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Alt 11.03.2012, 01:20   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Das Ende der Banane wie wir sie kennen? - Biologie

Wenn ihr das nächste mal Obst kauft, guckt euch die Bananen einmal genauer an - ihr seht eine bedrohte Art. Unsere gängige Supermarkt-Banane, eine Varietät namens Cavendish, steht am Rande einer globalen Katastrophe. Ausgehend von Südostasien frisst sich ein Schimmelpilz durch Bananenplantagen und vernichtet die Pflanzen, eine nach der anderen. Nichts und niemand konnte diesen Pilz bisher aufhalten, und alles sieht danach aus, dass er seinen Siegeszug fortsetzt, bis auch die letzte Cavendish-Banane vom Antlitz der Erde getilgt ist.

Das Ganze ist schon einmal passiert, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Bananenproduzenten pflanzten damals eine Bananenvarietät namens Gros Michel an, die ursprünglich aus Südostasien stammte und größer, robuster und schmackhafter war als heutige Bananen. Mit ihrem Export aus der Karibik nach Nordamerika begann 1880 die Karriere der Banane als Südfrucht für die Massen. Doch zur gleichen Zeit begann auch ihr Untergang.

Der Untergang von Gros Michel

Im Jahr 1876 berichteten Bananenpflanzer in Australien erstmals von einer seltsamen Krankheit, bei der zuerst die älteren Blätter fleckig wurden, dann die jungen Triebe welkten und schließlich die ganze Pflanze. Der Killer damals war der Schimmelpilz Fusarium oxysporum f. sp. cubense, ein Vertreter einer verbreiteten Gruppe von gefürchteten Pflanzenpathogenen. Doch keine Wirtspflanze wurde je so hart getroffen wie die Banane.

Die Cavendish-Banane, Bild: Darkone/Wikipedia, CC-BY-SA


Bananenpflanzen produzieren keine Samen, sondern sie vermehren sich über Rhizome, Äste, die Seitlich an der Basis der Pflanze wachsen und Wurzeln schlagen können. Um also ein neues Bananenfeld anzulegen, erntet man einfach die Rhizome erwachsener Pflanzen und steckt sie woanders in den Boden. Diese Art der Vermehrung hat eine dramatische Konsequenz: Man kann Bananen nicht untereinander kreuzen und so keine besseren - zum Beispiel krankheitsresistente - Sorten züchten. Alle Bananen einer Varietät stammen letztendlich von einer einzigen Pflanze ab - sie sind ihre Klone. Wenn eine Pflanze anfällig für einen Pilz ist, ist es die nächste genauso sehr, und die nächste Plantage auch. Und ebenso die auf der nächsten Insel und auf dem nächsten Kontinent.

Die Seuche folgte der Bananenpflanze um die Welt und wütete am vernichtendsten in den für den Export bedeutenden Anbaugebieten Mittelamerikas, wo sie unter dem Namen Panama-Krankheit berüchtigt wurde. Der Parasit infiziert die Pflanze über die Wurzelspitzen und wächst im Gefäßsystem der Pflanze heran. Die Blätter werden fleckig, dann welk, und die Pflanze verschimmelt quasi von innen, ohne dass man etwas dagegen tun kann.

Auch mit Fungiziden war dem Pilz nicht beizukommen. Die Stauden starben eine nach der anderen ab, neue Felder wurden angelegt, ein paar Jahre erschienen die Pflanzen gesund, bis auch sie nacheinander abstarben. Allein in Honduras vernichtete die Seuche zwischen 1940 und 1960 insgesamt 30000 Hektar Bananen. Um etwa 1960 war es vorbei - Gros Michel hatte quasi aufgehört zu existieren.

Verfärbte Leitbündel im Stamm der Bananenpflanze - Symptom der Panama-Krankheit. Bild: U.S. Department of Agriculture


Aufstieg der Cavendish

Während Gros Michel in den letzten Zuckungen lag, wandten sich die Züchter in ihrer Verzweiflung einer nahen Verwandten zu, der Cavendish-Banane. Diese ursprünglich wohl aus China stammende Varietät galt gegenüber Gros Michel als minderwertig - sie ist klein und weniger schmackhaft und vor allem dank ihrer dünnen Schale deutlich empfindlicher - aber sie war resistent gegen den Fusarium-Pilz. Der Parasit dringt zwar auch in ihre Wurzeln ein, infizierte Gefäße jedoch füllt die Pflanze mit einem Gel und umhüllt sie mit Lignin, so dass sich der Pilz nicht ausbreiten kann. Und so kam es, dass heute die Cavendish die Bananenfelder dominiert. Sie macht etwa die Hälfte der weltweiten Bananenernte aus und macht nahezu den gesamten Export in die Industrieländeraus.

