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Alt 25.03.2011, 00:10   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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"Schließlich gibt es keine Tsunamis in Europa" - Technik

Mit dieser grandiosen Fehleinschätzung zitiert die taz den Atomenergieberater[1] Mycle Schneider. Ob Schneider das tatsächlich so meint oder hier nur die Argumentationslinie der Kraftwerksbetreiber wiedergibt, ist nicht ganz klar, ich muss an dieser Stelle aber wohl noch einmal daran erinnern, dass in Europa sehr wohl große Tsunamis aufgetreten sind und auch in Zukunft wieder auftreten werden.

Zunächst ist natürlich richtig, dass es im Nordatlantik keine große durchgehende Subduktionszone wie vor Japan gibt. Trotzdem gibt es auch hier Megabeben nach dem Muster von Sumatra, Chile, Sendai. Eines dieser europäischen Großbeben fand sogar in historischer Zeit statt: Das große Erdbeben von 1755, das nicht nur Lissabon großflächig zerstörte, sondern auch tiefgreifende Auswirkungen auf die europäische Geistesgeschichte hatte.

Portugal und Nordafrika

Mit einer Magnitude von wahrscheinlich deutlich über 8,5 gehörte es zu den stärksten Erdbeben überhaupt und löste einen Tsunami aus, der nach historischen Berichten Lissabon, Algier und Tanger schwer traf. Die Welle erreichte in Südwestportugal Höhen von bis zu 15 Metern, zehn Meter in Marokko und in Lissabon selbst nach Augenzeugenberichten etwa sechs Meter. Er war noch in Südengland zu spüren. Insgesamt starben etwa 10-20.000 Menschen durch Beben, Feuer und Tsunami. Portugal verlor durch das Ereignis die Hälfte seiner Wirtschaftsleistung.

Besonders beunruhigend am Lissabon-Tsunami ist, dass wir bis heute die Ursache nicht genau kennen. Ein Kandidat ist eine Scherfläche unter dem Golf von Cadiz, an der die Platten mit einer Geschwindigkeit von einem Zentimeter pro Jahr aneinander vorbei gleiten und so Spannung aufbauen. Das ist vergleichsweise langsam: Seismische Modelle deuten darauf hin, dass ein solches Erdbeben dort nur etwa alle 1000 bis 2000 Jahre auftritt.

Doch dass es sich um ein Subduktionsbeben handelte, ist keineswegs klar: auch andere Mechanismen sind im Gespräch, und dann ist diese beruhigende Interpretation natürlich hinfällig. Zusätzlich war das Beben von 1755 nicht das einzige - sechs Jahre später verursachte ein weiteres Starkbeben einen Tsunami, und auch 1969 löste ein kleineres Beben in der gleichen Region einen weiteren, weniger folgenschweren Tsunami aus - Indizien dafür, dass dort jederzeit wieder etwas passieren kann.

Rein von der geographischen Lage her könnte ein Tsunami vergleichbar dem von 1755 möglicherweise die Nuklearanlage Sacavem nördlich von Lissabon gefährden, einen 1-MW-Forschungsreaktor. Das hängt allerdings stark von den lokalen Gegebenheiten ab, die ich nicht kenne.

Bristol Channel

[Bild]

