Allgemeine Chemie
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Sicherer Umgang mit Gefahrstoffen
H.F. Bender
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Alt 12.12.2007, 17:48   #1   Druckbare Version zeigen
kuckida  
Mitglied
Themenersteller
Beiträge: 118
Betriebsanweisungen

Bei mir auf der Arbeit wurde das Thema Betriebsanweisungen viel zu lange schleifen gelassen. Jetzt rückt uns die Arbeitssicherheit auf den Pelz und ich darfs ausbaden.
Was für ein Bürokratiewahnsinn! Komme vor lauter Arbeitssicherheit nicht mehr zum Arbeiten. Deshalb meine Frage:
Wie wird das bei Euch gehandhabt?
Wer erstellt die Betriebsanweisungen?
Hat Jemand einen Softwaretip?

Das kann doch nicht angehen, dass in jedem Labor in Deutschland jetzt Jemand zum abtippen von Sicherheitsdatenblättern verbannt wird. Und mal ehrlich: wer wird diese Datenmassen im Endeffekt lesen?

Zutiefst verzweifelt.
kuckida ist offline   Mit Zitat antworten
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Alt 12.12.2007, 18:15   #2   Druckbare Version zeigen
Nobby Männlich
Mitglied
Beiträge: 13.686
AW: Hüalfäää: Betriebsanweisungen

Zitat:
Das kann doch nicht angehen, dass in jedem Labor in Deutschland jetzt Jemand zum abtippen von Sicherheitsdatenblättern verbannt wird. Und mal ehrlich: wer wird diese Datenmassen im Endeffekt lesen?
Warum abtippen. Die MSDS kann man von jedem Lieferanten der Chemikalien anfordern und bekommen.

Es geht nicht nur ums lesen, geht darum, wenn ein Unfall passiert, daß man die Daten zur Hand hat.

Bei uns macht das eine ganze Abteilung, die sich mit MSDS ,TDS, Arbeitsanweisungen, Arbeitsicherheit, etc. beschäftigt. Das ist bei Kleinbetrieben natürlich vielleicht ein Problem. Aber ein Fulltimejob ist es aber für eine Person auch.
__________________
Vena lausa moris pax drux bis totis
Nobby ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.12.2007, 10:04   #3   Druckbare Version zeigen
Tiefflieger Männlich
Moderator
Beiträge: 5.444
AW: Hüalfäää: Betriebsanweisungen

Relevant wären mal einige Parameter zum Betrieb zu erfahren:
Anzahl der Mitarbeiter, Standorte, Branche?
Anhand dieser Rahmenbedingungen kann man sich dann überlegen, wie man die rechtlichen Vorgaben umsetzen möchte. Das kann vom handgeschriebenen Blatt, über Excel Listen bis zur SAP gekoppelten Datenbank reichen. Die Kosten hierfür können sich in sehr weiten Bereichen bewegen, daher sind die Rahmenbedingungen unabdingbar, um eine entsprechende Empfehlung auszusprechen.

Jetzt noch kurz zum Gefahrstoffrecht und seinen Vorgaben:
Jeder Arbeitgeber hat zu allen gefährlichen Stoffen, welche in seinem Betrieb gehandhabt werden Sicherheitsdatenblätter (SDB) vorzuhalten.
Anhand der SDB und dem Umgang (Dauer, Menge, Exposition usw.) hat der Arbeitgeber eine Gefährdungsbeurteilung zu erstellen (und natürlich zu dokumentieren).
Für Gefahrstoffe, ab Schutzstufe 2 (siehe Gefahrstoffverordnung) muß eine stoff- und tätigkeitsbezogene Betriebsanweisung (BA) erstellt werden, wobei es durchaus erlaubt ist mehrere Stoffe mit ähnlicher Gefährdung zu einer BA zusammen zu fassen.
Der Arbeitgeber (AG) wird eine solche umfassende Dokumentation natürlich nicht selbst durchführen, sondern selbige im Zuge seines Delegationsrechts an die entsprechenden Führungspersonen delegieren. Die Arbeitssicherheit hat hierbei beratende und unterstützende Funktion, zumal ja die Fachkräfte für Arbeitssicherheit als fachkundig zur Durchführung der Gefährdungsbeurteilung (siehe GefStoffV §7, Abs. 7) angesehen werden.

Jetzt zur Umsetzung bei uns.
Rahmenbedingungen: 6000 Mitarbeiter, 4 Standorte, Gesundheitswesen; >4000 Gefahrstoffe.

