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Alt 29.04.2010, 00:00   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Themenersteller
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Blog-Einträge: 12
Sechs mal Exxon Valdez? Wieviel Öl in den Golf von Mexiko fließt - Klima und Umwelt

Nachdem die Förderplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko explodierte und sank, tritt aus dem Bohrloch an der Unglücksstelle kontinuierlich öl aus und bildet einen Teppich, der inzwischen fast 6000 Quadratkilometer groß ist. Dabei wird es allerdings nicht bleiben, denn momentan ist überhaupt nicht abzusehen, wann die anderthalb Kilometer unter der Wasseroberfläche gelegene Quelle versiegen wird. Versuche, das Ventil am Meeresgrund zu schließen, sind jedenfalls gescheitert.

Jetzt haben die ölbekämpfer erst einmal den ölteppich angezündet, um zumindest einen Teil des öls loszuwerden. Trotzdem muss die Quelle verstopft werden, und dazu gibt es zwei Ansätze: Zum einen basteln Ingenieure gerade an einer Art Fangglocke, die über die Quelle gestülpt werden soll. Das wird mindestens vier Wochen dauern, und da die Maßnahme in so tiefem Wasser noch nicht erprobt wurde... Sagen wir’s mal so: Ich wünsche ihnen viel Glück.

Variante zwei funktioniert mit ziemlicher Sicherheit: Ein zweites Loch bohren und den Druck von der Quelle nehmen. Eine Bohrplattform ist auch schon vor Ort, das würde allerdings ganze drei Monate dauern. Die Preisfrage ist: Wie viel öl wird noch in den Golf von Mexiko fließen?

Die Rechnung ist gar nicht so kompliziert. Nach offiziellen Angaben fließen täglich etwa 159000 Liter öl ins Meer. Außerdem kann man anhand der Größe des ölteppichs in etwa abschätzen, dass bereits mindestens etwa 6 Millionen Liter öl ins Meer geflossen: Damit der ölteppich im Satellitenbild sichtbar ist, muss er mindestens einen Mikrometer dick sein, das mal 6000 Quadratkilometer macht 6000 Kubikmeter. Bei der oben angegebenen Fördermenge sollten in acht Tagen etwa 1,3 Millionen Liter aus der Quelle ausgeflossen sein. Die Bordtanks der Deepwater Horizon fassten 27855 Barrel oder ca. 4,4 Millionen Liter Kraftstoff, d.h. man kommt zusammen mit der offiziell angegebenen Flussrate ziemlich genau auf den Wert, den man anhand des Satellitenbildes ermittelt hat[1].



Bild: NASA Earth Observatory, via Mente et Malleo

Auf dieser Basis können wir ungefähr hochrechnen, wie viel öl im schlimmsten Fall mindestens austreten wird. Eine zweite Bohrung, derzeit das einzige von dem man sicher weiß, dass es funktioniert, würde ungefähr drei Monate dauern. 90 Tage lang 159000 Liter sind insgesamt 14,3 Millionen Liter, insgesamt also 20 Millionen Liter oder 20.000 Tonnen. Bei der schnelleren Deckel-Variante, die nur einen Monat dauert, kommen wir auf etwa 11.000 Tonnen. 20.000 Tonnen entsprechen etwa der Hälfte der Menge, die bei der Havarie der Exxon Valdez ins Meer floss, bis heute eine der größten Umweltkatastrophen der Seefahrt.

Allerdings ist das eine konservative Schätzung - auf der Basis von Angaben eines BP-Sprechers kommt der Blog SkyTruth auf etwa die vierfache Menge bisher ausgeflossenen Rohöls, give or take 24 Millionen Liter. Die Rechnung scheint mir plausibel zu sein, und der BP-Mann wird sicherlich keine Mondzahlen verbreiten.

24 Millionen Liter heißt, zusätzlich zu den 4,4 Millionen Liter im Tank der Deepwater Horizon etwa 20 Millionen Liter in acht Tagen, entspricht 2,5 Millionen Liter pro Tag, die aus der Quelle ausgelaufen sein müssen. Bei dieser Rate kommen wir für die drei Monate auf atemberaubende 225 Millionen Liter, insgesamt 250000 Tonnen Rohöl und im Fall der Deckellösung immerhin noch etwa 100.000 Tonnen. Das Zweieinhalb- beziehungsweise Sechsfache von Exxon Valdez.

Rechnen kann man natürlich vieles, die Frage ist, wie plausibel die Zahlen sind. Speziell bei der zweiten Rechnung bin ich unschlüssig, weil ich es für schwer vorstellbar halte, dass eine Quelle in 1500 Metern Tiefe aus eigener Kraft täglich 2500 Tonnen Rohöl fördert. Andererseits scheint der Fernerkundungs-Experte bei SkyTruth nicht auszuschließen, dass schon jetzt etwa 20.000 Tonnen öl im Golf schwimmen, und irgendwo muss all das öl ja herkommen. So gesehen könnte aus dem Loch sogar noch viel Mehr öl rauskommen.

Die Frage ist, ob die Rate in den nächsten Wochen abnimmt. Was die überschlägigen Rechnungen allerdings definitiv zeigen ist, dass selbst im günstigsten Szenario etwa ein Viertel der ölmenge der Exxon-Valdez-Katastrophe ins Meer gelangen wird. Anders als 1989 in Alaska jedoch in der Nähe einer dicht besiedelten Küste mit Austernbänken, kommerzieller Fischerei und reichlich Tourismus.Das wird teuer.
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[1] Das ist eine konservative überschlagsrechnung. Es ist nicht klar, ob Treibstoff aus der Plattform ausgetreten ist und ob das öl schon seit acht Tagen ausläuft. Die Annahmen sind so gewählt, dass bei gleichbleibender Flussrate aus dem Bohrloch ein Mindestwert für das insgesamt ausfließende öl zustande kommt.



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Quelle: Fischblog - Wissenschaft für alle

Geändert von Godwael (29.04.2010 um 13:58 Uhr)
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