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Alt 04.07.2011, 21:10   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Blog-Einträge: 12
Den Doktor abschaffen? - Allgemein

Die Debatte um die Titelgaunereien einiger (wenn nicht gar vieler, wir werden sehen) Politiker[1] habt ihr sicher mitbekommen, das Thema hat es gestern sogar in eine dieser Quatschsendungen geschafft. Florian diskutiert bei sich im Blog inzwischen sogar die ganz radikale Lösung, nämlich den Doktortitel[2] gleich ganz abzuschaffen.

Die Überlegung die dahinter steht, finde ich absolut richtig. Das hat gar nicht mal nur etwas mit den Plagiaten zu tun, sondern mit dem Doktor an sich. Das ganze Bohei um die zwei Buchstaben vor dem Namen ist inzwischen zu einer echten Belastung für die Wissenschaft geworden.

Das Schindluder, das aus Karrieregründen mit diesem akademischen Grad getrieben wird, fällt gleich in Doppelter Weise auf die Wissenschaft zurück - einerseits in Form des Ansehensverlust, der mit diesen dauernden Fällen wissenschaftlicher Fälschung einhergeht, und der sicher keineswegs unberechtigt ist. Andererseits aber auch in Form von haufenweise Knallköpfen, die bis zum bitteren Dissertationsende die wissenschaftliche Ausbildung verstopfen, obwohl sie an Wissenschaft nicht das geringste Interesse haben. Die nämlich verschlechtern die Bedingungen für alle Studenten mit echtem Interesse am Fach und nehmen begabteren oder auch nur motivierteren Bewerbern sogar Studienplätze weg. Die Profilneurose von Leuten wie Guttenberg oder Koch-Mehrin entzieht der Wissenschaft knappe Ressourcen.

Die Strukturen innerhalb der Wissenschaft zu ändern, weil es in der weiteren Gesellschaft ein Problem gibt, ist natürlich selbst wieder etwas unglücklich. Die Karrieredoktorenschwemme muss man wohl als Nebeneffekt des allgemeinen Universitätszugangs hinnehmen. Bei weitem nicht jeder, der nach dem Abschluss der Forschung den Rücken kehrt, hatte das am Anfang des Studiums auch vor und umgekehrt.

Dagegen wäre es wohl sinnvoll, akademisches Plagiat schlicht zur Straftat erklären und dafür sorgen, dass die Täter ihre Unredlichkeit bitter bereuen. Da bin ich sogar sehr für. Musik- und Filmindustrie versuchen schließlich auch mit unverhältnismäßig hohen Strafen für Filesharer einen Abschreckungseffekt zu erzielen, ohne dass Politiker das anrüchig finden. Da sehe ich nicht warum man nicht bei, sagen wir, Koch-Mehrin ausrechnet, wie viel ihre Ausbildung wohl gekostet hat (wie man diese Zahlen hochtreibt kann man sich ja bei der Musikindustrie angucken) und die volle Summe wieder zurückfordert oder dergleichen.

Aber ich finde, man sollte darüber hinaus mal über den Doktortitel, seinen Stellenwert und das Promotionsverfahren allgemein nachdenken. Die Zeiten, zu denen die Doktoranden ihrem Prof am Wochenende den Garten umgraben mussten, sind zwar vorbei, aber natürlich sind derlei Frondienste nach wie vor häufig. nur dass es heute wissenschaftsnahe Aufgaben sind, die Professoren ihre Untergebenen nebenher erledigen lassen. Und das Thema mit den Arbeitskreisleitern, die ihre Leute für umsonst schuften lassen und dafür zum Sozialamt schicken, das ging vor einiger Zeit ja auch rum.

Der Grund für derartige Exzesse und für die allgemein schlechten Arbeitsbedingungen bei Jungwissenschaftlern ist das Geflecht aus Hierarchie und Abhängigkeit, das die Wissenschaft bis heute prägt. Und ganz ehrlich, ihr glaubt doch nicht dass der Doktortitel deswegen so begehrt ist, weil so viele Leute damit angeben wollen, dass sie mal wissenschaftlich gearbeitet haben - es geht ganz allein um die überkommene Hierarchie, die der Doktortitel symbolisiert. Und genau diese Hierarchie ist in der Wissenschaft so fehl am Platze wie nirgends sonst. Der Doktortitel ist der Schnittpunkt einer ganzen Latte gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Missstände, und deswegen sollte man die Gelegenheit nutzen, ihn mal sorgfältig unter die Lupe zu nehmen.
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[1] Ihr wisst ja, aus dem politischen Lager, in dem alle paar Jahre groß von Werten geschwafelt wird.

[2] Ich weiß, der Doktor ist streng genommen kein Titel. Derlei Haarspaltereien haben aber noch niemanden davon abgehalten, das Ding als Titel zu führen.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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