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Alt 21.04.2013, 23:40   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Supersturm Sandy - bald auch in Europa - Klima und Umwelt

Ihr werdet euch sicher noch erinnern, dass vor nicht mal einem halben Jahr New York medienwirksam abgesoffen ist. Verantwortlich dafür war der Sandy, ein tropischer Zyklon mit dem gewissen Etwas. Sandy ist so weit nach Norden geraten, dass der Sturm mit einem Frontensystem in Kontakt kam und zu einem Hybridsturm wurde - einer Mischung aus Hurrican und Wintersturm.

Hurrican Sandy kurz vor Landfall nahe New York. Der Sturm ist bereits asymmetrisch und sehr groß, Merkmale eines extratropischen Zyklons. Bild: NASA


Ein solcher außertropischer Übergang verschafft einem todgeweihten Sturm einen zweiten Frühling. Eigentlich überlebt ein Hurrican in gemäßigten Breiten nicht lange - seine Energiequelle ist warmes Wasser im Ozean unter ihm, und das gibt es außerhalb der Tropen einfach nicht. Der Hurrican verhungert.

In den gemäßigten Breiten allerdings gibt es eine andere Energiequelle für schwere Stürme: Die Luftdruckgegensätze zwischen polaren und subtropischen Luftmassen. Gerät ein tropischer Zyklon in den Einflussbereich der Polarfront, kann er diese barokline Energie anzapfen. Das geschah mit Sandy, und holländische Meteorologen sagen jetzt, es wird in Zukunft auch in Europa passieren.

Die Prognose stammt von einem Klimamodell hoher Auflösung, das auf den numerischen Modellen basiert, mit dem das ECMWF saisonales Wetter vorhersagt. In das haben die Holländer jetzt die aktuellen und die durch den Klimawandel erwarteten Meerestemperaturen am Ende des Jahrhunderts eingespeist. Die Ergebnisse sind in den Geophysical Research Letters veröffentlicht.

Das Ergebnis deutet darauf hin, dass sich der Ursprung starker Stürme in Europa drastisch ändern wird. Heutige Orkane sind fast immer Sturmsysteme der mittleren Breiten, die entlang der Polarfront entstehen und einen kalten Kern haben. Gegen Ende des Jahrhunderts dagegen werden fast alle Stürme mit Windstärken um 12 Bft ursprünglich aus dem Hurricangürtel in den Tropen stammen.

Das hat auch Auswirkungen auf die Wahrscheinlichkeit von Extremwetter in Nordeuropa. Wenn ich die Modellergebnisse richtig interpretiere, wird die Hauptzugbahn dieser neuen Stürme entlang der französischen Küste über die Biscaya und über die britischen Inseln in die zentrale Nordsee führen. Die Wahrscheinlichkeit von Stürmen mit Orkanstärke steigt im Golf von Biscaya um den Faktor 25, in der zentralen Nordsee immer hin noch um das Fünffache.



Sturmbahnen am Ende des 21. Jahrhunderts im Modell von Haarsma et al. - die meisten dieser Stürme entstehen im Ostatlantik. Die Schwarze Linie kennzeichnet die 27-Grad-Linie, die für die Entwicklung von Hurricanen wesentlich ist. Sie liegt im Modell viel weiter nördlich als heute. Bild aus Haarsma et al., GRL 10.1002/grl.50360, 2013

Ursache dieser Entwichklung sind die steigenden Meerestemperaturen in den Subtropen. Sie führen dazu, dass sich das Ursprungsgebiet der Hurricane um etwa 1000 Kilometer nach Osten ausdehnt. Im heutigen Klima entstehen Hurricane im westlichen tropischen Atlantik, wo die Meerestemperatur über der kritischen Schwelle von 27 Grad liegt. Am Ende des Jahrhunderts entstehen hier weniger Stürme, entsprechend sinkt das Risiko in der Karibik und der Golfküste der USA. Dafür entstehen mehr Zyklone östlich von 50° W, von wo aus ihre Zugbahnen nach Mitteleuropa führen können.

Diese Stürme werden, wenn sie hier ankommen, in den allermeisten Fällen keine klassischen Hurricane mehr sein, dazu ist das Wasser hier zu kalt. Stattdessen machen sie irgendwo auf ihrer Reise einen außertropischen Übergang durch. Wie wir bei Sandy gesehen haben, ist das kein ganz harmloser Vorgang. Der Sturm gewann dadurch nicht nur neue Energie, sondern wuchs auf den enormen Durchmesser von 1800 Kilometern an. Das große Windfeld war ein wichtiger Faktor für die Sturmflut, durch die das New Yorker U-Bahn-System vollgelaufen ist.

Dass frühere tropische Wirbelstürme in Europa auftauchen, passiert auch heute schon regelmäßig. Meistens trifft es dabei die britischen Inseln. Beispiele sind der Hurrican Katia von 2011, der vor Neufundland eine außertropische Umwandlung durchmachte und in Schottland noch Windböen mit bis zu 120 Stundenkilometern brachte, oder im Jahr 1996 der Ex-Hurrican Lili, der in heutiger Währung 320 Millionen Euro Schaden anrichtete.

Den besten Vorgeschmack auf das, was Europa bevorstehen könnte, bietet allerdings der Hurrican Debbie aus dem Jahr 1961, der bisher einzige Zyklon, der als voll ausgebildeter tropischer Wirbelsturm Europa erreichte. Debbie traf Nordwestirland als Kategorie 1-Hurrican mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 170 Stundenkilometer. 11 Menschen starben, 50 wurden verletzt.

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via Jeff Masters



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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