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Alt 27.02.2013, 17:00   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Wieviel Bisphenol A haben wir wirklich im Körper? - Chemie

In den letzten Jahren hat sich ja, gestützt durch eine Reihe von Tierstudien und epidemiologischen Untersuchungen, die Hypothese verbreitet, dass BPA für eine ganze Liste von Gesundheitsproblemen wie Übergewicht, Diabetes und Entwicklungsstörungen verantwortlich ist. Dagegen steht andererseits ein Haufen anderer Studien, die keinen Zusammenhang erbracht haben - die Frage ist also, anders als uns allerlei Interessenvertreter weismachen wollen, derzeit noch offen. Klar ist allerdings, dass man Bisphenol A heutzutage praktisch nicht mehr entkommen, einfach weil das Zeug von Kunststoffflaschen (aber nicht PET) über Epoxidversiegelungen von Wassertanks bis hin zu Zahnfüllungen aus Kunststoff quasi überall drin ist.

2,2-Bis-(4-hydroxyphenyl)-propan (Bisphenol A)


Dazu bindet BPA bekanntermaßen an die gängigen Östrogenrezeptoren und steht im Verdacht, hormonähnlich zu wirken - Grund genug, das Zeug im Auge zu behalten. Blöderweise helfen Epidemiologische Studien nur bedingt weiter: Gerade bei nahezu universell verbreiteten Substanzen lässt sich praktisch jeder beliebige Zusammenhang konstruieren, wenn man's drauf anlegt (zur Verdeutlichung ist das Beispiel DHMO sehr instruktiv).

Jetzt behauptet auch noch ein Toxikologe in Diensten der US-Regierung mit dem schönen Name Justin Teeguarden, es gebe ein grundsätzliches Problem mit den Tierstudien zur BPA-Wirkung. Er kommt in einer (derzeit zur Veröffentlichung anstehenden) Studie zu dem Ergebnis, die in Tierstudien verwendeten Konzentrationen von BPA seien durch die Bank um mehrere Größenordnungen höher als die Menge, denen Menschen tatsächlich ausgesetzt sind.

Der Hintergrund ist folgender: Es gibt haufenweise Studien dazu, wieviel BPA Menschen tatsächlich im Körper haben, einerseits aus Blut- und Urinproben, andererseits indem man berechnet, wieviel von dem Zeug man über die Nahrung aufnimmt. Teeguarden hat sich nun all diese Studien vorgenommen, und die überwältigende Mehrzahl kommt nach seinen Angaben, unabhängig von der Methode, auf Konzentrationen im Pikomol-Bereich, das ist grob irgendwo zwischen 0,3 und ein paar Nanogramm pro Liter.

Die Zahl hat mich beim Lesen durchaus überrascht, denn in den Tierstudien geht es meistens um Konzentrationen im höheren Mikrogrammbereich und weit darüber hinaus, zum Beispiel von 0,1 bis 100 mg pro Kilo Körpergewicht (was ganz grob auf Milligramm pro Liter hinausläuft) - also die mehr als tausendfache Konzentration selbst des höheren Wertes. Die Erklärung liefert Teeguarden: Es gebe eine einzelne Blutanalyse, die diese höheren BPA-Konzentrationen liefert. Und an der orientieren sich dann auch die ganzen Tierstudien, laut denen BPA alle möglichen schädlichen Effekte hat.

Ein unüberschaubarer Datenwust

Nun bin ich selbst mal losgegangen und habe mich in der Literatur nach Expositionsdaten für BPA umgeguckt. Die Ergebnisse sind gemischt. Erstmal wäre ich der Fachwelt dankbar, wenn sie sich entscheiden könnte, ob sie Konzentrationen in Mol pro Liter, Gramm pro Liter oder Gramm pro Milliliter angeben möchte. Die ganze Umrechnerei macht einen ja irre. Und dann passt der Kram hinten und vorne nicht.

