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Alt 12.05.2010, 21:50   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Welche Schulform ist die richtige? - Allgemein

Auf Abwegen im Bildungsstreit: Diejenigen, die das dreigliedrige Schulsystem zugunsten der Gesamtschule abschaffen wollen, verklären den Nutzen der Einheitsschule, schreibt meine heutige Gastautorin Ute Gerhardt.


Ute Gerhardt ist Diplom-Volkswirtin und als Programmiererin in einem großen internationalen IT-Konzern beschäftigt. Sie hat eine Tochter und einen Sohn im Kindergartenalter. Mit der regelmäßig wiederholten Ankündigung der SPD, mittel- bis langfristig das dreigliedrige Schulsystem zugunsten der sogenannten Gemeinschaftsschule abzuschaffen, tritt wieder einmal ein bekanntes Phänomen zutage, das man parteiübergreifend während der gesamten Legislaturperiode beobachten kann: Die Politik predigt Wasser, aber sie trinkt Wein.

Denn jene, die zwangsweise alle Kinder buchstäblich in einen gemeinsamen Bildungstopf werfen und den Eltern jegliche Wahl nehmen wollen, wollen ihre eigene Medizin am allerwenigsten schlucken. Schaut man einmal genauer hin, so stellt man fest: Die Kinder der Spitzenpolitiker von SPD, Linke und Grüne besuchen keine Gesamtschulen. Sondern duch die Bank die Gymnasien des geschmähten dreigliedrigen Schulsystems.

Die Begründungen sind zum Teil geradezu rührend unglaubwürdig: ”Es gab damals einen enormen Andrang bei der Gesamtschule am Ort. Wir hätten dort keinen Platz bekommen,“ sagt beispielsweise Linke-Vorstandsmitglied Ralf Michalowsky. Es stellt sich angesichts seines Konjunktivs die Frage, ob er es überhaupt versucht hat, und wenn nicht, warum nicht. Obwohl die Antwort auf diese Frage den meisten Eltern mit potenziellen Gymnasialkindern klar sein dürfte: Gesamtschulen haben in der Bevölkerung und nicht zuletzt auch unter den Arbeitgebern einen schlechten Ruf. Sie sind bekannt als Schulen mit erhöhtem Gewaltpotenzial sowie auch als Lernbremse für die guten Schüler. [1]

Insofern kann man es eigentlich niemandem verübeln, wenn er seine Kinder einem solchen Lernumfeld nicht aussetzten möchte. Wäre da nicht die Tatsache, dass SPD, Linke, Grüne und auch die Piratenpartei wider besseres Wissen vehement abstreiten, dass die Bedenken der Eltern berechtigt und Gesamtschulen dem dreigliedrigen System unterlegen sind. Stattdessen preisen sie diese neue Schulform - offensichtlich entgegen ihrem eigenen Urteil als Eltern - als das Non-plus-Ultra der Bildungspolitik an.

Sie berufen sich dabei gerne auf die Erziehungswissenschaft, die den Nutzen der Gesamtschule zweifelsfrei belegt habe. Davon kann jedoch keine Rede sein - schon vor 10 Jahren hat eine Langzeitstudie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung folgende Ergebnisse zutage gefördert, die von den linksgerichteten Parteien nur allzugerne vergessen werden:
Realschüler profitieren - wie die Gymnasiasten - unübersehbar von der frühen, mit dem 5. Jahrgang einsetzenden Differenzierung. Auch in den späteren Jahrgängen ist der Fördereffekt von Realschulen deutlich höher als der Fördereffekt von Gesamtschulen. Realschüler erreichen bis zum Ende des 10. Jahrgangs gegenüber gleich begabten Gesamtschülern zum Beispiel in Mathematik „einen Wissensvorsprung von etwa zwei Schuljahren“. Das Versprechen einer besseren individuellen Förderung durch Gesamtschulen ist also auch bezüglich der potentiellen Realschüler nicht einzuhalten. - Der Vorsprung der Gymnasiasten gegenüber gleich begabten Gesamtschülern lag bei „mehr als zwei Schuljahren“. Dem niedrigen Fördereffekt der Gesamtschul-Mittelstufen entspricht ein unerwartet niedriger Leistungsstand der gymnasialen Oberstufen von Gesamtschulen, nachgewiesen für Mathematik und Englisch.

