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Alt 08.08.2009, 17:10   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Abnehmen und Sport

Wie passt das zusammen? 39 Millionen Europäer gingen 2006 ins Fitnessstudio, allein 7 Millionen in Deutschland. Trotzdem nimmt der Anteil der übergewichtigen an der Bevölkerung stetig zu. Und anders als man meinen sollte, teilt sich die Bevölkerung nicht in dicke Faulpelze und schlanke Fitness-Freaks. Nach meiner Beobachtung schiebt gerade der durchschnittliche Jogger eine ganz beachtliche Plauze vor sich her.

Was also ist dran an der verbreiteten Behauptung, dass Sport "Fett verbrennt"? Nicht viel, wie man derzeit in PLoS ONE nachlesen kann. Das liegt daran, dass der Körper den trainingsbedingten Energieverlust mehr oder weniger automatisch wieder ausgleicht. Dass eine solche Kompensation stattfindet ist nicht neu. Die aktuellen Resultate zeigen jedoch, dass der Effekt die Wirkung des Trainings fast völlig zunichte macht. Die Forschung der letzten Jahre zeigt generell, dass die Auswirkung von Training auf das Körpergewicht massiv überschätzt wird.



Die 464 übergewichtigen Frauen der PLoS-Studie wurden in vier Gruppen aufgeteilt, von denen drei in unterschiedlichem ausmaß Sport treiben sollten, während eine Kontrollgruppe nichts tat. Die Intensität des Trainings wurde in einen zusätzlichen Energieverbrauch umgerechnet, auf dessen Basis wiederum eine theoretische Gewichtsabnahme berechnet wurde, die natürlich für die am stärksten trainierende Gruppe am höchsten sein würde.

Die gute Nachricht: Alle an der Studie beteiligten Frauen verloren an Gewicht. Allerdings auch die in der sportbefreiten Kontrollgruppe. Plus, die Gewichtsverluste bei den Trainingsgruppen unterschieden sich nicht signifikant von denen in der Kontrollgruppe oder untereinander, und eine Dosis-Wirkungs-Beziehung sieht man in den Daten schon mal gar nicht.

Wohlgemerkt, es gibt reichlich andere gute Gründe, regelmäßig Sport zu treiben. Abnehmen wird man dadurch nicht, und schon gar nicht indem man möglichst viel trainiert. Das ist übrigens eine gute Nachricht, denn es bedeutet, dass man abnehmen kann, ohne alle zwei Tage eine Stunde freischaufeln zu müssen, die man gut anderweitig gebrauchen kann.

Denn der eigentliche Abnehmtrick (da sind wir wieder bei den schlechten Nachrichten) sind kleinere Mahlzeiten und häufiger mal zu Fuß gehen. Wer abnehmen will, muss ganz einfach dauerhaft weniger Energie aufnehmen als er abgibt, und vor diesem Hintergrund ist intensives Training ziemlich ineffektiv.

Sport: Der Kalorien-Bumerang
Wir leben halt in einer Kultur der großen und reichhaltigen Mahlzeiten, und wer "sündigt", tut das i.d.R. nicht mit Rote-Bete-Suppe, sondern mit Steak, Sahnetorte und Eiskaffee. Mit ner halben Stunde leichtem Trab geht das nicht wieder weg. Zumal der Insulinschub jeder Mahlzeit auch noch den Fettabbau hemmt. Das ist übrigens auch der Grund, warum man auf Zwischenmahlzeiten eher verzichten sollte.

Sport als Abnehmhilfe ist vor diesem Hintergrund eher eine Ablasshandlung, das vermeintlich kleine Übel, verglichen mit einer grundlegenden Änderung des Lebenswandels. Es sei denn man geht in die Vollen und trainiert sich in einer Sportart auf Wettkampf-Niveau. Dann bringt es natürlich auch was – aber das ist schon wieder eine Entscheidung für einen neuen Lebensstil.

Unterhalb dieses Niveaus jedenfalls erweist sich Sport kalorisch betrachtet als Bumerang. Das Problem ist, dass Sport zwar Kalorien verbraucht, gleichzeitig aber auch das Hungergefühl verstärkt. Der verhängnisvolle Effekt: Schon wenn die Mahlzeit nach dem Training etwas größer ausfällt oder man einen halben Liter Fruchtsaft trinkt, kommen die ganzen Kalorien zurück – of mit Verstärkung. Und macht euch nichts vor, das passiert. Denn wer sich zum Sport zwingt, wird hinterher sogar leichter schwach: Selbstkontrolle ist eine begrenzte Ressource (pdf).

Andere Forschungen zeigen, dass Sport nicht einmal automatisch dazu führt, dass man sich mehr bewegt: Kinder, die in der Schule viel Sport treiben, bewegen sich in ihrer Freizeit dafür weniger als Altersgenossen, die in der Schule weniger trainieren. Der Effekt gleicht sich aus, und ich vermute sehr stark, dass er das auch bei Erwachsenen tut. Was aber natürlich nicht verschwindet ist der zusätzliche Hunger...

Deswegen ist kontinuierliche körperliche Betätigung auf einem vergleichsweise niedrigen Level langfristig wesentlich effektiver als kurze Phasen hohen Energieverbrauchs. Dazu zählen bereits kurze Fußwege, Treppen steigen oder gar – Schlussfolgerung einer Studie aus Science – allgemeines unruhiges herumzappeln. Schon wer schlecht stillsitzen kann, verbrennt pro Jahr über zehn Kilo Fett mehr als die ruhigeren Kollegen.

Sport, das ist die Schlussfolgerung, mag für eine ganze Menge Sachen gut sein – zum Abnehmen taugt Training jedenfalls bestenfalls bedingt. Im Gegenteil, wer wirklich Gewicht verlieren will, muss den ganzen Tag darauf achten, was er isst und wie er sich bewegt. Da führt kein Weg dran vorbei, und schon gar nicht der zum Fitnessstudio.

(via Dr. Charles)

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Church, T., Martin, C., Thompson, A., Earnest, C., Mikus, C., & Blair, S. (2009). Changes in Weight, Waist Circumference and Compensatory Responses with Different Doses of Exercise among Sedentary, Overweight Postmenopausal Women PLoS ONE, 4 (2) DOI: 10.1371/journal.pone.0004515

Levine, J. (2005). Interindividual Variation in Posture Allocation: Possible Role in Human Obesity Science, 307 (5709), 584-586 DOI: 10.1126/science.1106561

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Quelle: Fischblog - Naturwissenschaft und mehr
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