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Alt 07.06.2013, 12:20   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Flut und Klima: Eine Vorhersage - Allgemein

Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster und sage voraus, dass Flusshochwasser wie 2002 und dieses Jahr in Zukunft häufiger werden, und das hat sehr direkt etwas mit dem Klimawandel zu tun. Die akademische Klimaforschung ist mit solchen Ansagen natürlich vorsichtiger, wie das da klingt, kann man dieser Tage bei Stefan Rahmstorf nachlesen: Statistische Aussagen zu Starkregenereignissen sind schwierig, dazu sind die Daten zu variabel.

Wir können uns aber anhand recht simpler Ursache-Wirkungs-Beziehungen klarmachen, wohin die Reise geht. Flusshochwässer in Mitteleuropa gehen eigentlich fast immer auf eine spezifische Großwetterlage zurück, die man entweder als Vb-Wetterlage (nach einer über 100 Jahre alten Klassifikation der Zugbahnen von Tiefdruckgebieten) oder salopp als Mittelmeertief bezeichnet. Ich habe das in meinem aktuellen WWAS-Video kurz erklärt.



In der Vb-Lage reicht eine Schlaufe des polaren Jetstreams in großem Bogen von Nordeuropa bis in den Mittelmeerraum und zurück. Dieser Trog enthält kalte Luft von Norden, die dadurch bis zu den Alpen nach Süden vordringt. vor allem aber ziehen die Tiefdruckgebiete entlang des Jetstreams, und in so einer Situation weichen sie nach Süden ins Mittelmeer aus. Warmes Wasser gibt so einem Tief zusätzliche Energie, und das gilt nicht nur für tropische Hurricane, sondern auch für unsere stinknormalen Atlantiktiefs der mittleren Breiten. Das Mittelmeer ist schön warm, und entsprechend stärker werden die Tiefs dort unten. Außerdem nehmen sie viel Feuchtigkeit auf.

Großes Tiefdruckgebiet über dem westlichen Mittelmeer. An der Ostflanke strömt feuchte Luft über den Balkan nach Europa. Bild: NOAA


An diesem Punkt passieren zwei für's Hochwasser relevante Dinge: Erstens rotiert das Tiefdruckgebiet gegen den Uhrzeigersinn, das heißt, so ein Zyklon über Italien leitet an seiner Ostseite Luft nach Norden über den Balkan nach Mitteleuropa - und diese Luft ist vorher ein paar hundert Kilometer übers warme Mittelmeer gezogen. Hallo Verdunstung. Außerdem macht der Jetstream auf der Ostseite des Troges ja wieder einen langen schwung nach Norden, und das ist die Linie, der auch die Tiefdruckgebiete selbst folgen. In der Summe pumpt so eine Wetterlage also ordentlich feuchte, warme Luft aus dem Mittelmeer nach Osteuropa, wo sie auf die stationäre Kaltluft des Trogs trifft und im Stil einer klassischen Warmfront auf diese aufgleitet. Und dann pisst es wie blöde. Der Rest ist Geschichte.

Was das Klima mit dem Hochwasser macht

Der Klimawandel beeinflusst nun mal die Parameter, die so ein Hochwasser erzeugen. Die Erwärmung selbst trägt über recht simple physikalische Effekte zum Hochwasser bei: Zum einen braucht man warmes Wasser, damit die Tiefdruckgebiete schön groß werden und ordentlich Luft nach Norden leiten. Mehr Wärme, mehr Tiefdruckgebiet. Mehr Wärme bedeutet auch, dass mehr Wasser verdunstet, und warme Luft hält mehr Feuchtigkeit. Summa summarum: Wärmeres Mittelmeer bedeutet mehr Wasser für die Flut. Wie viel mehr das konkret sein wird, ist nach meiner Kenntnis ziemlich offen, aber auf jeden Fall ist die Richtung des Effekts klar.

Außerdem müssen wir damit rechnen, dass Vb-Wetterlagen selbst häufiger und länger werden. Der südwärts gerichtete Trog ist Teil einer großräumigen Wellenbewegung des polaren Jetstreams, den Rossby-Wellen. Nach aktuellen Forschungen ändern diese Rossby-Wellen derzeit ihr Verhalten erheblich, weil der Temperaturgegensatz zwischen Arktis und mittleren Breiten geringer wird. Die Polarregionen erwärmen sich weit schneller als der Rest des Planeten, und dadurch macht der Jetstream insgesamt größere Bögen nach Norden und Süden. Und da so eine Vb-Wetterlage genau so ein großer Bogen im Jetstream ist...

Es wird noch besser: Der Witz ist, dass die Rossby-Wellen außerdem um so langsamer wandern, je größer diese Schleifen sind. Ab nem bestimmten Punkt bleiben sie auch gerne mal ein paar Wochen an einem Ort stehen. Das bezeichnet man dann als "blockierten" Jetstream, inzwischen bekannt aus Funk und Fernsehen von allerlei unschönen Wetterereignissen wie dem "Jahrhundertsommer" 2003 , den wiederkehrenden Dürren in den USA, der katastrophalen Indus-Flut 2010 und der russischen Hitzewelle im gleichen Jahr. Es ist nicht abwegig zu vermuten, dass auch Vb-Lagen blockiert sein können und uns entsprechend länger beglücken. Und entsprechend höher ist die Chance, dass die Flüsse im Laufe so einer Zeitspanne irgendwann überlaufen.

Keine Panik

Die gute Nachricht ist, dass sich dadurch erstmal nicht grundsätzlich etwas ändert. Die Flüsse in Mitteleuropa sind in der Vergangenheit immer mal wieder über die Ufer getreten und werden es in Zukunft auch wieder tun. Da in den gefährdeten Gebieten viele Menschen leben und immense materielle und kulturelle Werte versammelt sind, müssen wir uns über Hochwasserschutz so oder so Gedanken machen, das ist nun wirklich keine neue Erkenntnis. Was sich ändert sind halt die Zahlen und die Häufigkeiten: Wenn man nicht mehr als eine Hochwasserkatastrophe pro Jahrhundert haben will, muss man dem zusätzlichen Wasser vor den Deichen eben entsprechend mehr Raum schaffen. Über Hochwasserschäden entscheidet auf lange Sicht der politische Wille, daran ändert der Klimawandel nichts.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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