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Alt 28.05.2010, 11:30   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Kick it like Einstein: Der Klimawandel kommt nach Kalundborg - Klima und Umwelt

Dass die Klimaforschung fü;r Dänemark eine besondere Bewandtnis hat, liegt nahe. Einerseits hat das Land mit Grö;nland einen ganz substanziellen Fuß in der Tü;r, wenn es um die Erschließung der zunehmend eisfreien Arktis geht, zum anderen liegt eben dort auch der zweitgrö;ßte Eispanzer des Planeten, der fü;r sich allein genommen den Meeresspiegel um sieben Meter steigen lassen kö;nnte.


Das wiederum ist fü;r den Rest Dänemarks relevant, denn das Land zwischen Nord- und Ostsee ist streng genommen kaum mehr als ein Stück Rasen auf Meeresniveau. Der hö;chste Berg ist knapp 171 Meter hoch, und weite Teile des Landes liegen weniger als zwanzig Meter ü;ber dem Meer. Es war nicht ganz einfach, von Dänemark eine Höhenkarte zu bekommen - es lohnt einfach nicht... Für ein solches Land hat Wasser natürlich eine ganz entscheidende Bedeutung, die sich unter anderem im internationalen Projekt BaltCICA - Climate Change: Impact, Costs and Adaptations widerspiegelt, an dem von dänischer Seite der Geological Survey of Denmark and Greenland, der dänische Technologierat und die Kommune Kalundborg beteiligt sind.

Kalundborg ist eine Stadt mit fast tausendjähriger Geschichte an der Westseite der Insel Seeland, auf der auch die Hauptstadt Kopenhagen liegt. Das Stadtgebiet selbst hat etwa 20000 Einwohner, ein Bisschen Industrie und ein ziemlich typisch dänisches Umland mit Windrädern, Landwirtschaft und Ferienhäusern voller versoffener deutscher Abiturienten.

Man erkennt schon an den Kooperationspartnern, dass es bei den Projekten von BaltCICA nicht mehr um Klimaforschung geht, sondern um konkrete Strategien, mit den sich ankü;ndigenden Veränderungen umzugehen. Im Fall von Kalundborg betrifft das vor allem das Wasser. Die Dänen orientieren sich an der Prognose A2 des IPCC, die davon ausgeht, dass sich an der Zunahme der Treibhausgasemissionen ü;ber die nächsten Jahrzehnte nichts Wesentliches ändern wird.

Wasser allü;berall
Ein Aspekt ist natü;rlich der steigende Meeresspiegel. Bis zum Jahr 2090 erwarten die Dänen einen Anstieg um etwa 80 Zentimeter. Dazu kommen Sturmfluten, die wegen erwartet stärkerer Winde ebenfalls etwas hö;her auflaufen werden. Der zu erwartende Hö;chststand fü;r ein alle 50 Jahre auftretendes Extremereignis liegt dabei zweieinhalb Metern ü;ber dem heutigen Normalnull - ein Wasserstand, bei dem nicht nur die Innenstadt von Kalundborg absaufen wü;rde, sondern weite Teile des in der Studie betrachteten Gebiets. Der See Tissø, fü;nf Kilometer Landeinwärts gelegen, wü;rde zur Meeresbucht. Außerdem verstärkt ein hö;herer Meeresspiegel die Erosion der Kü;ste insgesamt.

Auch die Niederschläge werden sich ändern. Fü;r die gesamte Ostseeregion wird im Winter etwa ein Drittel mehr Niederschlag erwartet, während das Sommerhalbjahr entsprechend trockener wird. Die saisonal konzentrierten Regenfälle erhö;hen die Wahrscheinlichkeit fü;r zeitweiligen Wassermangel einerseits und ü;berflutungen andererseits, zumal Starkregenereignisse unter wärmeren Bedingungen wohl mehr Wasser mit sich bringen.

Die Region Kalundborg ist fü;r diese Veränderungen besonders verwundbar, weil große Teile des Gebietes selbst fü;r dänische Verhältnisse tief liegen. Und fü;r die 1170 gegrü;ndete Stadt sind die paar Jahrzehnte, bis der Klimawandel dort ein echtes Problem wird, kaum mehr als ein Wimpernschlag.



