Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung
Buchtipp
Anorganische Chemie
E. Riedel
68.00 €

Buchcover

Anzeige
Stichwortwolke
forum

Zurück   ChemieOnline Forum > ChemieOnline.de > Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung

Hinweise

Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung Newsfeeds unterschiedlicher Nachrichtenquellen

Anzeige

Antwort
 
Themen-Optionen Ansicht
Alt 11.02.2010, 14:10   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
Moderator
Themenersteller
Beiträge: 12.173
Blog-Einträge: 12
Lebensmittelallergien - eine Massenpsychose? - Verhaltensforschung

Es scheint ein gewisser Konsens zu herrschen, dass die Zahl der Allergien in den letzten Jahren sehr stark zugenommen hat. Dieser leider unbelegten Quelle zufolge „verdoppelt sich die Anzahl der Allergiker im zehn-Jahres-Rhythmus“ – oder verdoppelt sich nur die Zahl der Leute, die fest daran glauben, allergisch zu sein? Dieser Eintrag im Blog Savage Minds greift jedenfalls Zahlen[1] aus einem Report auf, nach dem zwar etwa 20 Prozent aller erwachsenen Briten nach eigenen Angaben an einer Lebensmittelallergie leiden, aber nur bei knapp zwei Prozent ein Provokationstest positiv ausfällt.

Die Zahlen stammen von zwei Wissenschaftlerinnen der Uni Portsmouth, die für das Flour Advisory Bureau einen Bericht über die Prävalenz von Weizenmehlallergien, Unverträglichkeiten und Zöliakie erstellt haben. Das FAB ist eine Lobbyorganisation, die die Verwendung von Weizenmehl promotet, und der Bericht ist auch nicht peer reviewed, insofern ist Misstrauen durchaus angebracht. Die Zahlen scheinen allerdings größenordnungsmäßig zu stimmen, es gibt eine ganze Reihe Studien mit vergleichbaren Ergebnissen. Es scheint so zu sein, dass nur etwa ein Zehntel der selbstdiagnostizierten Lebensmittelallergien einer Überprüfung standhält.

Dafür kann es natürlich verschiedene Gründe geben, zum Beispiel werden Allergien gerne mal mit nicht-immunologischen Unverträglichkeiten verramscht und es wird auch beim Provokationstest falsch-negative Resultate geben. Dass diese Effekte einen Faktor zehn erklären können, halte ich für wenig wahrscheinlich.

Ein gestörtes Verhältnis zur Nahrungsaufnahme haben jedenfalls eine ganze Menge Leute. Das Spektrum reicht von einer milden, marketinginduzierten Inhaltsstoffneurose (Ganz viele Vitamine! Rotierende Milchsäure! Low-carb!), die inzwischen fast jeder irgendwie hat, bis hin zu lebensbedrohlichen Erkrankungen wie Anorexie. Kann durchaus sein, dass ein beträchtlicher Teil der Lebensmittelallergien ebenfalls in diese Kategorie gehört.

Es lohnt sich auf jeden Fall, die Überlegungen im Blogbeitrag und dem vorausgegangenen Zeitungsartikel sorgfältig zu lesen. Die Autoren ziehen interessante Parallelen zwischen allergiebedingten Vermeidungsverhalten, religiösen Nahrungstabus und Askese. (Selbst-)Kontrolle ist jedenfalls ein bekanntes Motiv bei klassischen Essstörungen, und auch bei Allergien liegt die Verbindung einigermaßen nahe.

Interessant ist jedenfalls, dass der angeblich rapide Anstieg der Allergiezahlen immer weniger offensichtlich ist, je genauer man nachguckt. Liest man Foren, Erfahrungsberichte oder Artikel in Tageszeitungen, gewinnt man den Eindruck eines wahren Allergie-Tsunamis, der seit ein paar Jahren durchs Land rollt. Das Bild in der klinischen Literatur ist allerdings durchaus gemischt: Sowohl in dieser Studie von 1998 als auch einer von 1992 berichten etwa 15 – 20 Prozent der Befragten, eine Lebensmittelallergie zu haben, was sich bei jeweils nur etwa zwei Prozent auch bestätigt. Anfang der 80er Jahre lag der Wert nach meinen Informationen ebenfalls bei zwei Prozent. Et cetera.

Dem gegenüber stehen Zahlen, die der britische NHS kürzlich publiziert hat, und laut denen es in den letzten 15 Jahren einen scharfen Anstieg der lebensgefährlichen allergischen Reaktionen gegeben hat. Verantwortlich dafür sind unter anderem neu entwickelte Allergien im Erwachsenenalter, die sich wohl überdurchschnittlich oft in schweren Schocks manifestieren. Das ist dann aber auch nicht mehr selbst-diagnostiziert…

Schwer zu sagen, was genau da wirklich läuft. Lest auf jeden Fall die beiden Artikel, denn neben Anekdoten über asthmakranke Kinder in jeder Schulklasse und dergleichen häufen sich eben auch Geschichten wie die am Ende des Artikels im Telegraph:
Only last week, a friend with recently self-diagnosed lactose intolerance came round for a cup of tea. “Do you have any soya milk?” she asked as the kettle boiled. I confessed I hadn’t and felt awful. It was then that I realised she was on her third chocolate biscuit. “Oh, milk’s OK in chocolate biscuits,” she said hastily. How convenient, I thought.
Und da musste ich doch glatt an meinen Mitbewohner denken, der kein Geflügel vertrug – bis er herausfand, dass Huhn optimal zu seiner neuen Low-Carb-Ernährung passt.

(Dank an @zerology für den Hinweis)

.
.
.
[1] Nicht wundern - die Zahlen sind im Blogeintrag falsch zitiert.

Weiterlesen...

Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
Godwael ist offline   Mit Zitat antworten
Anzeige
Anzeige


Antwort

Lesezeichen

Themen-Optionen
Ansicht

Gehe zu

Ähnliche Themen
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Verhaltensforschung heidevitzka Biologie & Biochemie 2 10.02.2009 19:53
Verhaltensforschung-Rattenversuch Platon90 Biologie & Biochemie 6 09.12.2008 08:18
verhaltensforschung / ernährungswissenschaft da sigi schwarz Biologie & Biochemie 2 15.06.2006 18:37
Verhaltensforschung-Evolution wilun Biologie & Biochemie 39 28.05.2005 21:34
Verhaltensforschung Gonzalez Biologie & Biochemie 3 11.08.2004 19:11


Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 10:40 Uhr.



Anzeige