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Alt 12.02.2011, 13:50   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
Moderator
Themenersteller
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Blog-Einträge: 12
Wir nennen es Chemie - Chemie

Als Chemiker ist man ein bisschen dran gewöhnt, dass die meisten Leute mit Chemie wenig bis gar nichts anfangen können. Euer Verlust, nicht meiner[1]. Aber da 2011 ja nun extra ein Jahr der Chemie ist, hat sich Ashutosh Jogalekar drüben in seinem Blog Gedanken darüber gemacht, wie man daran etwas ändern kann, und da würde ich heute gerne anknüpfen. Grundsätzlich interessieren sich ja sehr viele Menschen für Naturwissenschaft. Aber warum gibt es zum Beispiel tonnenweise populärwissenschaftliche Bücher über Physik oder Biologie, über Chemie aber nicht? Zu kompliziert ist Chemie jedenfalls nicht. Lego kapieren selbst Kinder, und viel anders ist Chemie auch nicht.

Es gibt allerdings, wie Ashutosh anmerkt, einen großen Unterschied zwischen den Fächern. Der Chemie mangelt es an einer plakativen "großen Idee", die Chemie als Fach in der öffentlichen Wahrnehmung repräsentiert. Sowas wie Urknall und Schwarze Löcher für die Physik oder Evolution in der Biologie, handliche Konzepte, die in der Popkultur ein Fach und seine Bedeutung verkörpern. Spezialisten dürften zwar mit den Zähnen knirschen angesichts dessen, was die Popkultur aus diesen Konzepten gemacht hat, man kann aber kaum bestreiten, dass diese Ideen unzähligen Menschen den Weg zur Wissenschaft geebnet hat. Es gibt bisher keine Idee in der Chemie, die auch nur ansatzweise die gleiche Strahlkraft entfaltet hätte.

[Bild]
Obelisk der Moderne: Alter Haber-Bosch-Reaktor in Ludwigshafen

Dabei mangelt es der Chemie nicht an großen Ideen, man muss sich nur die richtige herauspicken. Ashutosh entscheidet sich da für den Ursprung des Lebens, die Chemische Evolution. Das gefällt mir natürlich erstmal, schließlich ist das mein Lieblingsthema und zweifellos auch eine der bedeutendsten Fragen der Kulturgeschichte. Bei näherer Betrachtung muss ich allerdings widersprechen: Craig Venter hat das Thema, genauer gesagt eines aus der unmittelbaren Nachbarschaft, leider schon besetzt. Gegen seine laborgezeugte Sackbazille kommt ein abstraktes Konzept wie Chemische Evolution nicht an. Der eigentliche Grund ist aber, dass ich eine bessere Idee habe, die den Kern der Chemie wesentlich genauer trifft: Die Synthese. Dass die Chemie ihre Bausteine in unendlicher Kombination zu neuen, vorher nie dagewesenen Stoffen aller Art zusammensetzen kann, macht sie wirklich einzigartig unter den Wissenschaften.

Verwandlungen sind seit Jahrtausenden Stoff von Märchen und Legenden. Magier, Propheten und Götter zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie die Materie selbst ihrem Willen unterwerfen: Transmutation. Wo der Mensch Holz, Lehm und Stein nur formt, verwandeln die übernatürlichen Akteure das Vertraute in Neues, wundersam und hilfreich. Ihr Zauber macht den heilenden Trank, die unzerstörbare Waffe und Leben aus Lehm und Staub. Heute kennen wir das Geheimnis selbst - wir nennen es Chemie.
Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.
- Arthur C. Clarke
Jetzt reden wir auch nicht mehr nur von Chemie, sondern inzwischen von Kultur, unserer Kultur. Es wäre jetzt ein bisschen müßig, hier noch mal die Beiträge der chemischen Synthese zu unser aller Gesundheit, Wohlbefinden und nicht zuletzt materiellem Wohlstand aufzuzählen. Erst die industrielle Chemie hat aus Spezialprodukten Massenware für breite Bevölkerungsschichten gemacht. Vom Zusammenhang zwischen dem Haber-Bosch-Verfahren und den Lebensmittelpreisen ganz zu schweigen.

Trotzdem - siehe Clarke's drittes Gesetz - scheint ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung davon auszugehen, dass Textilfarben aus Baumrinde gekocht, Medikamente aus Krötenhirn destilliert werden[2] und aus Ölquellen bleifreies Superbenzin direkt in den Tank sprudelt. Das ist natürlich kein Zustand. Einerseits ist dieser erbärmliche Unverstand eine Beleidigung des Menschengeschlechts an sich, zum anderen ist es natürlich auch politisch relevant, dass unser gesamter materieller Wohlstand ebenso wie Lebensmittel und Medizin ein Ergebnis der chemischen Synthese ist. Die Details ihrer Herstellung zu kennen ist gar nicht notwendig - sie alle als Kunstprodukte zu durchschauen ist die entscheidende Kulturtechnik.

Das ist die wirkliche große Idee der Chemie: Das Schöpferische, das mit der Kontrolle über die Bausteine der Materie selbst freigesetzt wird. Kein Stoff, den man in der Natur findet findet, macht aus Sonnenlicht Strom für ein ganzes Haus, und kein Seil der Welt ist stark genug, um einen Fahrstuhl in die Erdumlaufbahn zu ziehen. Aber Chemiker können diese Dinge erschaffen, Eigenschaften und Möglichkeiten in die Welt setzen, die vorher schlicht nicht da waren. Mit der chemischen Synthese ist der Mensch tatsächlich zum Baumeister geworden, zum Schöpfer seiner Welt.
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[1] Stichwort Herrschaftswissen.
[2] Was natürlich auch schlecht für die Kröten wäre.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle

Geändert von Godwael (17.02.2011 um 23:53 Uhr)
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