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Alt 08.06.2012, 13:20   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Elfmeterschießen - Glückssache oder Kopfsache? - Allgemein

Wer im Elfmeterschießen gewinnt ist nicht nur Glück oder Zufall - wer die Nerven verliert, verschießt. Und der Grund dafür liegt manchmal ein paar Jahre in der Vergangenheit.

Wenn bei dieser EM irgendwann ein Spiel durch Elfmeterschießen entschieden wird, werden unsere Fernsehkommentatoren zuverlässig und ausführlich ein ähnliches Elfmeterschießen von anno dunnemals beschwören. Als wenn das heute noch eine Rolle spielen würde. Tut es aber tatsächlich.

Norwegische und niederländische Forscher haben die Elfmeterschießen bei den großen Turnieren seit 1976 ausgewertet, um herauszufinden, welche Rolle die Fußballhistorie für die Trefferquote spielt. Dabei hat sich herausgestellt, dass Heribert Fassbender und Co. schon immer Recht hatten - selbst wenn ein Elfmeterschießen zehn Jahre zurückliegt und kein einziger der aktuellen Spieler damals dabei war, beeinflusst der Ausgang des letzten Elfmeterschießens das aktuelle Ergebnis.

Die Studie basiert auf Videoaufzeichnungen aller Elfmeterschießen bei Welt- und Europameisterschaften seit 1976, insgesamt 309 Schüsse in 31 Spielen. Das ist nicht die Welt, aber weitaus besser als all die Paper, die mit Stichprobengrößen um ein Dutzend durch die angeblich seriöse Literatur geistern. Spieler in Mannschaften, die mindestens das letzte Elfmeterschießen gewonnen haben, erreichen Trefferquoten von 80 bis 90 Prozent, solche mit vorherigen Niederlagen nur etwa 50 bis 70 Prozent.[1]

Die Daten streuen recht stark, weil die Untergruppen teilweise dann doch recht klein werden, insofern lohnen sich exaktere Angaben nicht. Was die Daten aber definitiv zeigen ist, dass eine ganze Serie von Niederlagen die Erfolgsaussichten in darauffolgenden Elfmeterschießen deutlich reduziert. Das zeigt auch, dass diese Art der Entscheidung alles andere als eine Lotterie ist, egal was da jetzt wieder einige Leute behaupten. Elfmeterschießen ist Kopfsache - es gewinnt, wer unter der Last der Erwartungen nicht zusammenbricht. Und unter der Last der Geschichte.



Hypothek für die EM? Das verlorene Elfmeterschießen der Bayern im Champions-League-Endspiel.

Es ist also tatsächlich etwas dran etwas dran an der viel beschworenen Elfmeterstärke deutscher Nationalmannschaften. Je mehr Elfmeterschießen eine Mannschaft nämlich in der Vergangenheit gewonnen hat, desto besser treffen die Spieler, wenn es wieder soweit ist. Das gilt unabhängig davon wie lange das letzte Elfmeterschießen her ist und ob der Schütze daran überhaupt beteiligt war. Aber es sind weniger die Gewinner, bei denen der Serieneffekt durchschlägt, sondern vor allem die Verlierer. Der wichtigste Faktor bei Sieg oder Niederlage ist nackte Angst.

Der Hintergrund des Leistungsabfalls unter Druck, schreiben die Autoren, ist die Bedrohung des positiven Selbstbildes, verbunden mit einem Verlust der Selbstkontrolle. Das Elfmeterschießen ist das Paradebeispiel für solche Situationen - das ultimative make or break unter den Augen von zigtausenden oder gar Millionen Zuschauern. Gerade bei Welt- und Europameisterschaften ist der Druck, der in solchen Situationen auf den Spielern lastet, extrem. Für Psychologen, die sich mit Versagen unter Druck befassen ist das natürlich großartig, zumal ein Elfmeterschuss im Gegensatz zu fast allen anderen Stresssituationen ein klares Ergebnis produziert: Tor oder nicht Tor.

In der Untersuchung von Jordet und Kollegen ging es denn auch nicht allein um Geschichte und Ergebnisse, sondern die Forscher suchten in den Videos gezielt nach Angstsymptomen. In Extremsituationen, schreiben die Forscher, wird die Angst so groß, dass die Betroffenen die Priorität darauf legen, die Angst zu mildern und die Stresssituation so bald wie möglich zu beenden. Tatsächlich fanden die Forscher, dass Spieler aus Verlierermannschaften wesentlich schneller schießen. Sie warten nach dem Pfiff des Schiedsrichters im Schnitt 0,58 Sekunden bis zum Anlauf, ein ganzes Stück kürzer als Spieler ohne Elfmeter-Vorgeschichte oder solche mit Siegen in der Vergangenheit. Das scheint tatsächlich darauf hinzudeuten, dass dieses Vermeidungsverhalten die Spieler schlechter schießen lässt, die Autoren verwerfen diesen Zusammenhang allerdings aus statistischen Gründen und kommen zu dem Schluss, dass sie keinen Zusammenhang zwischen Stresssymptomen und Ergebnis nachweisen können.

Also alles nur Illusion ohne kausalen Zusammenhang? Glücklicherweise haben wir ja noch die direkt betroffenen Spieler, die wir einfach fragen können - die Forscher zitieren am Anfang ihres Papers den englischen Nationalspieler Ashley Cole:
Of course, you can’t help but think about Southgate, Batty, Pearce, Beckham, and Waddle, and all those penalty nightmare misses of old. It lurks in your mind somewhere, adding more pressure and a little bit of fear.
Ob sich die deutsche Nationalmannschaft wegen dieser Ergebnisse Sorgen machen muss ist nicht ganz klar. Einerseits hat sie alle Elfmeterschießen bei großen Turnieren gewonnen und sollte entsprechend gefestigt sein. Andererseits trägt ein beträchtlicher Teil der Mannschaft seit dem Finale dahoam ein recht frisches Elfmetertrauma mit sich herum - und der negative Effekt einer vorhergegangenen Niederlage zeigt sich in der Studie bei hochklassigen Spielern und Teams bei weitem am stärksten: In der Studie hatten Spieler in Top-Teams, die an einem zuvor verlorenen Elfmeterschießen selbst beteiligt waren, mit etwa 53 Prozent eine der schlechtesten Trefferquoten überhaupt.

Joachim Löw sollte sich eventuell überlegen, im Falle eines drohenden Shoot-out seine Bayern-Spieler präventiv aus dem Spiel zu nehmen.
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[1] An den Zahlen ändert sich auch dann praktisch nichts, wenn man die Spielstärke der Teams einbezieht, entweder gemessen an Preisen und Titeln der einzelnen Spieler oder auch an den Punkten im jeweils laufenden Wettbewerb.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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