Definitiv Tsunami-Gefährdet sind allerdings zwei andere europäischer Standorte, nämlich das 1967 gebaute Kraftwerk Hinkley Point an der Südküste des Bristol Channels und das Oldbury-Kraftwerk im Severn-Ästuar. Fischblog-Leser werden sich erinnern, dass diese Region in historischer Zeit Schauplatz einer solchen Welle war, und zwar am 30. Januar 1607. Details kann man in meinem ausführlichen Artikel zum Thema nachlesen, der Tsunami damals war im inneren Severn-Ästuar etwa acht Meter hoch und rasierte vor Wales ganze Kalksteinklippen ab. Die Ursache des Tsunamis von 1607 ist meines Wissens noch nicht genau bekannt. Eine aktive untermeerische Störungszone, die durch ein Erdbeben einen Tsunami auslösen kann, liegt zum Beispiel südöstlich der irischen Küste. In den 80er Jahren trat dort ein Erdbeben der Stärke 4,5 auf, weit stärkere Erschütterungen in historischer Zeit sind aber durchaus vorstellbar. Auch im Severn-Ästuar selbst liegen aktive Verwerfungen. Möglich ist allerdings auch, dass eine untermeerische Hangrutschung verantwortlich war. Der Kontinentalhang südlich von Irland ist relativ steil, und Spuren früherer Rutschungen finden sich dort am Meeresgrund überall. Wann die entstanden sind, kann aber niemand sagen. Und auch nicht wann die nächste Welle kommt. Auch das französische Kraftwerk Flamanville kann von einem Tsunami aus Richtung des westlichen Kontinentalhanges erreicht werden.

Hangrutschungen an Kontinentalrändern können nicht nur vor Irland beträchtliche Tsunamis auslösen. Im Nordatlantik liegen passive Kontinentränder, auf denen sich über die Jahrmillionen enorme Sedimentmengen angesammelt haben. Die bekannteste untermeerische Rutschung ist das Storegga-Ereignis, das vor etwa 8000 Jahren vor der Norwegischen Küste stattfand. Da bislang nicht endgültig geklärt ist, wodurch diese Masenbewegungen ausgelöst werden können, wäre es naiv zu glauben, dass wir vor dieser Tsunamiquelle sicher wären.

Kontinentalhang

[Bild]

Im Gegenteil, in einem Paper von 2009 weisen Berndt et al. darauf hin, dass die geologische Situation vor Spitsbergen der am norwegischen Kontinentalhang ähnelt. Dort stabilisieren Gashydrate die Sedimente des Kontinentalhanges, und durch die Entlastung am Ende der Eiszeit hebt sich die gesamte Region - zusätzlich wird das Bodenwasser dort wärmer. Neben Erdbeben (die in Grönland und Spitsbergen in letzter Zeit häufiger werden) gelten derartige Einflüsse, die Gashydrate destabilisieren, als wichtigste Ursache der submarinen Hangrutschungen vor Norwegen am Ende der letzten Eiszeit. Die Region ist also ein guter Kandidat für - in geologischer Zeit - baldige Tsunamis. Simulationen im Rahmen dieser Arbeit zeigen, dass die entstehenden Wellen selbst bei einer vergleichsweise kleinen Hangrutschung Nordwesteuropa erreichen können. Direkt in der Schusslinie solcher von Hangrutschungen in Nordeuropa ausgelösten Wellen liegen die schottischen Nuklearanlage von Dounreay und - etwas weiter im Süden - Torness. Beide Standorte liegen direkt an der Küste. Wie die Grafik zeigt, wird eine Hangrutschung vor Svalbard diesen Kraftwerken nicht gefährlich, vergleichbare Ereignisse weiter südlich potentiell allerdings schon.

Zum Schluss noch der Hinweis auf den Mittelmeerraum, in dem ziemlich regelmäßig Tsunamis auftreten, zum Beispiel in der seismisch sehr aktiven Region Rhodos. Dort nach Atomkraftwerken zu gucken spare ich mir jetzt einfach mal. Ich denke die Botschaft dieser zweifellos unvollständigen Aufzählung ist klar: Es gibt Tsunamis in Europa, und dass einer von denen mal ein Atomkraftwerk zerlegt, kann man sicherlich nicht so leichthin ausschließen wie das in der letzten Woche immer wieder zu beobachten war.

(Dank an Stefan Rahmstorf für den Hinweis auf das Thema)
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[1] Was ihn zum Experten macht, konnte ich so auf die Schnelle nicht herausfinden, nur dass er als solcher reichlich Referenzen hat.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle

Geändert von Godwael (25.03.2011 um 09:08 Uhr)
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