Zudem werden Noten zugunsten der schlechten Schüler nivelliert. Das mag schwache Schüler samt der Schule in einem guten Licht erscheinen lassen und die Eltern in (trügerischer) Sicherheit wiegen, aber es führt die Notenvergabe an sich ad absurdum und hat nicht das Geringste mit Förderung zu tun. Ganz im Gegenteil: Teilweise scheinen die Gesamtschüler (im Gegensatz zu den Gymnasiasten) in der Oberstufe sogar bereits vorhandene Kenntnisse wieder zu verlernen.

Bleibt die Frage nach den Hauptschülern. Ein weiteres immer wieder gerne zitiertes Argument pro Gemeinschaftsschule ist ja bekanntlich die Stärkung von weniger leistungsfähigen Schülern durch den gemeinschaftlichen Unterricht mit Schülern auf Realschul- und Gymnasiallevel. Auch diese Hoffnung erfüllt sich bei näherer Betrachtung der Forschungsergebnisse nicht. Der Studie des MPIB zufolge sind auf Hauptschullevel die Lernergebnisse an Gesamtschulen vergleichbar mit denen von tatsächlichen Hauptschülern. Nicht schlechter, aber auch nicht besser. Jedoch hat eine andere Untersuchung darüber hinaus gezeigt, dass leistungsschwächere Schüler an Gesamtschulen zusätzlich psychischem Druck ausgesetzt werden:
Die Gruppe der leistungsschwächeren Schüler gerät an Gesamtschulen so in eine psychisch schwierige Lage, weil ihnen ihre faktische, ungünstige Stellung in der schulischen Statushierarchie tagtäglich von neuem vor Augen geführt wird, während im Vergleich dazu Hauptschüler innerhalb des traditionellen Schulsystems die Möglichkeit haben, im Verhältnis zu ihren Mitschülern relativ erfolgreich zu sein

Die vermeintliche (Chancen-) Gleichheit aller Schüler an Gemeinschafts- oder Gesamtschulen ist illusorisches Wunschdenken, um nicht zu sagen: Sozialromantik. Die Binnendifferenzierung zwischen den Schülern macht die Ungerechtigkeit zwar nach außen hin unsichtbar, führt aber insgesamt in jeder Hinsicht zu mehr Problemen als das bisherige dreigliedrige Schulsystem. Und zwar zu Problemen, die Skeptiker bereits vor der Einführung der Gesamtschulen in der Bundesrepublik genau so vorhergesehen haben.

Wer nun meint, wenigstens auf dem Sektor der sozialen Entwicklung böte die Gesamt- oder Gemeinschaftsschule aber doch ganz sicher enorme Vorteile, hat sich übrigens ebenfalls gründlich geirrt, was angesichts der bereits erwähnten erhöhten Gewaltbereitschaft kaum verwundert. Unter den Gesamtschullehrern herrscht zudem mittlerweile ein Konsens, dass sogenanntes “soziales Lernen” und die vielgepriesene individuelle Förderung sich in derart heterogenen Schülerschaften generell gegenseitig ausschließen. Denn Unterricht, in dem die stärkeren den schwächeren Schülern quasi Nachhilfe geben oder immer wieder auf sie “warten” müssen, hat zur Folge, dass die Interessen der Stärkeren denen der Schwächeren regelmäßig untergeordnet werden. Und das offensichtlich auch noch ohne den für die Schwächeren avisierten Erfolg.

All dies ficht die Befürworter der Gesamtschule indes nicht an. Mit verklärtem Blick schwärmen sie von Solidarität und Abschaffung der Zwei-Klassen-Gesellschaft und ziehen Vergleiche mit den skandinavischen Ländern, in denen Gemeinschaftsschulen lt. PISA doch zu so guten Lernerfolgen führen. Ohne dabei zu berücksichtigen, dass in Skandinavien aber a) die sozialen bzw. Bildungsschichten in den Schulbezirken homogener sind und b) - Tusch! - am Ende die Jugendarbeitslosigkeit wesentlich höher ist als in Deutschland.

