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Alt 11.03.2012, 01:20   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Verändert die Grippeimpfung menschliches Verhalten? - Verhaltensforschung

In einer Studie haben Probanden nach der Grippeimpfung mehr Sozialkontakte als sonst. Macht der Erreger Menschen unbewusst extrovertierter, um sich besser zu verbreiten?



Die Geschichte mit der Zombie-Ameise, die sich von einem Parasiten gelenkt in einen Grashalm verbeißt, hat wohl jeder schon mal gehört, und im Tierreich sind reichlich andere Beispiele solcher unheimlicher Fremdsteuerungen bekannt. Das ist gruselig, aber taxonomisch beruhigend weit entfernt. Man hat es bis vor kurzer Zeit schlicht für unmöglich gehalten, dass Mikroorganismen dazu in der Lage sein könnten, menschliches Verhalten zu manipulieren. Aufs Krankenlager werfen ja, fernsteuern - nein.

Daran sind inzwischen Zweifel aufgekommen, dank dem häufig vorkommenden Einzeller Toxoplasma gondii, der unter anderem auch Menschen befällt. Derzeit gewinnt die These Anhänger, dass Toxoplasma auch bei uns subtile Veränderungen der Persönlichkeit hervorruft. Was aber, wenn das nur die Spitze des Eisberges ist? Ich bin auf eine Forschungsarbeit gestoßen, die womöglich genau das nahelegt.

Die Veröffentlichung in Annals of Epidemiology befasst sich mit menschlichem Verhalten während einer Infektion. Wir wissen, dass wir als Reaktion auf die Krankheitssymptome unser Verhalten ändern - jammern, schniefen, Wadenwickel - die beteiligten Forscherinnen und Forscher fragen sich jedoch, ob der Erreger schon vor dem Einsetzen der Symptome unser Tun und Lassen manipuliert.

Von der Grippe gesteuert?

Man könnte ganz einfach herausfinden, ob ein Krankheitserreger das Verhalten von Menschen beeinflusst, indem man gesunde Menschen mit dem Pathogen infiziert und dann guckt was passiert. Allerdings sind derartige Menschenversuche in der Medizin seit ein paar Jahren verpönt. Es gibt aber noch eine Möglichkeit. Bei einer Impfung nämlich tut man nichts anderes als das Immunsystem gezielt mit einem Erreger oder seinen Komponenten in Kontakt zu bringen. Natürlich sind die Impfstoffe darauf ausgelegt, nur die erwünschte Immunreaktion, nicht aber die Krankheit selbst hervorzurufen - trotzdem können dabei auch andere, unerwartete Effekte auftreten, wie die Studie von Reiber und Moore demonstriert.

Vor der Grippe noch schnell zum Festival? Bild: Lars Fischer, CC-BY-SA


Das in der Veröffentlichung beschriebene Experiment basiert auf der Hypothese, dass ein Virus, das durch Kontakt zwischen Menschen übertragen wird, von mehr zwischenmenschlichen Kontakten in der infektiösen Phase profitiert, und uns deswegen nach der Infektion Gesellschaft suchen lässt. Das klingt beängstigend, umso mehr als bei der Grippe genau das zu passieren scheint.

Die Grippe ist für diesen Versuch gut geeignet, weil es hier jährliche Impfkampagnen mit einem standardisierten und gut erforschten Impfstoff gibt und der fragliche Zeitraum recht kurz ist. Grippeinfizierte sind etwa zwei Tage nach der Impfung Infektion maximal infektiös, und nach dieser Zeitspanne setzen auch bald die Symptome ein, die Infizierte recht zuverlässig daran hindern, in Gesellschaft einen drauf zu machen. Für das Experiment reicht es also, Daten über das Verhalten an zwei Tagen zu sammeln, was mit einer sorgfältigen Befragung mühelos möglich ist.

Die Wissenschaftler verwendeten die Probanden als ihre eigene Kontrollgruppe, indem sie ihre sozialen Kontakte an den zwei Tagen vor der Impfung, den zwei Tagen danach und noch mal an zwei Tagen einen Monat später abgefragt haben - insgesamt also zwei Tage, an denen sie einen Effekt erwarteten und vier "normale" Tage zur Kontrolle. Die zwei Tage einen Monat später waren für alle Patienten die gleichen Wochentage wie die beiden Tage direkt nach der Impfung, um zu verhindern, dass Wochenenden zu falschen Party-Signalen führen.

