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Alt 01.04.2010, 10:20   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Blog-Einträge: 12
Kröten für die Erdbebenvorhersage: Gute Story, schlechte Wissenschaft -

Die Erdbeben erahnenden Kröten aus Italien hat in den letzten Tagen schon das eine oder andere Medium aufgegriffen. Bei uns auf spektrumdirekt taucht diese Meldung allerdings mit einiger Verspätung erst am heutigen bedeutungsvollen Datum auf, was hinreichend darüber Aufschluss geben dürfte, was wir von der Geschichte halten.
Die Pressemitteilung zum Paper jedenfalls ist nicht dazu angetan, die Meldung seriös erscheinen zu lassen: Gravitationswellen, heißt es da, sollen vor Erdbeben angeblich die Ionosphäre stören – das wären gute Nachrichten für die Astrophysiker, die gerade versuchen, Gravitationswellen-bedingte Längenänderungen von wenigen Bruchteilen eines Atomkern-Durchmessers zuverlässig zu messen. Aber auch nachdem ich mich vergewissert habe, dass es sich wohl nicht um einen Aprilscherz handelt[1], bin ich von dieser Arbeit absolut nicht überzeugt, und da bin ich nicht der einzige.
Worum es bei der ganzen Geschichte geht, habe ich in meinem Artikel für Spektrumdirekt schon zusammengefasst. Eine britische Wissenschaftlerin behauptet, Kröten dabei erwischt zu haben, wie sie ein Erdbeben fünf Tage im Voraus bemerken, und sie hat auch schon eine ganze Menge Hypothesen, warum das so sein könnte.
Das offensichtliche Problem bei der Sache ist, dass es sich trotz der ach-so-wissenschaftlichen Darstellung um eine bloße Anekdote handelt, die nach ihrem Zustandekommen zu einer Ursache-Wirkungs-Beziehung umgedeutet wurde. Daran ändern auch die zusätzlich herangezogenen Ionosphärendaten nicht viel – wer weiß in wie vielen Datensätzen die Forscherin nach passenden Mustern gesucht hat? Schließlich gibt es kaum ein natürliches Phänomen, das nicht schon mal als Erdbeben-Indikator im Gespräch war.
Wir wissen schlicht nicht, wie sich die Kröten ohne das Erdbeben verhalten hätten. Die Autorin versichert uns zwar, dass Kröten so etwas „normalerweise“ nicht machen, aber wer weiß schon sicher, ob die einzige Abweichung von der Normalität das Erdbeben war? Ich bin auch wenig begeistert von der Analyse, laut der es keine Korrelation zwischen Wetter und Verhalten gibt - ein Blick in die Daten demonstriert jedenfalls das Gegenteil: Am Tag nach dem ersten größeren Regenschauer des Monats sind die Kröten wieder in voller Mannschaftsstärke vor Ort.
In letzter Konsequenz ist es doch so: Ein einmaliges Zusammentreffen erlaubt überhaupt keine Schlussfolgerungen. Selbst wenn man die kausale Verbindung zwischen Kröten-Exodus und Erdbeben einmal als Arbeitshypothese akzeptiert, bleiben zu viele Fragen offen: Passiert das auch bei anderen Erdbeben, und wenn ja, mit welcher Zuverlässigkeit? Verkriechen sich die Kröten nur bei Erdbeben oder gibt es andere Einflusse mit vergleichbarer Wirkung? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Art und Stärke des Erdbebens und dem Krötenverhalten? Was ist mit Subduktionsbeben, die einem ganz anderen Mechanismus gehorchen?
Ich bin geneigt, mich dem Urteil der hier von Michael Reilly zitierten Seismologin anzuschließen: Das Paper einfach unbrauchbar. Ohne eine lange, zuverlässige Zeitreihe und reproduzierbare Daten entbehren die vorgebrachten Hypothesen und Spekulationen jeglicher Basis – ein Datenpunkt und ein Haufen Spekulation sind nun mal noch keine Wissenschaft.
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[1] oder zumindest um einen so liebevoll gemachten, dass es eine Schande wäre nicht darauf reinzufallen.

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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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