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Alt 13.01.2010, 23:30   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Schlangenbisse - eine Armutskrankheit - Biologie

Bei dem ganzen Ärger, den Bakterien, Viren und scheußliche Einzeller verursachen, vergisst man leicht, dass auch größere Tiere eine Gefahr darstellen können. Man sollte meinen, dass Infektionskrankheiten wie Cholera oder Dengue-Fieber wesentlich mehr Todesopfer fordern, aber das stimmt so nicht. Schlangenbisse sind, wie ich vor ein paar Tagen gelernt habe, eine recht häufige Todesursache. In Südostasien und dem subsaharischen Afrika, wo die meisten Todesfälle auftreten, sterben jährlich je nach Schätzungen bis zu 80.000 Menschen am Schlangengift. So viele wie durch Schistosomiasis, Cholera, Japanische Enzephalitis, Leishmaniose, Trypanosomen und Dengue zusammen.

Bei den meisten dieser Krankheiten ist nicht nur die direkte Sterblichkeit wichtig, sondern die hohe Rate an chronischen Infektionen und langfristigen Folgeschäden, die vielerlei negative Auswirkungen hat – von Entwicklungsstörungen bei Kindern über ineffektive Impfkampagnen bis hin zu jährlichen volkswirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe. Auch Schlangenbisse hinterlassen bei Überlebenden oft schwere bleibende Schäden, die umso gravierender sind, weil die meisten Opfer im arbeitsfähigen Alter oder darunter sind.

Wegen dieser Gemeinsamkeiten führt die Weltgesundheitsorganisation seit einiger Zeit Schlangenbisse wie die anderen Krankheiten in der Liste unter der Bezeichnung Neglected Tropical Disease (NTD), und das mit einiger Berechtigung. Schlangenbisse sind selbst nach den Maßstäben von NTDs eine vernachlässigte Tropenkrankheit. Einigermaßen zuverlässige Fallzahlen gibt es erst seit wenigen Jahren – die (meines Wissens) erste wirklich umfassende und reproduzierbare Übersicht über die globale Schlangenbiss-Mortalität stammt aus dem Jahr 2008.



Todesfälle durch Schlangenbisse nach Ländern. Aus: Harrison et al., Snake Envenoming: A Disease of Poverty. PLoS Negl Trop Dis 3(12) (2009): e569. Die Legende ist offensichtlich falsch. Wie schwer es ist, einen Überblick über die Häufigkeit solcher lange unterschätzten Todesursachen zu bekommen, demonstriert die erstaunlich kreative Methodensammlung der damaligen Studie. Die Quellen reichen hier von konkreten Fallzahlen in Ländern, in denen die Sterberegister zuverlässig sind bis hin zu reinen Schätzungen auf der Basis der Fallzahlen in den Nachbarländern für Gebiete völlig ohne Daten (zum Beispiel Deutschland). Eine weitere wichtige Quelle für diese Sorte Daten ist übrigens „graue“, nicht in wissenschaftlichen Journals publizierte Literatur wie Projektberichte und ähnliches.

Die Studie bestätigte damals im Wesentlichen das, was man aus anekdotischen Berichten und regionalen Studien wusste: Die Opferzahlen sind hoch, und am meisten betroffen sind tropische und subtropische Gebiete. Die geographische Verteilung ist aussagekräftiger als es scheint, denn giftige Schlangen gibt es fast überall. Die tropischen Arten sind nur bunter und haben die bessere PR.

Der eigentliche Grund, dass Schlangen in den Tropen tödlicher sind, ist Armut, wie diese aktuelle Untersuchung nachdrücklich belegt. Egal ob man den Wohlstand als Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Gesundheitsausgaben der Regierung oder über den ausgefeilteren Human Development Index (HDI) misst, es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Kennzahlen und Sterblichkeit durch Schlangenbisse.


Beziehungen zwischen sozioökonomischen Indikatoren und Schlangenbiss-Mortalität. Achtung: Die Sterblichkeit ist logarithmisch aufgetragen, die Graphen A, B und D sind doppelt-logarithmisch. Aus: Harrison et al., Snake Envenoming: A Disease of Poverty. PLoS Negl Trop Dis 3(12) (2009): e569.

Zwei Effekte sind für diesen Zusammenhang verantwortlich. Der erste ist Zugang zu effektiver medizinischer Versorgung. Gegen fast alle Schlangengifte gibt es effektive Antidote, die meistens das Leben der Opfer retten. Speziell in ärmeren Ländern sind diese Gegengifte entweder gar nicht verfügbar, zu teuer oder kommen zu spät. Hinzu kommt, dass oft das medizinische Personal für die Behandlung von Schlangenbissen gar nicht hinreichend ausgebildet ist.

Aber eigentlich, und das ist bemerkenswert, sind Schlangenbisse quasi eine Berufskrankheit. Die Hauptrisikogruppe sind arme Kleinbauern der Tropen und Subtropen, die ihre Felder noch mit e3infachsten Mitteln bewirtschaften. Wer den ganzen Tag mit den Händen im Unterholz herummacht, wird natürlich auch am meisten gebissen. Und in dieser demographischen Gruppe kommt natürlich alles zusammen: Armut, schlechter Zugang zu medizinischer Hilfe, hohe Krankheitslast. Und natürlich auch relativ schlechte Kommunikation.

Gerade in der am stärksten betroffenen Gruppe dürfte deswegen die Dunkelziffer besonders hoch sein. Die epidemiologische Erforschung der Schlangenbisse hat jedenfalls gerade erst begonnen.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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