Das Untersuchungsgebiet, mitü;berschwemmungen bei einem Wasserstand von zwei Metern ü;ber NN. Roter Kreis: Kalundborg. Quelle

Deswegen ist die Kommune samt ihrer Bevö;lkerung eng in das Projekt eingebunden. Der Geological Survey hat im Vorfeld detaillierte Analysen der lokalen Konsequenzen mö;glicher und wahrscheinlicher Ereignisse bereitgestellt und Gefahrenpotentiale aufgelistet, die als Basis der Entscheidungsfindung dienen. Auf dieser Grundlage veranstalteten Technologierat und Kommune einen zweitägigen Workshop mit Vertretern von Landwirtschaft, Industrie und anderen Gruppen.

Ein lokaler Ansatz
Ziel der Veranstaltung war es, konkrete Visionen zu entwickeln, wie die gemeinschaftliche Reaktion der Bevö;lkerung aussehen kö;nnte. Anfang 2011 soll dann ein großer Bü;rgergipfel mit 500 Teilnehmern in Kalundborg stattfinden, der die Bevö;lkerung in den Entscheidungsprozess einbeziehen und letztendlich alle Einwohner zu Teilhabern des Anpassungsprozesses machen soll.

Es ist dieser wirklich hyperlokale Ansatz, gekoppelt mit einer heutzutage leider selten gewordenen langfristigen Perspektive, die derartige Projekte von den Klimadesastern der staatlichen Akteure unterscheidet. Um der Bevö;lkerung ihre eigene Betroffenheit nahezubringen, haben die Macher der Fallstudie Kalundborg extra drei kurze Geschichten geschrieben, in denen ein fiktiver Journalist vor dem Hintergrund einer extremen Sturmflut im Jahr 2091 auf die Maßnahmen seiner Kommune im 21. Jahrhundert zurü;ckblickt.

Die drei Szenarien beschreiben drei unterschiedliche Ansätze, wie eine Gemeinde wie Kalundborg auf konkrete Veränderungen durch den Klimawandel reagieren kann. Das erste Szenario ist eine Politik des Laufenlassens, in der weder Staat noch private Akteure Vorsorgemaßnahmen treffen und nur auf konkrete Bedrohungen reagieren. Dagegen beschreibt das zweite Szenario eine Politik, in der der Schutz bestehender Werte und Einrichtungen oberste Priorität hat, also in der großer Aufwand getrieben wird, um auch in Zeiten des Klimawandels in jeder Hinsicht weitermachen zu kö;nnen wie bisher.

Szenario Nummer drei ist das der schlauen Anpassung. Hier soll bestehendes aufgegeben werden, wenn seine Bewahrung zu teuer oder langfristig zwecklos ist, zum Beispiel kü;stennahes Bauland. Landwirtschaft und Infrastruktur werden hier den Erfordernissen der neuen Gegebenheiten angepasst.

[Video]

Ihr seid ja nicht doof und kö;nnt euch ungefähr denken, was in den einzelnen Szenarien so drinsteht: Im ersten Fall kommt die große Flut, spü;lt Ferienhäuser weg, ersäuft äcker und macht alles ganz furchtbar. Wie das halt so ist, wenn man sich nicht um den Klimawandel kü;mmert. Die zweite Variante hält das Wasser ab, aber natü;rlich muss man sich sorgenvoll fragen, ob die Folgen fü;r die Umwelt und vor allem die Kosten vertretbar sind und ob man sich fü;r immer und ewig eindeichen kann. In Szenario drei kommt zwar die Große Sturmflut, aber das macht nichts weil man sich ja an den Klimawandel angepasst hat und ü;berall Wein und exotische Frü;chte wachsen, während glü;ckliche Kü;he in den naturgeschü;tzten Salzmarschen grasen. Ich ü;bertreibe nur geringfü;gig.

Was die Autoren erreichen wollen ist natü;rlich klar, und die Texte sind so geschrieben, dass die Botschaft selbst in den dicksten dänischen Sturkopf vordringt. Es dü;rfte auch nur wenige Einwohner in Kalundborg geben, die das nicht als die Propaganda erkannt haben, die sie ist. Trotzdem glaube ich, dass die Texte ihre Wirkung nicht verfehlen werden, denn dahinter steht solide Wissenschaft, und das ganze Projekt ist darauf ausgerichtet, jeden einzelnen direkt anzusprechen: Es ist nicht irgendein Fluss, der mö;glicherweise ü;ber die Ufer tritt, sondern der, in dem Du heute Morgen noch geangelt hast. Es wird sich nicht nur ein bisschen Geographie verändern, es werden die Orte Deiner Kindheit verschwinden. Der Klimawandel ist auch Dein Problem. Aber Du kannst etwas dagegen unternehmen.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle

Geändert von Godwael (28.05.2010 um 12:00 Uhr)
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