1 Mitarbeiter hat die Funktion des Gefahrstoffbeauftragten (das bin ich) und führt das zentrale Gefahrstoffverzeichnis, sowie das Archiv der SDB. Er erstellt Muster BA, welche von den Bereichsvorgesetzten an den Umgang vor Ort anzupassen sind (mit entsprechender Rückmeldung). Von den Bereichsvorgesetzten sind auch alle neuen Produkte zu melden und mindestens jährlich Bestandslisten abzuliefern. Anhand dieser Daten liefert der Gefahrstoffbeauftragte dann aktuelle Auszüge des Gefahrstoffverzeichnisses sowie die dazu notwendigen BA an den Bereich. Als Software verwenden wir hierzu das GeSi der Firma Feitsch. Es hat vieles, was wir benötigen zum akzeptablen Preis. Natürlich gibt es noch weitere Hersteller. Oftmals kann man Demoinstallationen bekommen.
Soweit zur Theorie, jetzt zur Praxis. Die Bereichsvorgesetzten kümmern sich in der Regel nicht um diese Thematik, bis z.B. ein Audit ansteht, dann ist das Gejammere groß. Die Muster-BA werden unverändert übernommen und abgelegt. Gelesen werden sie wohl nicht und wenn, dann werden weniger inhaltliche Fehler oder Abweichungen bemängelt sondern höchstens Rechtschreibfehler mokiert. Mit einer Person ist es nicht möglich die SDB, BA und das Gefahrstoffverzeichnis auf aktuellem Stand zu halten, es kommt zu einem "Überarbeitungsstau". Die ständig fortschreitende Änderung im Gefahrstoffrecht führt auch nicht zur Verbesserung. Es wird viel Papier gedruckt, welches dann schön archiviert wird (Beschäftigungstherapie).
Allerdings halte ich die Beschäftigung mit der Thematik nicht für Überflüssig, sondern für durchaus sinnvoll. Unter http://www.hvbg.de/d/bia/pub/rep/rep05/pdf_datei/arbeitsschutzloesungen/arbeitsschutzloesungen1.pdf gibt es eine gute Broschüre, welche Lösungsvorschläge z.B. für den Laborbereich unterbreitet. Somit ist man, wenn man bestimmte Mengengrenzen unterschreitet recht schnell fertig mit der Dokumentation und trotzdem weitgehend auf der rechtssicheren Seite. Über die Internetseiten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kann man auch recht gute Informationen und alle derzeit geltenden Vorschriften erhalten www.baua.de
__________________
Vernünftig ist, dass die politischen Spitzen, wenn sie miteinander sprechen, darüber sprechen, wie mit der Sache umzugehen ist, wie ernst Vorwürfe zu nehmen sind und wie man damit umgeht, Vorwürfe zu besprechen, zu klären, zu verifizieren oder aus der Welt zu schaffen. (2013 Regierungssprecher Seibert)
Tiefflieger ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.12.2007, 16:13   #4   Druckbare Version zeigen
kuckida  
Mitglied
Themenersteller
Beiträge: 118
AW: Hüalfäää: Betriebsanweisungen

Danke, für die ausführlichen Daten.

Ich arbeite an der FH, in einem recht kleine Institut und habe im Chemielabor ca. 400 recht exotische Stoffe (nicht giftig, sondern selten) zu betreuen.
Jetzt steht bei uns halt auch so eine Audit an und jetzt soll ich in einer Woche für sämtliche Stoffe Betriebsanweisungen haben.
Ich kenne das Gefahrstoffrecht, und finde auch, dass Arbeitssicherheit sinnvoll ist, war aber bis jetzt der Meinung, dass gut ausgearbeitete Versuchsanweisungen mit den richtigen Sicherheitsdaten sehr viel mehr Sinn machen als ein Ordner der in irgendeiner Ecke steht und Blätter mit roten Balken enthält.
Schade, dass es dem Gesetzgeber nur um das dumpfe, arbeitszeitverschwendende und nutzlose Abarbeiten von Vorschriften geht und schade, dass jetzt mein Bemühen den Menschen Arbeitssicherheit näher zu bringen sich als völlig nutzlos rausstellt, da ich die Zeit besser mit dem Schreiben von Betriebsanweisungen verbracht hätte.

So, musste mich jetzt grad mal kurz auskotzen. Jetzt aber genug davon. Hab schließlich noch viel zu tun diese Woche...
kuckida ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.12.2007, 16:18   #5   Druckbare Version zeigen
Noctum Männlich
Mitglied
Beiträge: 930
AW: Betriebsanweisungen

Ein bisschen Hilfe gibt es z.B. von der Berufsgenossenschaft Chemie unter

http://www.gischem.de/

Dort findet man Stoffdaten und Vorschläge für Betriebsanweisungen etc., damit kann man sich oft sparen, das Rad zwei mal zu erfinden.