Auf den ersten Blick scheinen viele Literaturangaben die Dosierungen in den Tierversuchen zu bestätigen. Aber erstens nicht alle, und zweitens deuten theoretische Überlegungen, wieviel BPA in der Nahrung überhaupt maximal drin ist, darauf hin, dass das alles irgendwie nicht hinkommen kann. Zum Beispiel heißt es hier durchschnittlich 1,33 Mikrogramm pro Liter, das BfR wiederum kommt auf der Basis von Umweltdaten und Aufnahmebilanzen auf ein paar Nanogramm pro Liter. Und so weiter. Teeguarden vermutet nun, dass das Zahlen-Chaos auf ein grundsätzliches Problem in der Analytik hindeutet: Demnach sind viele Proben von außen mit BPA kontaminiert. Unglücklicherweise ist diese Vermutung absolut nicht von der Hand zu weisen.

Kontamination als potenzielles Problem

Zur Illustration ein Beispiel aus einem völlig anderem Gebiet: Ihr erinnert euch an die Geschichte mit der Eisendüngung von Meeresgebieten, um Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu ziehen? Das funktioniert deswegen, weil das Wasser des offenen Ozeans extrem wenig Eisen enthält - so wenig, dass Algen aus Eisenmangel nicht wachsen können. Nur, das wussten Wissenschaftler lange nicht, denn in der Analytik zeigten sich zwar niedrige, aber doch fürs Algenwachstum ausreichende Eisenkonzentration. Das fehlende Phytoplankton im offenen Meer blieb ein Rätsel.

Irgendwann haben die Ozeanografen dann Verdacht geschöpft und mit gigantischem Aufwand Probenflaschen und Labore nahezu komplett von anhaftenden Eisenatomen befreit. Auskochen mit Königswasser und so. Und siehe da - das Wasser des Ozeans erwies sich tatsächlich als extrem arm an Eisen. Das Problem war nur, dass nahezu überall sonst Eisen ist: In den meisten Laborgeräten, Waschbecken, Staub und Hautflocken, das ganze Forschungschiff selbst natürlich auch. Wir baden quasi in Eisen, und deswegen muss man ziemlich viel Aufwand treiben, um extrem geringe Konzentrationen des Metalls zu messen.

Blutentnahmeröhrchen aus transparentem Plastik: Eine potenzielle BPA-Quelle. Bild: Pflegewiki-User Würfel, CC BY-SA


Die potenzielle Parallele zum BPA ist offensichtlich: Das Zeug ist deswegen so weit verbreitet, weil es ein preiswerter, leicht herzustellender Baustein mit Alkoholgruppen an beiden Enden ist, und deswegen (und einiger anderer Feinheiten, die mit seiner Struktur zu tun haben) eignet es sich perfekt als Rohstoff für Polymere aller Art: Mit Phosgen erhält man Polycarbonat, mit Epichlorhydrin Epoxidharze, und das sind so ungefähr die beiden Materialien, aus denen unsere moderne Zivilisation aufgebaut ist. Gerade in der Medizintechnik gibt es inzwischen kaum noch etwas, was nicht aus Kunststoff ist. Nicht zuletzt die Ampullen, in die Blutproben reingezogen werden. Und aus vielen dieser Werkstoffe sickern kleine Mengen Bisphenol A aus.

Nicht alles was messbar ist, ist auch gefahrlich

Die Frage nach der Konzentration berührt einen ganz zentralen Punkt nicht nur der BPA-Diskussion, sondern der gesamten Toxikologie: Ab welchen Konzentrationen sind Giftstoffe überhaupt gefährlich? Die Frage ist heute umso dringlicher, da einerseits jedes Produkt kleine Mengen verschiedener Substanzen an die Umgebung abgibt (weiße Wandfarbe zum Beispiel Titandioxid-Nanopartikel) und andererseits die modernen Analyseverfahren schon winzigste Konzentrationen an Kontaminanten sicher detektieren können. Wenn man genau genug nachguckt, dürfte man so ziemlich alles finden.

Wenn es in der BPA-Analytik tatsächlich ein Problem mit von außen eingetragenem Bisphenol A gibt, steht hinter der gesamten Debatte plötzlich wieder ein großes Fragezeichen. Schließlich macht die Dosis das Gift - siehe zum Beispiel Vitamin A oder das Cyanid in Bittermandeln, beides potenzielle Gifte, allerdings in weit höheren als den normalerweise aufgenommenen Konzentrationen. Entsprechend müssen wir auch bei Bisphenol A die tatsächlich aufgenommenen Mengen kennen, damit wir überhaupt wissen, worüber wir da reden. Und dass wir das tun, ist absolut nicht klar.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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