Und erneut stellt sich die Frage, warum man sich weigert, den Tatsachen ins Auge zu sehen: Angesichts der oben zitierten Forschungsergebnisse ist es sehr zweifelhaft, dass Gemeinschaftsschulen den Schülern selbst Bildungsvorteile bringt. Zumal sich andere Teile des Bildungssystems völlig gewollt in die Gegenrichtung entwickeln. Warum legt man auf der einen Seite auf Eliteuniversitäten Wert - immerhin eine Initiative der SPD unter Schröder -, während man auf der anderen Seite dafür sorgt, dass elitetaugliche Schüler unter dem Deckmäntelchen der sozialen Fairness systematisch ausgebremst werden.

Dass sozial Benachteiligten oft vom Gymnasiumsbesuch ausgegrenzt seien und daher durch die Gesamtschule die Gleichbehandlung von allen Schülern quer durch alle sozialen Schichten gewährleistet werden müsse, taugt ebenfalls nicht als Argument für Gemeinschaftsschulen. Zumindest in NRW, Bayern oder Baden-Württemberg ist es wohl eher ein Argument gegen die Verbindlichkeit der weiterführenden Schulempfehlung durch die Grundschullehrer. [2] Es ist ein Argument für die Bezahlung der Schulbücher durch das Land. Es ist ein Argument dafür, die Klassengrößen schon an den Grundschulen zu reduzieren und mehr Lehrer einzustellen, damit vorhandene Defizite frühzeitig beseitigt werden können. Aber ganz sicher ist es kein Argument für Gleichmacherei auf dem untersten Level.
Die bittere Bilanz: Wenn all das Geld und all der Eifer und all der gute Wille, die seit 1968 in die Gesamtschule investiert worden sind, dem dreigliedrigen Schulsystem, insbesondere aber der Hauptschule zugute gekommen wären, dann stünden wir heute nicht schlechter da als Finnland.

(Quelle)

Man kann die Ungerechtigkeit beklagen, die entsteht, wenn man Gleiche ungleich behandelt. Als Lösung jedoch im Umkehrschluss Ungleiche zwangsweise gleich zu behandeln, ist gelinde gesagt realitätsfremd. Um nicht zu sagen: Noch ungerechter. Deutlich gesprochen sind Gemeinschaftsschulen eine Verschwendung des wichtigsten Rohstoffes, die Deutschland hat: Grips. Ein Land, das auf seine geistigen Ressourcen derart angewiesen ist, kann es sich schlicht nicht leisten, gute Schüler beim Lernen zu behindern und schwache Schüler noch weiter niederzudrücken.

Einziger Vorteil von Gemeinschaftsschulen: Sie sind billiger als das dreigliedrige System. Das entlastet natürlich den ohnehin schon gebeutelten Landeshaushalt. Und für die Kinder der Parteispitzen und sonstigen Wohlhabenden bleiben ja immer noch die Privatgymnasien. Denn wenn schon Zwei-Klassen-Gesellschaft, dann bitte auch richtig.

---------------------

[1] Siehe auch Jürgen Mansel, “Angst vor Gewalt: eine Untersuchung zu jugendlichen Opfern und Tätern”, Juventa, Weinheim/München 2001, S. 106 u.182

[2] Erheiternde Notiz am Rande: Wenn die Eltern die weiterführende Schulform wählen dürfen, liegen sie zu 10% daneben, meinte seinerzeit NRWs Schulministerin Barbara Sommer (CDU). Die Folge dieser Erkenntnis war, dass in NRW nun die Grundschullehrer am Ende der 4. Klasse eine verbindliche Empfehlung ins Zeugnis schreiben, die die Eltern nur sehr schwer umgehen können. Die Grundschullehrer hingegen bescheinigen sich selbst eine Trefferquote von sage und schreibe 80%. Spot the error ^^



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle

Geändert von Godwael (12.05.2010 um 21:59 Uhr)
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