Gruß
Noctum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14.12.2007, 10:16   #6   Druckbare Version zeigen
Tiefflieger Männlich
Moderator
Beiträge: 5.444
AW: Hüalfäää: Betriebsanweisungen

Zitat:
Zitat von kuckida Beitrag anzeigen
...Ich arbeite an der FH, in einem recht kleine Institut und habe im Chemielabor ca. 400 recht exotische Stoffe (nicht giftig, sondern selten) zu betreuen.
Als FH würde ich mich mal kundig machen, ob die FH am Hochschul Informations System (HIS) beteiligt ist, denn da gibt es hochschulspezifische Hilfestellungen und Arbeitskreise.

Zitat:
Zitat von kuckida Beitrag anzeigen
...Ich kenne das Gefahrstoffrecht, und finde auch, dass Arbeitssicherheit sinnvoll ist, war aber bis jetzt der Meinung, dass gut ausgearbeitete Versuchsanweisungen mit den richtigen Sicherheitsdaten sehr viel mehr Sinn machen als ein Ordner der in irgendeiner Ecke steht und Blätter mit roten Balken enthält....
Die Form von Betriebsanweisungen ist nicht vorgeschrieben (siehe TRGS 555). Somit könnten die Versuchsanweisungen durchaus den gesetzlichen Vorgaben zur Betriebsanweisung entsprechen. Hierzu ist allerdings bei einigen Auditoren Überzeugungsarbeit notwendig. Relevant ist auch, ob in dem Labor Fachkräfte tätig sind (fertig ausgebildet), oder Studenten. Bei den Studenten muß man dann auch noch unterscheiden, ob selbige Praxiserfahrung besitzen (höheres Semester), oder als blutige Anfänger gelten. Je nach Voraussetzung der Tätigen können die Anweisungen in ihrem Umfang variieren. Wenn man jetzt noch die Einzelstoffe betrachtet, kommt man wahrscheinlich darauf, dass es sich um viele verschiedene Stoffe mit kleinen Mengen, geringer Exposition und geringem toxischen Potential handelt. Diese Stoffe kann man dann recht schnell in Schutzstufe 1 nach Gefahrstoffverordnung einstufen und siehe da => keine Betriebsanweisung erforderlich (§8; §14 GefStoffV).
Viel wichtiger, als das sture Erstellen von Betriebsanweisungen halte ich praktische Unterweisungen vor Ort. Man kann ruhig die Tätigen auch mal dazu auffordern ihr Hirn einzuschalten und gesunden Menschenverstand zu benutzen. So findet sich z.B. in vielen Sicherheitsdatenblättern bei den Erste Hilfe Maßnahmen der Hinweis: "Mindestens 15 Minuten mit viel Wasser spülen." Ich möchte denjenigen sehen, der bei einer Kontamination am Auge dieses 15 Minuten mit kaltem Wasser (Augenduschen dürfen nur an kaltem Wasser betrieben werden) spült. Zur Probe kann man ja mal jemanden bitten, seinen Arm unter fließendes kaltes Wasser zu halten und dies 5 Munuten durchzuführen. Während der Kandidat keine Uhr bekommt und natürlich auch keine Möglichkeit eine solche einzusehen, stoppt man die Zeit (der Kandidat wird es nicht lange aushalten).
Auch nett ist es, jemanden an seinem Arbeitsplatz zu bitten, die Augen zu schließen und jetzt blind zur Augendusche/Waschbecken zu gehen. Da stehen dann Stühle und Abfalleimer im Weg, beim Vorbeitasten werden Glasgeräte zu Boden geworfen und noch einiges mehr.
Auch nett ist der Hinweis in vielen SDB: "Kontaminierte Kleidung umgehend wechseln." Fragen Sie mal nach, wer einen Satz Wechselkleidung (nicht nur den Laborkittel) im Spind liegen hat.
Tolle Unterweisungen und Dokumente sind auf den Seiten von Dr. Thomas Lehmann von der FU-Berlin zu bekommen http://userpage.chemie.fu-berlin.de/~tlehmann/
Ein Mensch, welcher die Arbeitssicherheit voranbringt und dabei die Praxis nicht aus den Augen lässt.
Meine Erfahrung zeigt, dass praktische Vorführungen um ein vielfaches einprägsamer sind, als stures Papiere drucken. Schütten Sie doch z.B. 500 ml Wasser auf den Boden und lassen die Anwesenden anschließend schätzen, wie viel das war. Dann noch die Frage, wie würde man die Lache beseitigen, wenn es sich z.B. um Methanol handeln würde. Man staunt, was für Antworten da kommen und stellt sehr schnell die technischen und organisatorischen Grenzen fest.
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Vernünftig ist, dass die politischen Spitzen, wenn sie miteinander sprechen, darüber sprechen, wie mit der Sache umzugehen ist, wie ernst Vorwürfe zu nehmen sind und wie man damit umgeht, Vorwürfe zu besprechen, zu klären, zu verifizieren oder aus der Welt zu schaffen. (2013 Regierungssprecher Seibert)
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