten September erschien eine Studie, die ein für dieses Thema ungewöhnliches Presseecho hervorrief -sie kommt zu dem Schluss, dass etwa die Hälfte der Weltproduktion an Kakao durch den Klimawandel bedroht ist. Schokolade könnte langfristig auch bei uns wieder ein teures Luxusgut werden.

Die Landwirtschaft in Ghana und der Elfenbeinküste interessiert hierzulande eigentlich nur Spezialisten. Im Fall der im September 2011 erschienenen Agrarstudie liegt die Sache jedoch anders - es geht um um Kakao und darum, dass der Schokoladenrohstoff in Zukunft dank des Klimawandels knapp werden könnte - ein Horrorszenario.[1]


Die Studie stammt vom Centro Internacional de Agricultura Tropical (CIAT), das über die CGIAR von den Industrieländern finanziert wird und der Landwirtschaft in tropischen Ländern wissenschaftliche Expertise zur Verfügung stellt, und befasst sich mit den Bedingungen für die Kakaokultur in Westafrika. Da Ghana und die Elfenbeinküste etwa die Hälfte der weltweiten Kakaoproduktion bestreiten, betrifft das Ergebnis der Untersuchung nicht nur die Region, sondern die globale Schokoladenwirtschaft.

Die wichtigste Schlussfolgerung der Studie ist, dass die Bedingungen für Kakao in der Küstenregion, wo sie heute hervorragend gedeiht, deutlich schlechter werden. Die Vorhersage basiert auf einem Ensemble von 21 globalen Klimamodellen[2], die die Forscher mit tatsächlichen Klima- und Wetterdaten korreliert haben, um eine Beziehung zwischen Klimaparametern und landwirtschaftlich relevanten Größen wie Höchst- und Tiefsttemperaturen, jahreszeitlichen Schwankungen der Niederschläge und dergleichen herzustellen.

Zu heiß für Kakao?

Unter der Annahme, dass die Abhängigkeiten der einzelnen Variablen untereinander über den Simulationszeitraum erhalten bleibt, liefert das Klimamodell so die zukünftigen Wetter- und Klimaparameter in der Region. Ein Statistikprogramm namens MAXENT (Maximal Entropy) errechnet dann auf der Basis der verschiedenen Klimabedingungen in den heutigen Anbaugebieten, wie sich die veränderten Parameter (das ist eine ganze Liste) auf Gedeihen und Ertrag der Kakaopflanzen auswirken.



Klimatische Eignung für den Kakaoanbau heute und 2030, berechnet mit dem CIAT-Modell. Die grauen Flecken im Anbaugebiet sind Schutzgebiete, die für die Landwirtschaft nicht zur Verfügung stehen. Quelle: CIAT-Studie.

Als wichtigsten Faktor identifizieren die Forscher[3] die steigenden Temperaturen. Kakao wächst bevorzugt in sehr feuchten Regionen mit Jahresmitteltemperaturen zwischen 22 und 25 Grad - in Westafrika liegen die entsprechenden Mittelwerte zwischen 24 und 29 Grad, also schon im oberen Bereich der Wohlfühlspanne für die Kakaopflanze. Nach den Klimamodellen wird die Jahresmitteltemperatur in Ghana und der Elfenbeinküste bis 2030 um 1,1 bis etwa 1,4 Grad steigen - genug, dass es der Kakaopflanze in vielen Regionen zu heiß wird.

Durch den Temperaturanstieg verschiebt sich das Optimum für den Kakaoanbau tendenziell in größere Höhen, wo es etwa kühler ist. Heute wächst die Pflanze am besten zwischen 100 und 250 Metern über dem Meeresspiegel, und diese ideale Höhenlage wird sich laut Modell mit steigenden Temperaturen verschieben - bis auf etwa 450 bis 500 Meter im Jahr 2050. Der Haken an der Sache ist, dass der allergrößte Teil der für Kakao in Frage kommenden Region zwischen 100 und etwa 350 Meter hoch liegt - die Bedingungen für Kakao werden sich in einigen Gebieten verbessern, die machen jedoch nur einen Bruchteil der Fläche aus, die nach dem Modell verloren geht.



Höhenlage der Landflächen in Ghana und der Elfenbeinküste und die zugehörige Eignung für den Kakao-Anbau heute und um 2050, berechnet mit MAXENT auf der Basis der GCM-Klimadaten. Quelle: CIAT-Studie.

Ein Problem wird aus den verschobenen Klimazonen durch die Besonderheiten der Kakaopflanze und ihrer Kultivierung. Der Kakaobaum muss bis zu zehn Jahre wachsen, bis er seinen gewohnten Ertrag liefert. Dank dieser Verzögerung schwankte der Preis für seinen Bohnen schon in der Vergangenheit zwischen Extremen: In den 70er Jahren erreichte er schon einmal über 3000 Dollar pro Tonne, als die Nachfrage das Angebot überstieg. Als Reaktion stieg die Produktion und die Lager füllten sich, woraufhin der Preis in den 90er Jahren in den Keller fiel. 2010 erreichte er ein neues Hoch und fällt seitdem wieder.

Schokolade wird teuer

Derartige Preisschwankungen nehmen seit Jahren an Intensität zu, denn Kakaobohnen sind ein recht beliebtes Spekulationsobjekt, insbesondere seit Hedge Funds die Bohne als Gegenstand kurzfristiger Kontrakte entdeckt haben. Für Spekulanten ist Kakao attraktiv, weil die meisten Anbaugebiete in ärmeren und teilweise instabilen Ländern liegen und die Produktion nicht kurzfristig auf Engpässe reagieren kann. Das Handelsvolumen der Derivate liegt derzeit etwa beim Zehnfachen des Wertes der jährlichen Kakaoernten.

Die Preise für Kakao sind deswegen gegenüber Produktionsengpässen potentiell recht empfindlich, und Schokolade könnte entsprechend auch bei uns in Zukunft deutlich teurer werden, wenn sich die Bauern in den Erzeugerländern nicht frühzeitig auf die veränderten Bedingungen einstellen. Gerade das dürfte sich allerdings als schwierig erweisen.

Die CIAT empfiehlt den betroffenen Bauern, dem Wandel mit widerstandsfähigeren Kakaosorten und besserer Technologie zu begegnen. Die meisten Pflanzer in Westafrika allerdings sind Kleinbauern mit begrenzten Ressourcen und vor allem eingeschränktem Zugang zu Krediten und Know-How. Inwieweit die Mehrheit dieser Produzenten in der Lage ist, die Kakaoproduktion unter erschwerten Bedingungen aufrecht zu erhalten, ist recht fraglich. Wahrscheinlich ist es für die meisten Bauern schlicht sinnvoller, einer weiteren Empfehlung der Studie zu folgen: Einfach andere Feldfrüchte anzubauen statt Kakao.
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[1] Außer für Dierk, aber der zählt nicht.

[2] GCMs, die auch für gängige Klimasimulationen verwendet werden. Das zugrundeliegende Treibhausgas-Szenario ist SRES A2, das von einem moderaten Anstieg der Treibhausgas-Emissionen ausgeht.

[3] Die Studie ist graue Literatur, d.h. nicht in einem Fachjournal veröffentlich, und die beteiligten Forscher sind bei der CIAT angestellt.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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