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Alt 30.05.2013, 21:10   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Blog-Einträge: 12
Das Mammut klonen? - Technik

Seit zehntausend Jahren[1] ist das Mammut in seiner Heimat, den subarktischen Regionen Eurasiens und Nordamerika, ausgestorben. Dem Aufkommen der modernen Biotechnik redet man davon, es zurückzuholen. Schließlich hat man von diesen Tieren mehr als nur Knochen: Seit Jahrzehnten findet man im Permafrost tiefgefrorene Mammutkadaver, deren Gewebe erstaunlich gut erhalten ist und die zumindest die theoretische Hoffnung wecken, über ein rekonstruiertes Genom irgendwie neue lebende Mammuts zu züchten.

Russische Forscher gehen jetzt einen Schritt weiter: Sie behaupten, sie hätten in so einem tiefgefrorenen Kadaver sogar noch flüssiges Blut entdeckt. Das Tier muss extrem schnell eingefroren worden sein, um der Gerinnung zuvorzukommen. Schnell genug, hoffen sie, dass man aus diesen Geweben schon mit heutigen Methoden einen Klon erzeugen könnte.

Vor ein paar Wochen war das Klonen ja schon einmal im Gespräch, als Forscher aus fertigen, eigentlich in einer entwicklungsbiologischen Sackgasse steckenden Gewebezellen lebensfähige Embryonen und embryonale Stammzellen herstellten. Die so entstandenen Stammzellen kommen ein paar Jährchen zu spät, aber wenn man geklonte Embryonen haben will, ist dieser Kerntransfer somatischer Zellen (SCNT) wiederum äußerst interessant. Allerdings braucht man dazu funktionsfähige Zellkerne, und die Aussichten, in den bisherigen halbvergammelten Kadavern solche zu finden, ist eher niedrig. In dem neuen schockgefrorenen Mammut sieht das vielleicht anders aus.

Knapp 40.000 jahre altes Mammutkalb aus dem Permafrost. Bild: A.V. Lozhkin


Dass man nämlich auch aus toten, für ein Jahr eingefrorenen Gewebszellen noch geeignete Kerne für die Prozedur bekommen kann, haben Forscher schon vor Jahren an Mäusen nachgewiesen. Ob so ein tiefgefrorener Kern samt DNA auch zehn Jahrtausende lang intakt bleibt, ist eine offene Frage, aber keineswegs unwahrscheinlich. Und dann hätte man die wichtigste Zutat in der Hand, um das Mammut wieder zum Leben zu erwecken.

Das Genom ist erst der Anfang

Aber damit fangen die Probleme erst an. Als nächstes bräuchte man eine Eizelle, in die man den Kern einbringen kann. Und die Wahrscheinlichkeit, aus einem Mammutkadaver voll funktionstüchtige, lebende Eizellen zu ernten, ist exakt null. Das kann man vergessen. Die einzige Möglichkeit, sich eine halbwegs geeignete Eizelle zu beschaffen wäre, eine von einer verwandten Art zu verwenden. Das wäre wohl der Asiatische Elefant.

Ob das funktioniert, ist ausgesprochen fraglich, es wäre auch bei weitem nicht das erste mal, dass irgendwelche Schnacker von geklonten Mammuts rumfabulieren, und danach nie wieder was kommt. Es gibt allerdings einen Präzedenzfall, der dieses Vorhaben als möglich erscheinen lässt - Wissenschaftler haben schon einmal versucht, durch Kerntransfer eine ausgestorbene Art wiederzubeleben: Das Bucardo, eine im Jahr 2000 ausgestorbene Wildziege aus den Pyrenäen. 2006 transferierten spanische und französische Forscher Zellkerne aus Gewebeproben des letzten lebenden Exemplars - die immerhin sieben Jahre im Tiefkühler gelegen hatten - in entkernte Eizellen von Hausziegen. Die entstehenden Embryonen pflanzten sie in Hybriden aus Haus- und Wildziegen, und einer der Embryonen entwickelte sich tatsächlich zu einem Tier, das mit der ausgestorbenen Ziege identisch war.

Am Bucardo gescheitert

Die Sache hat allerdings einige Haken: Zum einen war der erfolgreiche Versuch einer von mehreren hundert Kerntransfers. Man braucht sehr viele Embryonen, damit es nur einmal klappt, und damit entsprechend viele lebensfähige Zellkerne, um all diese Embryonen überhaupt zu erzeugen. Beim Mammut, das weit länger eingefroren war, sicher noch mehr. Es scheint mir fraglich, ob das vorhandene Material diese Menge Zellkerne überhaupt hergibt.

Außerdem hat das Experiment nur bedingt geklappt. Das Bucardo-Weibchen starb bereits Minuten nach der Geburt - seine Lungen waren defekt. Es müssen sehr viele Faktoren sehr genau zusammenpassen, um aus einem transferierten Zellkern ein lebendes Tier zu bekommen. Jener Embryo hatte es bis zur Geburt geschafft, aber ein folgenschweres Detail scheint trotzdem schiefgegangen zu sein.

Man darf dabei nicht vergessen, dass in diesem Versuch Spender und Empfänger lediglich unterschiedlichen Unterarten angehörten - beim Mammut haben wir keinen Zugriff auf derart eng verwandte lebende Arten. Die Kluft zum Elefanten ist bereits erheblich. Es gab zwar Versuche, durch Kerntransfer zwischen verschiedenen Arten lebensfähige Embryonen zu erhalten, sie sind allerdings bisher durch die Bank gescheitert.

Selbst wenn man also aus dem neu gefundenen Mammut brauchbare Zellkerne für das Klonen bekommt, ist immer noch mehr als fraglich, ob die nächsten, entscheidenden Schritte funktionieren. Und die technischen Probleme sind ja nur ein Aspekt des Klonens, die ganz andere Frage ist, ob wir das Mammut überhaupt wiederbeleben wollen und wenn ja, wie es dann weiter geht.

Das Mammut ist ja nicht für sich alleine ausgestorben, es war Teil eines eigenen Ökosystems, das am Ende der letzten Eiszeit untergegangen ist. Die Aufgabe wäre also weitaus größer als nur ein Paar Tiere zu züchten: Wenn man das Mammut sinnvollerweise zurückbringen will, muss man auch die Mammutsteppe rekonstruieren, mit ihrer spezifischen Flora und Fauna - da auch die nicht mehr existiert, steht man da vor einer wahren Mammutaufgabe.
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[1] Es gab bis vor 3000 Jahren auf der Wrangel-Insel... Wisst ihr sicher alle eh schon, ich wollt nur sicher gehen.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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