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Alt 20.06.2009, 19:30   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Ug99 - Zeitbombe im Weizenfeld

Es sind nicht nur die menschlichen Erreger wie Grippe oder AIDS, die zu großen globalen Problemen führen können. Auch Pflanzenpathogene können Millionen Menschen bedrohen. Ein solches Pathogen ist der Schwarzrost-Pilz Puccinia graminis, der bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Weizenernten überall auf der Welt vernichtete. Dann allerdings kamen dank moderner Pflanzenzucht resistente Weizensorten auf, und seither galt das Problem als gelöst.

Doch jetzt ist der Schwarzrost zurück, und er ist gefährlicher als je zu vor. Der Erreger mit der Bezeichnung ug99 unterscheidet sich von anderen Schwarzrost-Pilzen darin, dass er offenbar um die gängigen Resistenzen moderner Weizensorten herumkommt. Zudem sind unsere Nahrungsquellen heutzutage viel verwundbarer als früher. Denn von den meisten Feldfrüchten werden nur noch wenige, optimierte Sorten angebaut.</p> Ein Virus oder Pilz, der sich durch die Getreidefelder der Welt frisst, kann eine globale Krise ungeahnten Ausmaßes auslösen. Forscher warnen jetzt, dass ug99 vier Fünftel der weltweiten Weizenernte auslöschen könnte.



Unter Beobachtung ist der Pilz seit ein paar Jahren. Beschrieben wurde er 1999 in Uganda, 2003 traf man ihn schon im Jemen, zwei Jahre Später im Sudan. Wirklich alarmiert sind Wissenschaftler allerdings, seit ug99 letztes Jahr auch im Nordiran auftauchte, über 2000 Kilometer weiter nördlich und in Reichweite der Weizengürtel von Russland und Indien.
Inzwischen sind US-Forscher nach Angaben der LA Times überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ug99 weltweit auftaucht.

Die Sporen des Pilzes verbreiten sich überwiegend mit dem Wind und können auf diese Weise Tausende Kilometer zurücklegen. Sie haften auch an Kleidung und anderen Gegenständen und können so in andere Erdteile gelangen. Die Weizenfelder der Welt sind dem neuen Killer derzeit wehrlos ausgeliefert. Etwa 70 bis 100 Prozent der Weizenernte in den USA sind anfällig für den Pilz, und die beiden in Pakistan und Indien weit verbreiteten Weizenkultivare Inqalab-91 und PBW343 besitzen ebenfalls keinerlei Resistenz. Ein Gegenmittel ist so schnell nicht in Sicht.

Pulver verschossen
Natürliche Weizenvarianten besitzen verschiedene Gene und Genkomplexe, die den Befall mit spezifischen Rostpilzen verlangsamen oder ganz verhindern. Durch sorgfältige Züchtung ist es gelungen, kommerzielle Weizensorten mit Clustern einer Handvoll verschiedener Resistenzgene auszurüsten, die in ihrer Gesamtheit eine Resistenz gegen alle bekannten Schwarzrost-Varianten mit sich brachten. Dank dieser Genkombinationen war der Schwarzrost in den 90er Jahren fast überall verschwunden. Bis ug99 kam, der mit nahezu allen vorhandenen Resistenzgenen klarkommt.

Dummerweise haben die Wissenschaftler bei der Produktion der modernen Schwarzrost-resistenten Pflanzen ihr Pulver praktisch verschossen. Nachdem der Schwarzrost praktisch verschwunden war, wurden wurden die Investitionen in die Forschung drastisch zurückgefahren – mit weitreichenden Folgen. Plötzlich sind bis zu 90% der Weizenernten in den bedrohten Gebieten anfällig für den Pilz.

Bereits 2006 warnten Forscher (pdf), dass die verwundbaren Weizenkultivare im Nahen Osten und Indien gegen resistente Formen ausgetauscht werden müssten, bevor der Pilz sich weiter ausbreitet. Nun ist es soweit, ug99 ist im Iran angekommen und werden von dort aus nach Osten weiterziehen. Historische Beispiele zeigen, dass der Iran ein klassisches Sprungbrett für Pilze aus Ostafrika ist. Zu Beginn der 90er Jahre breitete sich ein verwandter Gelbrost-Pilz innerhalb einer Saison von Nordiran nach Nordindien aus und Verursachten Ernteausfälle von etwa einer Milliarde Dollar. Wobei Gelbrost als deutlich harmloser gilt als Schwarzrost.

Verluste in Milliardenhöhe
Die Ernteverluste durch die neue Schwarzrost-Variante können nach Untersuchungen in Kenia bis zu 70 Prozent betragen. Experten rechnen nun mit Ernteverlusten im Milliardenbereich, auch wenn der Pilz auf Afrika und Asien beschränkt bleibt.

Betroffen wären vor allem die armen Länder. Schon jetzt hat die Zahl der Hungernden weltweit die Milliardengrenze überschritten. Die Ursachen sind derzeit vor allem ökonomischer Natur: Wegen der Finanzkrise sinken die Realeinkommen, während die Preise für Lebensmittel weiter hoch sind. Eine echte Verknappung durch die Seuche würde diese Probleme besonders in den Städten der Entwicklungsländer drastisch verschärfen.

Ein Wettlauf mit der Zeit hat begonnen, und es sieht nicht gut aus. Die Forschun gsprogramme, die in den 90er Jahren drastisch zurückgefahren wurden, mussten völlig neu aufgelegt werden. Seit 2005 haben Forscher etwa 16000 Weizenvarianzen auf Resistenzen gegen den neuen Pilz getestet und neu gefundene Gene in kommerzielle Weizenkultivare eingezüchtet.

Die ältesten dieser Varianten sind etwa drei Jahre alt und vom Ertrag her modernen Hochleistungssorten noch in vielerlei Hinsicht unterlegen. Normalerweise dauert die Entwicklung einer neuen Sorte bis zur Marktreife etwa ein Jahrzehnt. Dass diese neue Weizensorte bereits jetzt im US-Bundesstaat Oklahoma auf Felder ausgebracht wurde, zeigt deutlich, wie nervös der neue Pilz die Wissenschaftler macht.

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Bild: Jürgen Treiber/Pixelio.de

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Quelle: Fischblog - Naturwissenschaft und mehr
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