Grippeimpfung - unvorhergesehene Nebenwirkungen? Bild: CDC


Natürlich haben die Teilnehmer nicht erfahren, dass es um die Grippeimpfung ging - die Forscher haben ihre Testpersonen einfach in einer Impfstelle angesprochen. Der Vorwand war eine Untersuchung über Sozialverhalten und Gesundheitszustand, so dass die Forscher auch gleich eventuelle Störeffekte durch andere Erkrankungen auf dem Schirm hatten.

Ein Problem der Studie, das sich nicht so einfach wegdiskutieren lässt, ist die geringe Teilnehmerzahl. Die Befragungen sind relativ aufwendig, so dass man nicht einfach mal hunderte Leute rekrutieren kann. In diesem Fall haben 26 Probanden die Studie mitgemacht, das ist nicht so wahnsinnig viel und vor allem zu wenig um wirklich definitive Aussagen zu treffen.

Mehr Kontakte nach der Impfung

Das Ergebnis ist trotzdem bemerkenswert, wie man in der Abbildung erkennen kann: Die Wertebereiche für die drei Zeiträume überlappen sich zwar, man erkennt aber für den Zeitraum nach der Impfung eine recht deutliche Verschiebung in Richtung mehr Sozialkontakte, in Einzelfällen weit mehr. Das liegt nicht daran, dass die Leute mehr unternommen hätten, sondern dass die Anzahl der Kontakte pro Ereignis massiv nach oben gegangen ist. Die durchschnittliche Anzahl an Personen, mit denen die Probanden interagierten, hat sich nach der Impfung glatt verdoppelt. Die Forscher verweisen darauf, dass sich an den Zahlen nicht merklich etwas ändert, wenn man den einen extremen Teilnehmer aus der Studie herausnimmt, der nach der Impfung (angeblich spontan) eine Veranstaltung mit 1000 Gästen organisierte...

Anzahl der Sozialkontakte bei der Probandengruppen in den jeweiligen Zwei-Tages-Zeiträumen. Quelle: Reiber et al., Ann Epidemiol 2010;20:729–733.


Es lohnt sich nicht, die Zahlen zu genau anzugucken, weil die Gruppengröße zu klein ist, um da detaillierte Schlussfolgerungen zu ziehen. Außerdem bin ich bei Selbstauskünften notorisch skeptisch. Insgesamt deutet das Ergebnis aber schon darauf hin, dass da etwas unheimliches passiert.

Das Ganze ist umso kurioser, weil für die ursprüngliche Hypothese eine wichtige Komponente fehlt: Das Grippevirus selbst nämlich. Der Impfstoff enthält nämlich nur das Hämagglutinin der Grippeviren, also die spezifischen Antigene, die das Virus an seiner Oberfläche präsentiert, und auch die nur in weitaus kleineren Konzentrationen als sie während einer echten Grippeinfektion im Körper auftreten. Was also definitiv in diesem Versuch nicht passiert ist, ist eine klassische Zombiefizierung durch den Erreger nach dem Muster der bedauernswerten Ameise.

Viele Fragen, wenig Antworten

Die Forscher überlegen, ob es sich um eine bewusste Reaktion handelt, dass sich die Teilnehmer dank der Impfung für besser geschützt hielten und deswegen aktiver waren. Sie verwerfen die Hypothese mit dem Argument, dafür hätte die Befragung Indizien zutage gefördert und das sei nicht der Fall gewesen. Kann ich nicht beurteilen, aber ich halte die Argumentation auch für eher waghalsig. Eine Reaktion auf die Befragung nach dem Sozialverhalten ist auch unwahrscheinlich, denn die hätte sich bei der Kontrolle vier Wochen später ebenfalls gezeigt

Bleibt als Übeltäter nur die Immunreaktion. Die produziert Cytokine und Chemokine, die sehr wohl aufs Zentralnervensystem wirken können. Ob sie es tun, weiß man nicht, und auch nicht wie. Und damit stellt sich natürlich auch die Frage, ob die ursprüngliche Hypothese, dass der Erreger profitiert, überhaupt richtig ist. Vielleicht sind wir auch diejenigen, denen das zugute kommt, eventuell weil für eine Menschengruppe eine kurze, heftige Epidemie weniger schädlich ist als eine, die sich hinzieht. Spekulation. Im Moment produziert das Experiment von Reiber und Moore weit mehr mehr Fragen als es beantwortet.

Einen Ausweg gibt es natürlich noch: Es ist möglich, dass alle drei beobachteten Verteilungsmuster der Sozialkontakte für den Zeitraum von zwei Tagen ziemlich normal sind und man derartige Schwankungen in einer derart kleinen Stichprobe schlicht erwarten kann. Dann wäre die zur Hypothese passende Anordnung der drei Tage Zufall. Es wäre allerdings schon ein erstaunlicher Zufall.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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