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Alt 15.04.2010, 22:20   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Blog-Einträge: 12
Geoengineering - haben wir überhaupt noch eine Wahl? - Klima und Umwelt

Soll der Mensch versuchen, das Klima aktiv in seinem Sinne zu beeinflussen? Die unabsehbaren Folgen solcher Versuche lassen viele davor zurückschrecken. Doch tatsächlich betreibt der Mensch schon lange Geoengineering - unbeabsichtigt. Können wir es uns vor diesem Hintergrund überhaupt erlauben, derartige Möglichkeiten zu ignorieren?

Während sich die Politik noch Gedanken macht, wie es nach dem Kopenhagen-Desaster mit der Reduktion der Treibhausgas-Emissionen weiter geht, denken viele Wissenschaftler inzwischen über wesentlich drastischere Maßnahmen nach: Aerosolwolken oder Weltraumspiegel sollen die Sonneneinstrahlung verringern und gedüngte Meeresregionen gigantische Kohlendioxid-Mengen aus der Atmosphäre absorbieren. Solche Geoengineering-Maßnahmen sollen globale Klimaparameter und geochemische Kreisläufe aktiv beeinflussen, um trotz der bekannten menschengemachten Einflüsse das Weltklima stabil zu halten.

Das klingt, vorsichtig ausgedrückt, ziemlich ambitioniert, und viele Wissenschaftler warnen zu Recht vor den unabsehbaren Konsequenzen solcher Experimente. Die Systeme, in die man eingreifen würde, sind so komplex, dass man gar nicht sicher sein kann, dass man das eigentliche Problem schon erkannt hat - man denke an das Treibhausgas Kohlendioxid, das nicht nur die Atmosphäre erwärmt, sondern auch den pH-Wert der Ozeane beeinflusst, was langfristig der wesentlich schmerzhaftere Effekt sein könnte.

Und natürlich können die eingeleiteten Maßnahmen selbst wiederum globale Konsequenzen haben, die im Extremfall nicht wieder rückgängig zu machen wären. Deswegen existiert momentan eine Art Konsens, dass derartige Ideen nur für den absoluten Notfall reserviert sind. Ich persönlich glaube aber inzwischen, dass das der falsche Weg ist. Die Menschheit betreibt nämlich längst Geoengineering im großen Stil, allerdings im völligen Blindflug.

Eine Bilderstrecke mit einigen Beispielen dafür hat neulich das Magazin Wired veröffentlicht. Das reicht von altbekannten Problemen wie Treibhausgasen und umgeleiteten Flüssen bis hin zu Ruß in der Atmosphäre und Plastik in den Ozeanen. Tatsächlich haben die meisten menschlichen Aktivitäten inzwischen einen Level erreicht, an dem sie ungeahnte globale Bedeutung erlangen.Der Mensch verändert seine Umwelt seit er existiert, und noch viel mehr, seit er in festen Siedlungen lebt und Ackerbau betreibt. Doch wenn die ersten Bauern ganze Landstriche urbar machten, verlor sich ihre Mühe spätestens am Horizont der großen weiten Welt. Heute allerdings wohnen auch am Horizont Menschen, sogar sehr viele. Und ihre kleinen, unvermeidbaren Bemühungen, die Umwelt in ihrem Sinne zu formen, summieren sich über ganze Kontinente.

Seien wir realistisch: Die Natur ist futsch, und das schon seit sehr langer Zeit. Wir leben auf einem Planeten, der maßgeblich von Menschen geformt wurde und auch in Zukunft von Menschen geformt werden wird. Die Natur spielt hier bestenfalls noch die zweite Geige. Die Menschheit hat den Planeten längst so weit verändert, dass der Weg zurück kaum gangbar erscheint.

Wie wahrscheinlich ist es angesichts von bald sieben Milliarden Menschen auf dem Planeten, dass wir uns alle soweit zurücknehmen können, dass Klima und Umwelt ihren natürlichen, selbstregulierten Gang nehmen? Vor allem hilft es langfristig überhaupt nicht, ökosysteme und Biodiversität lokal zu schützen, wenn die Veränderungen des gesamten Planeten auch vor diesen Reservaten nicht halt machen. Die Veränderungen haben bereits begonnen, und sie sind global. Es wird nicht helfen, unseren globalen Fußabdruck so weit es geht zu verringern und zu hoffen, dass alles noch mal gut geht.

Klimaschutz auf die ganz harte Tour
Stattdessen müssen wir einen Weg finden, die gesamte Erde aktiv zu verwalten, dass wir unsere Existenz genauso sichern wie das Gleichgewicht von ökosystemen, der geochemischen Kreisläufe und des Klimas. Und dieses Gleichgewicht wird nicht so aussehen wie vor der Ankunft des Menschen, sondern wird eines sein, das wir als Menschheit gezielt einstellen. Dementsprechend gibt es nur einen gangbaren Weg zu einem nachhaltigen Umgang mit dem Planeten: Nicht nur die weitere Entwicklung der Menschheit muss von uns gesteuert werden, sondern auch die Reaktion der globalen Systeme auf gegenwärtige und zukünftige Veränderungen.

Meistens wird Geoengineering ja als die bequeme Option dargestellt, nach dem Motto: Wir machen weiter wie bisher und beseitigen dafür die Folgen mit ein bisschen High-Tech. In Wirklichkeit ist es natürlich andersherum - die Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen ist politisch, technisch und ökonomisch die wesentlich einfachere Variante. Schließlich geht es dabei nur um einen einzigen Parameter. Wenn die Menschheit mit Geoengineering anfängt, werden die Anforderungen schnell steigen. Das ist wie mit dem Autofahren: Es reicht nicht, den Fuß auf dem Gaspedal zu haben - ohne Bremse, Lenker und all die anderen Feinheiten setzt man die Karre sehr schnell gegen den Baum.

Das ist die Gefahr, die im Moment besteht: Wir lassen die Finger von Geoengineering. Und dann ist der Notfall da, und wir müssen in der Krise mit völlig unerprobten Gegenmaßnahmen experimentieren. Oder, was auch passieren kann, ein Staat spürt die Klimafolgen so sehr am eigenen Leib, dass es unilateral beschließt, Gegenmaßnahmen einzuleiten - einige der Vorschläge sind auch für ein mittelgroßes Land zu stemmen. Und dann? Noch mehr Blindflug, mit noch dramatischeren Folgen.

Im Grunde muss sich die Weltgemeinschaft so schnell wie möglich auf politischer Ebene mit Geoengineering auseinandersetzen und parallel zu den bisherigen Klimaverhandlungen drei zentrale Punkte international verbindlich regeln:
  • Die Rahmenbedingungen für die praktische Erforschung von Geoengineering-Maßnahmen
  • Klare Vorgaben über mögliche Zielsetzungen
  • Den institutionellen Rahmen für Beschluss und Durchführung von Geoengineering
Geoengineering mag eine riskante und unerfreuliche Option sein, aber viel riskanter wäre es, die sehr reale Möglichkeit zu ignorieren, dass wir auf solche Maßnahmen werden zurückgreifen müssen.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle

Geändert von Godwael (15.04.2010 um 22:37 Uhr)
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