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Alt 30.06.2009, 10:00   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Themenersteller
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Blog-Einträge: 12
Terraforming gegen Klimawandel - Crutzens gewagter Schwefel-Plan

Nach der Kaffeepause mit dem Noyori-Interview standen gestern ja auch die besonders gespannt erwarteten Klimavorträge auf dem Programm. Und da ich speziell Crutzen schon angekündigt habe, will ich auch darüber noch ein paar Worte verlieren. Der erste Vortrag von F. Sherwood Rowland war ganz gut, man konnte erfahren, was ein Treibhausgas zum Treibhausgas macht – es muss mindestens drei Atome haben, damit die IR-Aktiven Deformationsschwingungen auftreten können.

Der wirklich interessante Teil kam allerdings ganz am Ende des zweiten Vortrags, als Paul Crutzen endlich auf seinen umstrittenen Terraforming-Plan zu sprechen kam. 2006 hatte er vorgeschlagen, große Mengen Schwefelaerosole in die Atmosphäre zu pumpen, um die Sonneneinstrahlung zu reflektieren. Seit er den Plan vorgeschlagen hat, ist er nicht auf seinen Händen sitzen geblieben, sondern hat ein globales Klimamodell mit seiner Idee gefüttert: Anderthalb Million Tonnen Schwefel pro Jahr, sagt er, könnten eine Verdoppelung des atmosphärischen Kohlendioxids genau ausgleichen. Zumindest laut Modell.



Wieviel das mit der Realität zu tun hat ist natürlich eine andere Frage. Crutzen hat das Modell immerhin an den Effekten eines Vulkanausbruchs getestet und kommt zu dem Schluss, dass die Simulation die Effekte von Aerosolen zufriedenstellend modellieren kann. Allerdings sagt er auch, dass seine Ergebnisse keine Auswirkungen auf die Notwendigkeit haben, den Treibhausgas-Ausstoß zu reduzieren. Sein Schwefel-Plan ist eine absolute Notlösung, um den schlimmsten Fall abzuwenden, und keine Alternative zum Klimaschutz. Das ist die ganz klare Botschaft.

Ansonsten war es für jemanden, der die Klimaforschung aufmerksam verfolgt, über weite Strecken nichts wirklich neues, eine ausführlichere Zusammenfassung gibt es bei Paula in den Scienceblogs oder ganz umfassend bei Stefan Rahmstorf. Jetzt hat man Eis-Albedo-Feedback, Wasserdampfeffekte und Gasblasen in Eiskernen halt mal von nem Nobelpreisträger gehört. Sherwood Rowloand scheint trotz aller Schwierigkeiten verhalten optimistisch in die Zukunft zu schauen, denn zum Abschluss präsentierte er Statistiken über Elektrizitätsverbrauch und Ozonloch – die Botschaft: Regulierung wirkt.


F. Sherwood Rowland in Lindau

Paul Crutzen hat uns anschließend weitgehend das gleiche erzählt, was er launig mit der Anmerkung zugab, er habe immerhin die besseren Grafiken. Und dass, muss man neidlos anerkennen, stimmte. Angefangen hat er mit dem, was er als „great acceleration“, die große Beschleunigung, bezeichnet: Fast alles, von Weltbevölkerung bis zur Anzahl McDonalds-Filialen, ist im 20. Jahrhundert exponentiell angestiegen.

Interessant war noch die durchaus gemischte Gesamtbilanz bei klimaaktiven Treibhausgasen: Die Konzentrationen an Methan und Spurengasen sind demnach bereits unter Kontrolle – Kohlendioxid und Stickoxide müssen dafür allerdings noch drastisch reduziert werden, um die Klimaforcings im Rahmen zu halten.

So schwer diese Aufgabe erscheint, Crutzens Aerosol-Plan zeigt noch einmal deutlich, dass die Terraforming-Ansätze selbst in den besten Fällen viel weniger kalkulierbar sind und auch politisch sogar noch mit größeren Schwierigkeiten behaftet sind als alle Maßnahmen, Kohlendioxid-Emissionen zu reduzieren. Wie das Model-Paper von Crutzen und seinen Coautoren zeigt, ist der genaue Kühleffekt von Aerosolen stark abhängig von der Partikelgröße. Und die hängt unter anderem von der Luftfeuchtigkeit ab, und ich vermute, ebenso von anderen, noch unbekannten Vorgängen. Wenn wir aus der Geschichte mit dem Ozonloch gelernt haben, dann, dass die Atmosphärenchemie noch viele Überraschungen bereit hält.

Machen wir uns nichts vor: Auch Terraforming, sei es mit Schwefelaerosolen, Eisendüngung im Meer oder meinethalben einem Sonnenschirm in der Erdumlaufbahn, wird schwer kalkulierbare Nebeneffekte haben und vor allem auch Gewinner und Verlierer erzeugen.

Für eine effektive Klimasteuerung braucht man eher noch größeren globalen Konsens und strenge Umsetzung vereinbarter Maßnahmen: Funktioniert eine Kohlendioxid-Reduktion nicht so wie vereinbart, verfehlen wir zwar das Ziel, aber stehen immer noch besser da als ganz ohne Maßnahmen. Drehen wir aktiv an den Stellschrauben des Klimas

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Quelle: Fischblog - Naturwissenschaft und mehr
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