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Alt 26.10.2012, 16:20   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Blog-Einträge: 12
Noch mal zu Atomkraftwerken und Tsunamis - Technik

Ich hatte nach dem Unfall von Fukushima ja darüber geschrieben, dass Tsunamis auch Atomkraftwerke in Europa bedrohen. Das eigentliche Problem liegt allerdings in anderen Weltgegenden, die geologisch ungleich aktiver sind als unsere vergleichsweise ruhige Region. Kürzlich bin ich auf eine interessante Studie gestoßen, die zeigt, wie enorm hoch das Risiko eines zweiten Fukushima tatsächlich ist.

Die beteiligten Wissenschaftler haben sich einfach mal angeguckt, welche Atomkraftwerke so an den klassischen Tsunami-Küsten herumstehen. Also an solchen, an denen Subduktionszonen die stärksten Erdbeben überhaupt auslösen und die benachbarten Strände ziemlich regelmäßig mit Monsterwellen fluten. Es wird euch nicht überraschen zu hören, dass das sogar recht viele sind.

Subduktionszonen gibt es weltweit und entsprechend damit auch Küsten, die durch die von ihnen ausgelösten Tsunamis gefährdet sind. Allerdings stehen nicht an allen von ihnen Atommeiler: Sowohl die Westküste der Amerikas als auch die Tsunamiregionen des Mittelmeeres sind laut dieser Analyse frei von Atomkraftwerken. Ich konnte das erst nicht so recht glauben, habe aber kein Gegenbeispiel gefunden.



Tsunami-gefährdete Atomkraft-Standorte aus Rodriguez-Vidal et al, Natural Hazards 63(2) 2012, S. 1273-1278, DOI: 10.1007/s11069-012-0162-0. Die Ziffern in Klammern bezeichnen jeweils die Zahl an Reaktoren.

Auf jeden Fall stehen nach dieser Analyse nahezu alle ernsthaft Tsunami-gefährdeten Kraftwerke in Ostasien, abgesehen von Madras in Indien und Kanupp in Pakistan. Insgesamt geht es um 23 verschiedene Standorte, von denen dreizehn derzeit im Normalbetrieb sind. Die anderen zehn? Die werden grad erweitert oder - an sieben Standorten - ganz neu gebaut.

Ich bin nicht ganz sicher ob ich darüber lachen oder weinen soll. Selbst in Japan, wo man die Lektion ja nun gelernt haben sollte, wird grad ein neuer Reaktor mit Blick auf den Tiefseegraben gebaut. Das zeigt nicht nur, dass die Menschen nicht lernen, sondern dass der japanische "Atomausstieg" von Anfang an nur Schnack war. Die meisten neuen Tsunami-Ziele baut allerdings China, insgesamt fünf, die letzte Baustelle ist in Taiwan.



Der Schönheitsfehler bei dieser ganzen Untersuchung ist allerdings, dass die Autoren nicht viel mehr gemacht haben als zwei Karten übereinanderzulegen, nämlich die mit dem Tsunami-Risiko und die Übersicht über die Atomkraftwerke weltweit. Das heißt, die Aussagekraft ist begrenzt, einerseits im Hinblick auf natürliche Gegebenheiten, die das Tsunami-Risiko mindern oder erhöhen, wie trichterförmige Flussmündungen oder vorgelagerte Inseln und dergleichen. Das hätte man ohne großen zusätzlichen Aufwand noch nachgucken können, hab ich bei meinem Blogbeitrag ja auch gemacht.

Der zweite Punkt ist natürlich, dass eben doch die Möglichkeit besteht, dass irgendwer aus Fukushima gelernt hat, und dass die Anlagen jetzt alle eilig umgerüstet werden, um sie Tsunami-fest zu machen. So richtig glaub ich da aber auch nicht dran. Schließlich sind ja per Definition alle Atomkraftwerke sicher, bis halt zum Beweis des Gegenteils. Die nächste Welle kommt jedenfalls bestimmt.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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