Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung
Buchtipp
Reise zum Mittelpunkt des Frühstückseis
L. Fisher
21.50 €

Buchcover

Anzeige
Stichwortwolke
forum

Zurück   ChemieOnline Forum > ChemieOnline.de > Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung

Hinweise

Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung Newsfeeds unterschiedlicher Nachrichtenquellen

Anzeige

Antwort
 
Themen-Optionen Ansicht
Alt 08.06.2011, 23:40   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
Moderator
Themenersteller
Beiträge: 12.173
Blog-Einträge: 12
HUSEC 41 - ein schlechtes Zeichen für die Zukunft - Biologie

Ein ziemlich gruseliger Aspekt der ganzen Geschichte um O104:H4 alias HUSEC 41 alias EHEC hat bisher noch vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erregt, nämlich sein bemerkenswertes Resistenzprofil. Glücklicherweise ist das für die Therapie der von diesem Keim ausgelösten Krankheiten eh nicht von Belang, denn Antibiotika verschlimmern die Symptome möglicherweise noch.

Aber HUS ist ja nicht die einzige von E. coli ausgelöste Krankheit, im Gegenteil. Ein beträchtlicher Anteil aller bakterieller Infektionen geht auf verschiedene Varianten dieses Bakteriums zurück. Aus dem letzten Annual report of the European Antimicrobial Resistance Surveillance Network (EARS-Net) von 2009:
It is the most frequent cause of bacteremia, community and hospital-acquired urinary tract infections, is associated with spontaneous and surgical peritonitis and with skin and soft tissue infections due to multiple microorganisms, causes neonatal meningitis and is one of the most important foodborne pathogens worldwide.
All das sind so "kleine" Infektionen, die heutzutage kaum noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken, denn wir haben ja Antibiotika, mit denen wir derlei Kleinkram ohne größere Probleme loswerden. Aber wie lange noch?

Der E. coli aus den aktuellen Schlagzeilen ist gleich in zweifacher Hinsicht ein ganz schlechtes Omen für die Zukunft. Zuerst einmal ist HUSEC 41 resistent gegen - luftholen - Ampicillin, Amoxicillin/Clavulansäure, Piperacillin/Sulbactam, Piperacillin/Tazobactam, Cefuroxim, Cefuroxim-Axetil, Cefoxitin, Cefotaxim, Cetfazidim, Cefpodoxim, Tetracyclin, Trimethoprim/Sulfamethoxazol, Nalidixinsäure und Streptomycin.

Das ist schon eine ganz beeindruckende Liste, sie umfasst acht Antibiotikaklassen. Außerdem bildet das Bakterium gleich zwei Extended-Spectrum Beta-Lactamasen (ESBL), die gegen alle Penicillinderivate und viele Cephalosporine resistent macht. Und der zweite Punkt ist: Auch wenn wir noch nicht wissen wo HUSEC 41 letztendlich herkommt, eins ist anscheinend klar - Er kommt nicht aus einem Krankenhaus (sonst würde man ihn kennen), und das heißt, seine beeindruckende Sammlung an Resistenzgenen kursiert in freier Wildbahn. Wo das herkommt gibt es noch mehr multiresistente Bakterien.

Multiresistente Erreger - neben S. Aureus auch so Viecher wie Klebsiella, in denen wir ESBL erstmals kennengelernt haben - reagieren kaum noch auf klassische Antibiotika und sind entsprechend langwierig und schwer zu behandeln. Natürlich sind solche Viecher jetzt nichts so wahnsinnig Neues. Mit MRSA und Kollegen ärgern wir uns schon eine ganze Weile rum. Das allerdings waren bisher weit überwiegend Keime, die innerhalb von Krankenhäusern grassierten, wo Bakterien natürlich mit vielen Antibiotika in Kontakt kommen und entsprechende Resistenzen erwerben. Das ist lästig, teuer und oft auch tödlich, aber man kann diese nosokomialen Infektionen durch konsequente Hygiene deutlich zurückdrängen.

Aber das sind eben Krankenhauskeime, und die machen nur einen winzigen Teil aller bakteriellen Infektionen aus, selbst auf Intensivstationen ist ihr Anteil gering. Wissenschaftler und Ärzte warnen allerdings schon lange, dass immer mehr dieser Resistenzen in freier Wildbahn auftauchen. Seit ein paar Jahren kennen wir Fälle von community-associated MRSA, die sich Leute nicht im Krankenhaus, sondern einfach irgendwo eingefangen haben, und die von ESBL ausgelösten Resistenzen tauchen inzwischen auch überwiegend in E. coli-Infektionen außerhalb des Krankenhauses auf. Und gerade E. coli ist wie gesagt nicht irgendein Keim.


Anteil Fluorchinolon-resistenter humanpathogener E. coli in den EU-Ländern. Quelle: Annual report of the European Antimicrobial Resistance Surveillance Network (EARS-Net) von 2009

Tatsächlich beobachten Forscher schon seit Jahren gerade bei E. coli einen beunruhigenden Trend zu mehr Resistenzen. Im letzten Annual report of the European Antimicrobial Resistance Surveillance Network (EARS-Net), Link siehe oben, hat das ECDC extra ein Kapitel eingefügt, in dem diese Entwicklung im Detail beschrieben wird. In der Mehrzahl aller 28 beteiligten Länder waren mehr als die Hälfte der pathogenen E. coli-Isolate gegen Aminopenicilline resistent, in 16 von 28 steigt die Anzahl der gegen Cephalosporine der dritten Generation resistenten Stämme, in zehn Ländern die der multiresistenten Stämme. Etwa die Hälfte der Länder berichtet von mehr als 20 Prozent Fluorochinolon-Resistenz.

Und jetzt taucht praktisch aus dem Nichts dieser HUSEC 41 mit seinem Dutzend Resistenzen auf und wir wissen nichts darüber, wo er herkommt, wie er an dieses beeindruckende Arsenal gekommen ist und was da sonst noch so an Krankheitserregern lauert. Na herzlichen Glückwunsch!



Weiterlesen...

Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
Godwael ist offline   Mit Zitat antworten
Anzeige
Anzeige


Antwort

Lesezeichen

Themen-Optionen
Ansicht

Gehe zu

Ähnliche Themen
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Zukunft der Biologie/Physik/Biophysik Maiki2 Off-Topic 1 24.07.2011 21:23
Blick in die Zukunft: Ein Laborexperiment zur übersinnlichen Wahrnehmung - Verhaltensforschung Godwael Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung 0 31.01.2011 10:41
Die Arsen-Bakterien: Doch ein lohnendes Forschungsobjekt? - Biologie Godwael Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung 0 07.12.2010 22:30
Die Biologie hat ein langes Gedächtnis - Fische machen Spurenbelastungen erkennbar tbeyer Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung 0 19.09.2007 08:00
Chancen für die Zukunft: Bayerische Initiative „GMES bavAIRia“ CO-Newsbot Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung 0 03.10.2006 14:20


Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 05:33 Uhr.



Anzeige