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Alt 31.01.2011, 10:41   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Blick in die Zukunft: Ein Laborexperiment zur übersinnlichen Wahrnehmung - Verhaltensforschung

Für den größten Teil der Geschichte waren sich die Menschen ziemlich sicher, dass man zukünftige Ereignisse zumindest im Prinzip vorhersehen kann. Die klassischen Dramen sind voll mit Orakeln, die schlimmes Verhängnis ankündigen, das sich dann auch - meistens durch den Versuch es zu vermeiden - zuverlässig einstellt. In systematische Untersuchungen seit Beginn der Neuzeit haben sich die vermeintlichen übersinnlichen Wahrnehmungen nach und nach als Hirngespinste erwiesen[1], so ganz tot ist das Thema allerdings bis heute nicht.

Der neueste Versuch, sich der Präkognition wissenschaftlich zu nähern stammt von Daryl J. Bem von der Cornell University, einem angesehenen Sozialpsychologen, der sich unter anderem mit Arbeiten zur sexuellen Orientierung einen Namen gemacht hat. Bem hat im Journal of Personality and Social Psychology eine Reihe von Experimenten publiziert (pdf), die nach seiner Interpretation darauf hindeuten, dass seine Probanden - insgesamt über 1000 - in der Lage waren, zukünftige Ereignisse vorauszuahnen.

Das ganze hat natürlich sofort Ärger gegeben, und es ist auch schon ein Artikel mit dem Versuch einer Widerlegung erschienen. Dessen Autoren kritisieren vor allem Bems statistische Verfahren, die er einsetzen musste, um den Effekt zu belegen - denn was Bem entdeckt zu haben glaubt, ist nur eine tendenzielle Beeinflussung seiner Probanden durch das zukünftige Ereignis, nicht mehr.

Er hat dazu einige gängige psychologische Experimente quasi umgedreht - seine Probanden mussten sich zum Beispiel Wortpaare merken und anschließend einige der beteiligten Vokabeln auswendig lernen, vor dem Erscheinen eines erotischen Bildes vorhersagen, auf welcher Seite des Monitors es erscheinen würde und so weiter. Also einfach die Tests, mit denen man in der Psychologie bestimmte Einflüsse misst, nur rückwärts in der Zeit. Bem hat nun also einen positiven Befund, den er für statistisch signifikant hält, während seine Kritiker ihm methodische Schwächen vorwerfen und in der Studie insgesamt ein Indiz dafür sehen, dass die statistischen Methoden der Psychologie insgesamt nicht stringent genug sind. Man kann die Kritik hier im Detail nachlesen.

Ich kann als Statistik-Laie dazu nicht allzu viel sagen, mir ist allerdings beim Lesen des Papers ein anderer Gedanke gekommen: Derartige Experimente werden jeden Tag durchgeführt, weltweit, mit Millionen Probanden und in einer Weise, dass ein eventueller Präkognitionseffekt beträchtliche ökonomische Relevanz hätte. Auch wenn er sehr klein ist.

Ich rede von Glücksspiel. Ein Lotterieanbieter oder ein Casino mit Roulettetischen bietet ja gegen Geld eine Wette auf ein bestimmtes zukünftiges Ereignis an. Je nachdem wie präzise die Spieler das Ergebnis (zum Beispiel die Lottozahlen) erraten hat, bekommen sie hinterher Gewinne ausbezahlt. Natürlich muss der Anbieter den Gewinnschlüssel so einrichten, dass er insgesamt mehr Geld aus den Einnahmen behält als er in Form von Gewinnen auszahlt. Und dazu muss er die Wahrscheinlichkeitsverteilung aller Gewinne einer großen Menge von Spielern kennen.

Der Clou ist: Wenn es eine Präkognition nach dem Muster von Bem gäbe, dann müsste sie dazu führen, dass die Wahrscheinlichkeit für richtige Tipps in allen derartigen Glücksspielen über der Quote liegt, die man rein statistisch erwarten sollte. Und dann müsste es zwangsläufig in den Kalkulationen von Lotteriegesellschaften, Casinos, Buchmachern undsoweiter einen entsprechenden Korrekturterm, nennen wir ihn Psi-Faktor, geben, um den die erwartete Gewinnausschüttung für einen gegebenen Gewinnschlüssel gegenüber der statistischen Erwartung nach oben korrigiert wird - ansonsten bleibt nicht genug Geld um die Kosten zu decken.

Und wenn es so etwas gäbe, hätten die Psi-Fans das doch sicher schon längst überall rumerzählt, oder?
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[1] Psi-Phänomene verschiedener Art waren im 19. Jahrhundert durchaus ein angesehenes Forschungsthema. Berühmt wurde zum Beispiel der Versuch, das Gewicht der Seele zu bestimmen.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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