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Alt 10.08.2010, 23:40   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Warum Hartz IV uns alle angeht - gesellschaftliche Ungleichheit und Gesundheit - Allgemein

Es gilt als ausgemachte Sache, dass eine Gesellschaft profitiert, wenn Wirtschaftsleistung und Pro-Kopf-Einkommen steigen. Auf der Basis dieser Annahme präsentieren die Medien Wirtschaftswachstum als Erfolg und rechtfertigen soziale Härten - denn wächst die Wirtschaft, profitieren letztendlich alle. Weltweit, auch in Deutschland, erkaufen Wirtschaftspolitiker Wachstum allerdings inzwischen mit steigender Ungleichheit. Der Abstand zwischen Arm und Reich stieg in Deutschland zwischen 2000 und 2005 stärker als in den 15 Jahren zuvor.

Für die Wirtschaftsdaten ist das zuerst einmal egal, doch ob der Gesellschaft als Gesamtheit mit dieser Wachstumsfixierung gedient ist, erscheint zweifelhaft. Inzwischen deuten immer mehr Studien darauf hin, dass nicht so sehr die Wirtschaftsleistung das Wohlergehen von Gesellschaften bestimmt, sondern vielmehr die ökonomische Ungleichheit zwischen den Einkommensgruppen.

Wilkinson und Pickett vom Equality Trust haben eine ganze Liste von gesellschaftlichen Parametern zusammengestellt, die durch allgemeine Ungleichheit negativ beeinflusst werden, vom Kindeswohl bis zur Gewaltkriminalität. Der interessanteste Punkt aber ist einer, der wirklich alle angeht: Die Gesundheit. Ungleichheit, das ist die These, macht alle krank, auch die Reichen.

Armut und Gesundheit
Viele Untersuchungen stützen inzwischen diese schwer zu belegende Hypothese. Dass größere Ungleichheit bei einem gegebenen Pro-Kopf-Einkommen die gesundheitliche Gesamtsituation einer Gesellschaft tendenziell verschlechtert, hat zuerst einmal einen ganz trivialen Grund: Der Zusammenhang zwischen Wohlstand und Gesundheit ist nicht linear. Während bei den ärmsten der Armen schon kleine Beträge, zum Beispiel für Impfstoffe, eine beträchtliche Verbesserung bewirken, bringt bei den höheren Einkommensklassen mehr Geld einen immer geringeren gesundheitlichen Zusatznutzen. Grob gesagt verschiebt größere Ungleichheit Geld von dem Teil der Gesellschaft, in dem es die allgemeine Gesundheit signifikant verbessert, in jenen Teil, der zumindest aus medizinischer Sicht wenig zusätzlichen Nutzen davon hat.

Das allerdings ist erst der Anfang, denn während Armut insgesamt bekanntermaßen zu einem schlechteren Gesundheitszustand führt, gibt es auch für die umgekehrte Kausalität, nämlich dass schlechtere Gesundheit Armut begünstigt, belastbare Indizien (leider im Abstract nicht erwähnt). Die Ungleichheit verstärkt sich so selbst, indem sie den zurückfallenden Teil der Gesellschaft doppelt trifft. Die Schwachen fallen tiefer als die Starken aufsteigen.

Aber auch über diese Effekte hinaus mehren sich die Indizien, dass Ungleichheit in einer Gesellschaft wirklich alle trifft - auch die Wohlhabenden. Untersuchungen legen nahe, dass ein gegebenes Einkommen in ungleichen Gesellschaften allgemein mit einem schlechteren Gesundheitszustand einhergeht als das gleiche Einkommen in einer weniger ungleichen Gesellschaft. In den letzten Jahrzehnten haben viele Forscherteams diesen seit geraumer Zeit vermuteten Zusammenhang erforscht und seine Existenz bestätigt.

Unwägbarkeiten
Die Ergebnisse sind keineswegs eindeutig, denn unterschiedliche Einflüsse überlagern und verzerren den gesuchten Effekt. Die Probleme beginnen schon damit, den Gesundheitszustand der Bevölkerung und allgemeine Ungleichheit eindeutig zu erfassen. Es gibt ja keine flächendeckenden Statistiken über alle Krankheiten und Wehwehchen, und die Sterblichkeit allein ist ein zu grobes Maß für ein so vielschichtiges Phänomen. Forscher greifen deswegen notgedrungen oft auf repräsentative Umfragen zurück, in denen die Teilnehmer ihren Gesundheitszustand auf einer Skala von 1 bis 5 subjektiv bewerten sollen.

Hier spielen natürlich kulturelle Unterschiede zwischen Regionen ebenso hinein wie grundsätzliche Unwägbarkeiten bei Selbstauskünften aller Art, die zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führt. Ganz abgesehen davon, dass der Begriff Gesundheit sehr viele unterschiedliche Aspekte umfasst, die nicht zwangsläufig miteinander zu tun haben und schon gar nicht in gleicher Weise von einem äußeren Faktor wie Ungleichheit beeinflusst werden.

