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Alt 01.07.2009, 16:20   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Blog-Einträge: 12
Showtime: Sir Harold Kroto in Lindau

Trifft man Chemie-Nobelpreisträger Sir Harold Kroto, ist man zuerst einmal unschlüssig: Soll man sich wünschen, alle Forscher seien so wie er, oder ist es nicht doch besser, dass es nur einen von der Sorte gibt? Schon beim Helmholtz-Dinner gestern Abend hat er sein komödiantisches Talent aufblitzen lassen, und sein offizieller Lindau-Vortrag heute morgen stellte eigentlich alles in den Schatten, was man so von Wissenschaftler gewohnt ist.

Kroto führte uns zuerst einmal mit enormen Tempo und viel humor durch seinen privaten Werdegang, von seiner sportbegeisterten Kindheit über seine Ausflüge in Kunst und Design bis hin zu den ersten Schritten in der Wissenschaft, bevor er die drei eigentlichen Themen seines Vortrag in Angriff nahm: Wissenschaft, Gesellschaft und Nachhaltigkeit.



Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass er diese Begriffe umfassend oder systematisch diskutieren würde. Kroto tritt eher auf wie ein Zauberkünstler, der mal ein Kaninchen aus dem Hut zieht, mal eine Münze aus der Luft greift und dabei eine Geschichte erzählt. Im ersten der drei Teile verkündet er nach ein paar Zahlenspielereien erst einmal das Jahrhundert der nanomolekularen Maschinen. Das größte Wunderwerk der Nanotechnik ist der menschliche Organismus. Zur Illustration folgt eine Animation der ATP-Synthase, dem Kolbenmotor der Natur. Einen solchen Film kann man übrigens auch in diesem Blog sehen.
Solche Maschinen, sagt Kroto, sind die Zukunft der Chemie.

Wissenschaft ist auch das große Thema beim Gesellschafts-Teil. Genauer gesagt, was Wissenschaft ist und wie sie im gesellschaftlichen Kontext funktioniert. Es sind die bekannten Punkte, die er abarbeitet: Wissenschaft ist atheistisch und vom Wesen her vorläufig. Sicher, aber nicht zu sicher. Der Forscher sucht nicht die Antwort auf alle Fragen, der Wissenschaftliche Ansatz ist eher, die Frage möglicht gut zu verstehen. Zwischendurch, quasi als Demonstration, macht er sich erst einmal über das Kreationismus-Museum in den USA lustig.

Nachdem er, ganz nach dem Muster des Fliegenden Spaghettimonster und mit signifikanten Anleihen von Douglas Adams, seine alternative Theorie der Welt vorgestellt hat, greift er auf, was er mit einigem Recht für das größte Übel der Gesellschaft hält: Religiöse Erziehung. Die wenig subtile These: Nach Religionen getrennte Erziehung lehrt die Kinder vor allem, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Entsprechende Zitate von nordirischen Kindern unterstreichen diesen Punkt. Für Kroto ist religiöse Indoktrinierung von Kindern einfach Kriegstreiberei. Als Gegenmittel fordert er, dass alle Kinder gemeinsam erzogen werden.

Aufbruch in die digitale Revolution!
Den Teil zur Nachhaltigkeit habe ich irgendwie verpasst, abgesehen von einem kurzen Verweis auf Wasserspaltung – Kroto setzt offenbar auf Wasserstoff. Danach gab es ein paar Zuckerstücken für den Nachwuchs, nämlich den Hinweis, dass alle berühmten alten Chemiker ihre großen Entdeckungen als junge Nachwuchsforscher gemacht hat.

Das eigentlich interessante kam zum Schluss: Ein vehementes Plädoyer für die digitale Revolution, Wikipedia als universelles Nachschlagewerk, Youtube als Filmdatenbank und Google als praktisch unerschöpfliche Wissensressource. Seine Doktoranden hält er an, Multimedia-Präsentationen zu produzieren, und er selbst engagiert sich für Open Access und ist Mitgründer des Vega Trusts, der audiovisuelle Ressourcen frei verfügbar ins Netz stellt.

Betrachtet man das ewiggestrige, spezifisch deutsche Genörgel, das hierzulande durch Medien und Politik schwappt, kann man leicht vergessen, wie viel weiter die digitale Informationsgesellschaft im Rest der Welt bereits ist. Das Engagement von Kroto ist ein weiteres Indiz dafür, wie irrelevant der Heidelberger Appell und seine Initiatoren tatsächlich sind, trotz der großen Aufmerksamkeit, die dem Quatsch hierzulande zuteil wird.. Die Geschichte wird darüber hinweggehen.

Kroto mag ein Entertainer sein, er ist aber auch ein großer Humanist. Seinen Vortrag schloss er mit einem Appell, die gemeinsame Lebensgrundlage der Menschheit zu schützen und ermahnte die versammelten Nachwuchswissenschaftler, niemals ihre Menschlichkeit zu vergessen.

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Quelle: Fischblog - Naturwissenschaft und mehr
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