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Alt 26.01.2010, 14:30   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Beiträge: 12.173
Blog-Einträge: 12
Melamin in chinesischen Milchprodukten, eine kurze Erinnerung - Klima und Umwelt

Ziemlich genau ein Jahr nachdem in China fast 300.000 Kleinkinder durch kontaminierte Milchprodukte erkrankten, ist das Thema Melamin wieder da. Das Zeug tauchte in Milchpulver und Süßwaren dreier verschiedener Unternehmen auf, wie die chinesischen Behörden am 31. Dezember 2009 meldeten. Allerdings laut Wall Street Journal möglicherweise mit achtmonatiger Verzögerung. Das lässt nichts gutes ahnen.

Es sei noch einmal daran erinnert, dass hinter der Angelegenheit eine beträchtliche kriminelle Energie steckt. Melamin ist, anders als die meisten Kontaminanten in Lebensmitteln, keine durch Nachlässigkeit oder mangelnde Kontrollen hineingeratene Substanz. Vielmehr täuscht es gezielt einen höheren Proteingehalt vor: Echtes Protein enthält nur etwa 16 Prozent Stickstoff, während Melamin zu 67 Prozent aus dem Element besteht. Man kann also mit wenig Melamin den Nährwert scheinbar deutlich erhöhen und mit wesentlich weniger Milch die gleiche Menge Milchprodukt herstellen, ohne dass gängige Prüfverfahren Alarm schlagen. Das ist bares Geld wert: Die Industriechemikalie kostet bei gleichem Effekt lediglich ein Fünftel des echten Proteins.
Tatsächlich ist der ökonomische Anreiz sogar noch größer, denn es ist keineswegs die Chemikalie Melamin, die hier verwendet wird. Schließlich ist Melamin selbst nicht giftig. Ich zitiere mich mal selbst:
Ein bei näherer Betrachtung etwas kurioser Aspekt der bisherigen "Melamin-Skandale" ist zum Beispiel der Umstand, dass Melamin ein ziemlich harmloser Stoff ist. Er ist ungefähr so giftig wie Kochsalz […] Ich habe unter anderem mit dem Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit telefoniert (die Lebensmittel aus dem gesamten norddeutschen Raum auf Melamin testen), und die Chemiker dort waren ebenfalls der Ansicht, dass kaum Melamin alleine für die chinesischen Fälle verantwortlich sein kann.
Für die „Veredelung“ der Milch braucht man ja auch eigentlich nicht das Melamin selbst, sondern einfach einen möglichst billigen Stoff mit hohem Stickstoffgehalt. Einen Hinweis auf den Ursprung lieferten die Krankheitssymptome:
Die wahrscheinliche Erklärung für dieses Paradox fanden Forscher schon nach dem letzten Skandal, als Melamin im Tierfutter reihenweise Nierenversagen bei Haustieren auslöste. Schuld daran war wahrscheinlich Cyanursäure, ein Zersetzungsprodukt des Melamins. Zusammen mit Melamin bildet Cyanursäure, genau wie andere organische Säuren, ein schwerlösliches Salz, das in den feinen Kanälen der Niere ausfällt und so das Organ zerstört.
Cyanursäure ist nun zufällig ein Nebenprodukt der Melamin-Herstellung und findet sich zusammen mit Melamin und einigen anderen stickstoffhaltigen Verbindungen in den Produktionsabfällen wieder, von denen es bei insgesamt einer Million Tonnen Melamin, die jährlich weltweit produziert werden, reichlich geben dürfte.
Die chinesischen Behörden haben zwar als Reaktion auf den Skandal vor einem Jahr eilfertig ein paar Schuldige hingerichtet und Besserung versprochen, aber mir ist nicht klar, wie sie das machen wollen. Es wird nicht reichen, mehr Stichproben von Lebensmitteln zu nehmen oder so. Wer Industrieabfälle in Lebensmittel schüttet, der wird auch Mittel und Wege haben, die Kontrollen ins Leere laufen zu lassen. Melamin in chinesischen Milchprodukten wird auch in Zukunft ein Problem sein.
Das ganze zeugt auch – ohne jetzt chinesische Produkte unter Generalverdacht stellen zu wollen – von einem grundsätzlichen Problem. China ist die Werkbank der Welt – aber was auf dieser Werkbank passiert, liegt allzu oft im Dunkeln. Eine Industrie ohne strikte externe Kontrolle der Anlagen und Verfahren ist vor allem eins: Eine Gefahr für den Verbraucher. Das ist etwas, was wir im Zeitalter der freiwilligen Selbstverpflichtungen auch hierzulande im Blick behalten sollten.

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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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