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Alt 03.06.2010, 14:00   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Die Folgen der Ölpest - Teil zwei: Erholung an der Küste, offene Fragen in der Tiefsee - Klima und Umwelt

Ausgehend von historischen Erfahrungen sind erste Schätzungen mÖglich, welche langfristigen Folgen die Ölpest im Golf von Mexiko haben wird. Für die Golfküste gibt es Hoffnung - bei früheren Havarien haben sich vergleichbare Ökosysteme als sehr regenerationsfähig erwiesen. Offen ist jedoch, was das fein verteilte Öl in der Tiefsee anrichten wird.

Das Öl aus der Deepwater-Horizon-Quelle wird noch eine Weile weiter in den Golf von Mexiko fließen, und während wir auf die Entlastungsbohrungen von BP warten, kÖnnen wir schon mal einen Ausblick auf die wahrscheinlichen Folgen der Ölpest werfen. Wie das im ersten Teil diakutierte Beispiel der Ixtoc-Quelle von 1979 zeigt, ist die GrÖßenordnung der Havarie keineswegs beispiellos in der jüngeren Geschichte. Große Mengen Öl gelangen auf einigermaßen regelmäßiger Basis ins Meer und in küstennahe Ökosysteme, und deswegen gibt es auch reichlich wissenschaftliche Literatur zum Thema.

Was das an der Oberfläche schwimmende Öl der Deepwater-Horizon-Quelle betrifft, so kann man die historischen Erfahrungen ganz gut als Richtschnur heranziehen, wie es weiter geht. Ein beträchtlicher Teil der Gesamtmenge wird auf dem offenen Meer verwittern und dort zu Boden sinken, ohne jemals auf Land gestoßen zu sein. Nur etwa ein Zehntel des Ölteppichs gelangt wahrscheinlich an die Küste. Dort sind allerdings wegen der großen Menge Öl beträchtliche direkte Schäden zu erwarten, insbesondere in der Tierwelt. Die einprägsamen Bilder von eingeÖlten VÖgeln und vergifteten Meerestieren sind ja sattsam bekannt, das muss ich wohl nicht weiter ausführen.

Verwundbare Salzmarschen
Anders als die sandigen Küsten des westlichen Golfs besteht die nun von der Ölkatastrophe betroffene Küste von Louisiana Östlich des Mississippideltas aus Salzmarschen und Mangrovenstreifen. Diese Systeme sind gegenüber Schadereignissen wesentlich empfindlicher und halten vor allem das Öl länger fest als das mobile Lockermaterial klassischer Strände. Die Vegetation der Salzmarschen hat historisch meist stark unter vergleichbaren Ölverschmutzung gelitten, so zum Beispiel bei der Havarie des Tankers Florida vor der Ostküste der USA. Problematisch ist hier vor allem die MÖglichkeit, dass der Boden nach dem Tod der Gräser zusammensackt und ein paar Zentimeter absinkt, so dass die Marsch verschwindet und nur offenes Wasser bleibt.


Ölpest in einer Salzmarsch.
Bild: NOAA

Langfristig gesehen wirkt sich eine Ölpest auch in so einem Ökosystem längst nicht so dramatisch aus wie es jetzt erscheinen mag[1]. Nach Angaben von Sell et al. auf der International Oil Spill Conference 1995 erholen sich etwa 75 Prozent der betroffenen Salzmarschen innerhalb von drei bis fünf Jahren. Es ist glücklicherweise nicht zu erwarten, dass die Küste durch dieses Ereignis auf Jahrzehnte hinaus großflächig zerstÖrt wird, außer, und das ist eine Lehre speziell aus der Havarie der Amoco Cadiz, in Regionen, in denen die Marschen mit schwerem Gerät gesäubert werden. Das sollte man besser lassen. Insgesamt dominieren bei den Langzeitfolgen an der Küste die eher subtilen Ökologischen Sekundäreffekte: Nach der Havarie des Tankers Tsesis vor der schwedischen Schärenküste zeigten zwar Untersuchungen, dass die Heringe kaum belastet waren, jedoch in der Brutsaison nur halb so viele Jungfische schlüpften wie sonst. Das lag nicht nur an der direkten Vergiftung durch Ölbestandteile, sondern vor allem an einem Pilz, dessen natürliche Feinde durch die Ölpest zugrunde gegangen waren.

Die große Bedeutung dieses Küsten-Ökosystems als Brutplatz für Fische, VÖgel und anderes Getier bedingt, dass die Verschmutzung dieser Regionen dauerhafte Effekte auf die Artenzusammensetzung nicht nur in den Marschen selbst, sondern auch in den umgebenden Ökosystemen haben wird. Besonders in den ersten Jahren profitieren Opportunisten, und historisch scheinen Arten mit einem kürzeren Lebenszyklus gegenüber solchen mit einem längeren Lebenszyklus Vorteile zu haben. Im Sediment und bei den Arten, die von ihm abhängig sind, sind die Folgen der Verschmutzung am anhaltendsten. Die Golfküste wird nie wieder das sein, was sie vor der Deepwater-Horizon-Havarie war, aber schon in ein paar Jahren wird man genau hinsehen müssen, um das zu erkennen.

