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Alt 31.01.2011, 10:41   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Von Massensterben und schleichendem Rückzug - Klima und Umwelt

Also, es gibt ja diese Sorte B-Movies, die ungefähr so anfangen: In irgendeiner Kleinstadt in den USA fallen plötzlich hunderte Vögel tot zu Boden. Dann sterben in einem Fluss in der Nähe alle Fische. Und während sich noch alle wundern, werden plötzlich überall tote Fische und Krabben an die Küste gespült, und auf der ganzen Welt fallen Vogelschwärme tot vom Himmel. Meistens muss dann im weiteren Verlauf die Welt gerettet werden.

In der Wirklichkeit ist es meistens umgekehrt: Spektakuläre Massensterben sind bei näherer Betrachtung gar nicht so ungewöhnlich, während die wirklich gravierenden Probleme auf leisen Sohlen daherkommen. Zwischen den Meldungen von fotogen (und geruchsintensiv) abgenippelten Schwarmtieren berichteten einige Medien weitgehend unbeachtet vom schleichenden Untergang anderer Lebensformen: In Nordamerika nämlich gehen die Populationen vieler Hummelarten deutlich zurück. Und das ist im Einklang mit globalen Trends, die uns mehr Sorgen machen sollten als ein paar tausend tote Wirbeltiere.

Im Gegensatz zu den Rotschulterstärlingen, deren Auslöschung für uns eher ein moralisches Problem wäre, hängen an den Hummeln nicht zuletzt beträchtliche Teile der Landwirtschaft. Wie Bienen bestäuben Hummeln viele verschiedene Pflanzenarten, die sich ohne diesen Dienst nicht mehr fortpflanzen könnten - ein geschätztes Drittel unserer Nahrungsmittelproduktion hängt an den Bestäubern. Deswegen ist es ganz gut, diese Tierchen im Blick zu haben. Hummelpopulationen im großen Stil zu überwachen ist allerdings recht aufwendig: Die gerade veröffentlichte Studie über nordamerikanische Hummeln hat immerhin drei Jahre gedauert. Dafür sind die Ergebnisse aufschlussreich.

Hummeln, zumal die eines ganzen Kontinents, lassen sich natürlich nicht zuverlässig zählen. Man weiß allerdings aus stichprobenartigen Untersuchungen, welche Hummelarten ihre Populationsgröße ungefähr halten konnten und welche an Boden verloren haben. Vergleicht man die Verbreitungsgebiete und relativen Häufigkeiten solcher Arten anhand regionaler Stichproben, kann man ungefähr sehen, wie der Trend aussieht. Und der sieht für einige Arten gar nicht gut aus.Die Formulierung "bees in freefall" im Guardian ist natürlich trotzdem maßlos übertrieben (Alok Jha hatte bei dem Artikel wohl einen nicht ganz so guten Tag) - den Verlusten stehen in dieser Studie vier Kontroll-Arten mit stabiler Population gegenüber, die zeigen, dass es längst nicht um alle Hummelarten so schlecht steht. Man muss für absehbare Zeit nicht befürchten, dass Pflanzen unbestäubt bleiben. Allerdings ist es nicht abwegig zu vermuten, dass mindestens zwei der Arten bald schon verschwunden sein werden, wie diese Grafik verdeutlicht.



Aus: Cameron et al.: Patterns of widespread decline in North American Bumblebees. Proc. Natl. Acad. Sci. USA, 10.1073/pnas.1014743108, 2011.

Die schwarzen Flächen geben die historischen Verbreitungsgebiete von Bombus affinis und Bombus terricola an, die hellen Kreise insgesamt zwischen 2007 und 2009 gefangene Hummeln. Die orangenen Tortenstücke zeigen den Anteil der jeweiligen Art an den Fängen. Man sieht, wie stark die Verbreitungsgebiete geschrumpft sind, bei Bombus affinis um 87%. Zu den vier zurückgedrängten Arten gehören auch die beiden in Nordamerika am weitesten verbreiteten Arten, Bombus occidentalis und Bombus pensylvanicus. Bei all diesen Hummeln taucht übrigens ein Pathogen auf, das wir schon im Zusammmenhang mit den Honigbienen kennen: Der einzellige Parasit Nosema scheint in den am stärksten verschwundenen Arten drastisch häufiger vorzukommen - bei bis zu 40% aller Tiere.

Insgesamt deckt sich der nordamerikanische Trend gut mit dem schleichenden Verlust an Diversität, den Experten seit Jahren überall auf der Welt beobachten. In der industrialisierten Welt gehen Hummelarten insbesondere seit Mitte des 20. Jahrhunderts zurück. In Großbritannien, wo sehr gute Aufzeichnungen für das komplette letzte Jahrhundert existieren, hat sich der Trend in den Dekaden seit 1980 sogar noch beschleunigt. Entsprechende Entwicklungen sind auch aus Asien bekannt, wenn auch nicht so gut dokumentiert

Wir wissen auch woran das liegt, und es ist nicht Nosema. Die Hummeln leiden vor allem unter den Veränderungen, die die moderne Landwirtschaft mit sich bringt: Größere Felder für die maschinelle Landwirtschaft, verschwindende Hecken und Feldränder und überdüngte Weiden und Wiesen, auf denen wichtige Futterpflanzen nicht mehr wachsen machen Experten für den weltweiten Rückgang der Hummeln verantwortlich. Hummeln sind zwar, was die Nistplätze angeht flexibel, haben aber wegen ihres Lebenszyklus teilweise recht spezielle Anforderungen in bestimmten Lebensphasen. Einige Arten brauchen für die Paarung ein spezielles Umfeld, andere für den Winterschlaf. Wie sich die moderne Landnutzung auf diese Bedürfnisse auswirkt ist bislang noch kaum erforscht.

Der wichtigste Unterschied zwischen Welt und B-Movies, um mal zum Anfang des Gedankenganges zurückzukehren, zeigt sich ganz am Schluss, wenn die große Gefahr für alle Beteiligten offensichtlich ist und die große Katastrophe unvermeidlich scheint. Im Film werden alle noch in letzter Sekunde gerettet, im wirklichen Leben ist es dann schon viel zu spät. Es mag eine gute Idee sein, Forschungsgelder nicht nur für Nanoröhrchen und andere sogenannte Zukunftstechnologien auszugeben, sondern auch für Forscher, die am Feldrand Hummeln fangen. Die nämlich merken vielleicht rechtzeitig, wenn wir mal wieder an dem Ast sägen, auf dem wir alle sitzen.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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