Doch Cavendish hat exakt die gleiche Schwäche wie Gros Michel - alle Pflanzen sind Klone und wachsen in großen Plantagen. Es war wirklich nur eine Frage der Zeit: In den 80er Jahren starben die ersten Pflanzen in Südostasien an einem neuen Fusarium-Stamm, dem Forscher bald die Bezeichnung tropical race 4 gaben. Und TR4 scheint mit Cavendish genauso kurzen Prozess zu machen wie sein Cousin TR1 mit Gros Michel - auf zwei untersuchten Farmen auf den Philippinen stieg die Zahl der infizierten Pflanzen von 700 im Jahr 2005 auf über 15000 nur zwei Jahre später. Heute ist TR4 in Südostasien und Australien weit verbreitet.

Fusarium ist zurück

Bis heute gibt es kein Gegenmittel und keine Behandlung, ja nicht einmal eine zuverlässige Diagnostik für den Erreger. Das einzige Gegenmittel ist, betroffene Pflanzen und Plantagen zu isolieren, um den Pilz zu hindern, sich weiter auszubreiten. Doch das ist nur eine vorübergehende Maßnahme - Experten sind sich einig, dass der Pilz dank globalem Warentransport früher oder später auch in die westliche Hemisphäre gelangen wird. Zu allem Unglück hat sich jetzt in Indien auch noch der Stamm TR1 zurückgemeldet, der Gros Michel den Garaus machte. Ob es sich dabei um Einzelfälle handelt ist noch nicht klar, aber wenn nicht, ist die Cavendish wohl endgültig erledigt.

Fusarium oxysporum in Kultur. Bild: U.S. Department of Agriculture


Allerdings dürfte TR4 das im Zweifelsfall auch allein schaffen. Forscher schätzen, dass etwa 85 Prozent aller Bananen weltweit anfällig für den Pilz sind, sollte er sich weiter verbreiten. Die Branche jedenfalls scheint sich schon auf den Worst Case vorzubereiten und plant den Ausstieg aus der Cavendish. Eine neue Sorte könnte ihren Platz einnehmen, wie es schon bei Gros Michel geschah - nur wäre eine solche Sorte wahrscheinlich in der einen oder anderen Weise für den Export noch weniger geeignet als die Cavendish.

Inzwischen ist allerdings keineswegs nur der Bananenexport bedroht. Die Welt würde nicht untergehen, wenn es in Zukunft Bananen hierzulande nur noch in Spezialitätengeschäften gäbe, aber in Afrika und Indien sind die Bananen und Kochbananen ein wichtiger Teil der täglichen Ernährung von Millionen Menschen. Während des Niedergangs von Gros Michel hat die enorme Vielfalt dieser lokalen Sorten diesen Teil der Bananenwelt vor dem Pilz geschützt, allerdings gibt es einige Hinweise, dass TR4 neben der Cavendish auch eine Reihe nicht für den Export bestimmte Bananenvarietäten befällt. Es bleibt zu hoffen, dass das Einzelfälle sind - das letzte, was die Welt jetzt braucht, ist ein Universal-Bananenkiller, der noch mehr Kleinbauern in Afrika und Indien ruiniert.

Eine Zukunft ohne Banane?

Doch selbst wenn es noch mal gut geht, die Züchter auf eine neue Sorte umsteigen und TR4 keine Opfer mehr findet - das Grundproblem bleibt bestehen. Auch eine neue Bananenvarietät wäre anfällig gegenüber Fusarium, und in ein paar Jahrzehnten würde ein neuer Pilz ein neues Massensterben einleiten. Und mit jedem neuen Pilz wächst auch die Gefahr für die lokalen Bananensorten. Die derzeit beste Hoffnung, diesen Zyklus zu unterbrechen, bietet die moderne Biotechnologe in Form von genetisch veränderten Cavendish-Varianten. Die Forscher übertragen dazu Resistenzgene von anderen, nicht für Fusarium anfälligen Bananensorten auf die Cavendish. In Australien laufen derzeit Freilandversuche mit solchen Pflanzen.

Am eigentlichen Problem, den extrem anfälligen Plantagen mit tausenden Pflanzenklonen, würde das allerdings nichts ändern, und auch nicht an der Abwehrschlacht gegen alte, neue und noch unentdeckte Pathogene. Was bleibt ist die Abkehr von der Monokultur, hin zu einer diversen Bananenernte mit verschiedenen Sorten, so dass Bananenpflanzer gefährdete Sorten identifizieren und durch andere ersetzen können. Das allerdings macht die Ernte komplizierter, den Transport und den Verkauf - die neuen Bananen hätten nicht nur andere Formen und Farben, sondern einen anderen, weitaus höheren Preis. Die allgegenwärtige Supermarkt-Südfrucht für alle wäre dann Geschichte.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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