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Alt 19.07.2009, 18:00   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Der Phallus des Panzerfisches

Wie auf Twitter angekündigt heute also ein weiteres bemerkenswertes Forschungsergebnis aus der Welt der Fortpflanzung. Diesmal geht es um den ältesten bekannten Penis der Welt und seine Geschichte. Das fragliche Ur-Anhängsel aus dem Oberdevon gehört zu einem Panzerfisch mit der Bezeichnung Incisoscutum ritchiei und ist knapp 380 Millionen Jahre alt. Damit ist es zwar mindestens 40 Millionen Jahre jünger als das Genital dieses Muschelkrebses, sieht aber im Gegensatz zu diesem immerhin aus wie ein echter Penis. Deswegen ist der Gliederfüßer hiermit disqualifiziert (während wir den der extanten Seepocke neidvoll gelten lassen).


Rekonstruierter Klasper von Incisoscutum.
Quelle: Ahlberg et al., Nature,
DOI:10.1038/nature08176
Dass der Panzerfisch überhaupt einen Penis[1] hat, ist durchaus eine Überraschung. Die Paläontologen haben das gute Stück deswegen auch zuerst übersehen, beziehungsweise für einen Beckenknochen gehalten. Das liegt daran, dass man zuerst davon ausgegangen war, dass sich die heute ausgestorbenen Panzerfische ähnlich fortpflanzten wie die modernen Knochenfische: Das Weibchen legt seine Eier ab und das Männchen spritzt dann den Samen darüber.</p>

Als Incisoscutum 1981 beschrieben wurde, fand man diverse Exemplare mit den Überresten kleinerer Artgenossen in der Bauchhöhle, die zuerst einmal als Mageninhalt angesehen wurden. In einem Nature-Paper von Februar dieses Jahres kamen Long et al. dagegen zu der Schlussfolgerung, dass die kleinen Fossilien im Inneren zu gut erhalten sind, um ernsthaft als Mageninhalt in Frage zu kommen. Es handelt sich vielmehr, schrieben die Autoren, um ungeborenen Nachwuchs.

Auch die Lage in der Bauchhöhle, nämlich ziemlich weit hinten und konsistent mit dem Kopf zur Schwanzflosse, spricht für eine Identifizierung als Embryos. Im Jahr der Entdeckung hatte man das so interpretiert, dass die Panzerfische ihre Beute halt mit dem Kopf voran am Stück verschlucken. Und der Mageninhalt sei nach hinten gerutscht, weil sich der Magen nach dem Tod selbst verdaut habe. Ursache der radikalen Neuinterpretation war der Fund eines quasi während der Geburt fossilierten Panzerfisch-Embryos samt Nabelschnur, der erst letztes Jahr publik wurde. So schnell kann das gehen...

Die Sache hatte nur einen kleinen Haken: Tiere, die lebende Junge gebären und deren Eier entsprechend im Körper befruchtet werden, brauchen nun mal eine Methode, den Samen effektiv in die Körperhöhle des Weibchens einzubringen. Bei Haien und lebendgebärenden Fischen handelt es sich dabei um modifizierten Flossen, die als Klasper bezeichnet werden. Haie und Rochen haben zwei davon. Bei Incisoscutum war erstmal nichts dergleichen zu finden. Deswegen spekulierten die Autoren erst einmal notgedrungen, dass das entsprechende Organ möglicherweise knorpelig, zumindest aber aus nicht-dauerhaften Gewebe gewesen sei.

Es ist natürlich nicht so schön, wenn man derartiges ohne Beleg daherbehaupten muss, deswegen haben sich die Forscher einige erhaltene Skelette (ohne Embryos) noch einmal genau angeguckt und konnten das vermisste Organ jetzt nachliefern. Die Entdeckung des ältesten Penis der Welt ist natürlich nicht nur für die Suchmaschinenoptimierung relevant. Die Einsicht, dass wahrscheinlich die meisten (wenn nicht alle) Panzerfische lebendgebärend waren, verändert auch unser Bild von der Fortpflanzungsbiologie der frühen Wirbeltiere.

Diese Art der Fortpflanzung galt bisher als relativ moderne Entwicklung, zumal bei den Knochenfischen, bei denen das Phänomen recht selten ist. Das erste Auftreten lebendgebärender Arten hatten Wissenschaftler den Knorpelfischen zugeschrieben, die das ja auch heute noch treiben und entsprechende Penisse bzw. Klasper haben. Das scheint ein Irrtum zu sein. Die Entdeckung von Penissen bei frühen Knochenfischen deutet vielmehr darauf hin, dass schon die frühen Gnathostomata, zu denen die gemeinsamen Vorfahren von Knorpel- und Knochenfischen zählten, ihre Jungen lebend zur Welt brachten. Die modernen Knochenfische haben diese Eigenschaft demnach im Verlauf der Evolution wieder verloren.
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[1] Bei Fischen handelt es sich, streng genommen, nicht um einen Penis, sondern um eine modifizierte Flosse. Da es aber allen Definitionen eines Penis genügt (lang, rund, wird ins Weibchen gesteckt und verspritzt Samen), halten wir uns hier nicht mit Haar- oder anderen Spaltereien auf.

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Ahlberg, P., Trinajstic, K., Johanson, Z., & Long, J. (2009). Pelvic claspers confirm chondrichthyan-like internal fertilization in arthrodires Nature DOI: 10.1038/nature08176

Long, J., Trinajstic, K., & Johanson, Z. (2009). Devonian arthrodire embryos and the origin of internal fertilization in vertebrates Nature, 457 (7233), 1124-1127 DOI: 10.1038/nature07732

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Quelle: Fischblog - Naturwissenschaft und mehr
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