Und was ist schon Ungleichheit? Die Forschung greift bevorzugt auf den Gini-Koeffizienten zurück. Den erhält man, indem man das kumulative Einkommen der Bevölkerungsanteile als Kurve aufträgt und mit der Kurve einer Gesellschaft mit völlig gleich verteiltem Einkommen vergleicht. Die Details (und Grenzen) der Methode sind bei Wikipedia beschrieben. Der Gini-Koeffizient ist eine dimensionslose Zahl zwischen 0 und 1 mit der man Länder einfach nach Ungleichheit ordnen kann.

Strittig ist, wie belastbar diese Zahl ist. Ein offensichtliches Problem ist, dass es theoretisch unendlich viele Einkommensverteilungen mit dem gleichen Gini-Koeffizienten gibt. Bei der Bestimmung dieser Zahl geht sehr viel Information über die betrachtete Gesellschaft verloren. Zu viel?

Trotz dieser Unwägbarkeiten zeichnet sich in der Gesamtschau ab, dass es einen Zusammenhang gibt - egalitäre Gesellschaften sind insgesamt gesünder. Die Gründer des Equality Trust stellen in einem Literaturreview von 2006 fest, dass mehr als 70 Prozent aller Studien zum Thema zu dem Schluss kommen, dass ungleiche Gesellschaften einen Gesundheits-Malus haben (pdf), und zwar durch alle Einkommensschichten. Je größer die betrachteten Regionen sind, desto deutlicher wird der Effekt sichtbar.

[Bild]

Kindersterblichkeit nach Ländern, abhängig von der Ungleichheit. Zusammengestellt vom Equality Trust. Informationen zu Methoden und Quellen hier

Subramanian und Kawachi allerdings weisen darauf hin, dass die meisten westlichen Industrienationen zwar deutliche Unterschiede in der Einkommensverteilung aufweisen (in Schweden besitzen die obersten zehn Prozent etwa drei mal so viel verfügbares Einkommen wie die unteren zehn Prozent, in den USA ist es etwa sieben Mal so viel), beim Gesundheitsstatus jedoch innerhalb der beträchtlichen Schwankungsbreite gleichauf liegen.

Sowohl soziale Veränderungen als auch gesundheitliche Prozesse brauchen allerdings ihre Zeit - deswegen verzerrt der Vergleich sozialer und gesundheitlicher Parameter aus den gleichen Jahren den gesuchten Effekt wahrscheinlich. Eine Stichprobe der beiden Forscher ergab, dass in den USA die Gesundheitsdaten von 1995 am besten zu den sozialen Parametern von 1980 passen. Entsprechend besteht durchaus die Möglichkeit, dass die in den letzten Jahren rasant gestiegene Ungleichheit auch in den Industrienationen große gesundheitliche Auswirkungen auf uns alle hat - die aber liegen dann für uns noch in der Zukunft.

Warum Ungleichheit alle krank macht - mechanistische überlegungen
Es gibt verschiedene überlegungen dazu, wie Ungleichheit rein mechanistisch zu insgesamt schlechterer Gesundheit führt. Der strukturelle Weg nimmt an, dass Unterschiede im Einkommen dazu führen, dass sich Arme und Reiche schon räumlich stärker separieren. Dadurch, so die Vermutung, entstehen klassische Problemviertel, die selbst einen Faktor für eine schlechte allgemeine Gesundheit darstellen. Der zweite wesentliche Punkt ist Politik. In einer ungleichen Gesellschaft könnte die Politik dazu tendieren, das staatliche Gesundheitssystem zu vernachlässigen, weil diejenigen, die die Politik bestimmen, reich genug sind um sich selbst zu versorgen, und den Fokus der Politik auf niedrige Steuern legen. Die dritte Hypothese bezieht sich auf das soziale Kapital, ein Konzept, das vor ein paar Jahren aufgekommen ist und den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft beschreibt. Je ungleicher die Gesellschaft, desto stärker wird auch die Konkurrenz und der Zusammenhalt geht verloren, mit direkten Folgen für die Gesundheit des einzelnen.

Denn nicht nur das absolute Einkommen bedingt den individuellen Gesundheitszustand, sondern auch das relative Einkommen im Vergleich zum Rest der Gesellschaft, und eng verknüpft damit der relative Status. Beides ist allerdings schwer zu messen, denn die Vergleichsgruppe, die jeweils herangezogen werden muss, ist keineswegs offensichtlich.

Das Resultat ist, dass auch die wohlhabenderen Teile der Gesellschaft direkt negative Effekte einer ungleichen Einkommensverteilung zu spüren bekommen, denn sie haben auf einmal mehr zu verlieren. Je stärker die Schere zwischen Arm und Reich aufgeht, desto größer werden die ängste vor dem sozialen Absturz und desto stärker die Statuskonkurrenz. Dass das auch Auswirkungen auf die allgemeine Gesundheit hat liegt nahe.

All das ist, naturgegeben, weitgehend spekulativ. Derartige Wirkungen streng nachzuweisen dürfte schwer werden, zumal all diese Effekte in gewissem Maße zusammen auftreten und nur schwer zu trennen sind. Insofern müssen die oben zitierten epidemiologischen Befunde zuerst einmal für sich sprechen. Für eine neue Politik sollte das reichen, trotz aller Unsicherheiten.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle
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