Öl in der Tiefsee
Das Öl an der Oberfläche und der Küste ist - das haben Studien von künstlichen Tiefsee-Blowouts vor Norwegen (pdf) gezeigt - nur ein Bruchteil des gesamten Öls und so wie es aussieht leider auch des Problems. Die anderthalb Kilometer Wassersäule über dem Leck führen dazu, dass viele historische Erfahrungen für dieses Leck nicht gelten. Zum Beispiel verbrannte das im Öl enthaltene Erdgas im Fall der Ixtoc-Katastrophe direkt an der Oberfläche. Das von der Deepwater-Horizon-Quelle ausgestoßene Gas, je nach Quelle etwa 40% des Fluidvolumens in der Lagerstätte, lÖst sich dagegen im Meerwasser und muss deswegen in der Bilanz voll einkalkuliert werden. Giftig ist das Zeug zwar nicht, sein Abbau jedoch verbraucht Sauerstoff, dessen Menge in dieser Meerestiefe schlicht begrenzt ist.

Gleiches gilt für die leicht flüchtigen Bestandteile des Öls. Die Ölmenge im Wasser wurde beim Ixtoc-Öl durch Verdunstung um die Hälfte reduziert. In tausend Metern Tiefe jedoch verdunstet gar nichts - das Öl bleibt im Wasser. Insbesondere sind die eigentlich verdunstenden Anteile die giftigsten und gefährlichsten Verbindungen, die sich nun im Wasser lÖsen und auf Jahre hinaus in großen Schadstofffahnen durch den Ozean wabern werden.. Denn in der Tiefsee gibt es kein UV-Licht und verglichen mit der Atmosphäre auch praktisch keinen Sauerstoff, so dass der chemische Abbau entfällt. Das gilt natürlich auch für alle anderen Bestandteile des Öls, die dort unten in den von den Wissenschaftlern entdeckten gigantischen Ölwolken herumschwimmen. Eine einfache Rechnung zeigt zwar, dass nur wenige Bruchteile eines Prozents des Wolkenvolumens tatsächlich aus Öl bestehen kÖnnen, aber da das Öl so toxisch ist, stellen selbst diese geringen Konzentrationen eine Bedrohung für das Meeresleben dar.

Aus dem FÖrderrohr austretende Ölwolke, Screenshot des BP-Livestreams

Zusätzlicher Schaden durch Dispergiermittel?
Beträchtlich verschlimmert wurde und wird die Situation durch den Einsatz von Dispergiermitteln, über die ich in einem früheren Beitrag ja schon geschrieben habe. Diese Chemikalien dürften den Anteil des Öls, der in der Tiefsee verbleibt, ganz erheblich erhÖht haben. Neben diesem rein quantitativen Effekt müssen wir außerdem damit rechnen, dass die enormen Mengen, die hier eingesetzt wurden, selbst toxisch für das Meeresleben sind, wenn auch nicht so sehr wie das Öl selbst, und dass zusammen mit dem Öl Kombinationseffekte auftreten, die noch keiner auf der Rechnung hat. Bekannt ist dagegen, dass die Dispergiermittel dazu führen, dass Fische mehr polyzyklische Aromaten aus dem Öl in ihr Gewebe aufnehmen und so natürlich auch in die Nahrungskette befÖrdern.

Ich persÖnlich vermute allerdings, dass die Auswirkungen auch dieser neuen Verschmutzung insgesamt nicht so spektakulär ausfallen werden wie befürchtet, einfach weil der Golf von Mexiko bereits extrem stark mit Ölrückständen und Kohlenwasserstoffen verschmutzt ist. Nach diesem Review zum Beispiel gelangten in den 90er Jahren allein durch Tankwäschen bis zu sieben Millionen Barrel Öl jährlich in die Karibik, und das ist nur eine Quelle. Hinzu kommen Plattformen, Pipelines, Häfen, Raffinerien und natürlich kommunale Abwässer, die alle beträchtlich zur Ölbelastung beitragen. Der Unfall der Deepwater-Horizon-Plattform ist zwar eine enorme Umweltkatastrophe, aber immer noch klein verglichen mit den dramatischen Schäden, den alltägliche menschliche Aktivitäten in den Weltmeeren verursacht haben und immer noch verursachen.
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[1] Ein Sonderfall ist die Ölkatastrophe im Persischen Golf im Jahr 1991, als irakische Truppen etwa eine Million Tonnen Öl ins Meer laufen ließen, um zu verhindern, dass US-Truppen am Strand landeten. Dieses Ereignis ist bis heute die grÖßte Ölpest aller Zeiten und hat tatsächlich die betroffene Küstenlinie, insbesondere die Salzmarschen, fast vÖllig zerstÖrt, so dass sie sich bis heute nicht regenerieren konnten. Dass sich diese Ölpest so gravierend ausgewirkt hat, ist allerdings - neben der großen Menge Öl - auf eine Reihe regionaler Besonderheiten wie geringer Tidenhub, ruhiges Wasser und das aride Klima zurückzuführen, so dass sie sich meiner Ansicht nach nicht als Modell für die aktuelle Situation und ihre Folgen eignet.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle

Geändert von Godwael (03.06.2010 um 14:05 Uhr)
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