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Alt 09.06.2009, 13:20   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Video der Woche #14: Was ich von "Home" halte

Propagandafilme kommen in der Geschichte in sehr unterschiedlichen Gewändern daher – manchmal subtil, oft plump oder als Informationsmaterial getarnt. Es ist eher selten, dass die Macher direkt dazu schreiben, dass wir jetzt manipuliert werden – und uns nun bitte zurücklehnen und es genießen.

Der Film "Home" von Yann-Yves Bertrand ist so ein Film. Wir erfahren von Anfang an, was dieser Film erreichen will – er soll uns alle emotional berühren, damit jeder seinen Beitrag leistet, Klimawandel und Umweltzerstörung zu bekämpfen. Da ist er nicht der erste. Glücklicherweise ist dieser Film anders.



Dabei ist nichts in diesem Film neu oder auch nur überdurchschnittlich gut erzählt, im Gegenteil, "Home" ist eine bei Lichte Besehen recht schlichte Aneinanderreihung von Themen und Fakten, die man schon deutlich öfter als einmal gehört hat. Die üblichen Verdächtigen sind jedenfalls alle dabei. Außergewöhnlich ist der Film, weil er eine radikal andere Perspektive wählt. Wo andere Filmemacher ihrer Botschaft über kurz oder lang ein menschliches oder zumindest tierisches Gesicht geben – und damit meist tierisch nerven – wagt "Home" den distanzierten Blick aus der Luft.

(Trailer - den ganzen Film gibt es auf der YouTube-Seite des Home Projects)

Der Perspektivwechsel zahlt sich aus – durch diesen Verzicht auf plumpe emotionale Erpressung gewinnt der Film an Format. Bertrand hat, bei aller missionarischer Ambition, einen bemerkenswerten Mut zur Ambivalenz. Denn in diesem Film ist die Zerstörung nicht düster und drohend, sie ist monumental und in ihrer Ästhetik grandios in Szene gesetzt. Ob das Lichtermeer von Los Angeles bei Nacht, die Palmeninsel vor Dubai oder die Rodungen auf Borneo, die aus der Luft wie ein filigran tätowiertes Tribal wirken – was der Mensch an Schönheit schafft, braucht den Vergleich mit den Wundern der Natur kaum zu scheuen.

Wir Menschen, das ist die Botschaft des Films, stehen mythischen Kreaturen wie dem T.-Rex oder Godzilla in nichts nach – wir sind ebenso grandios wie furchteinflößend. Das ist letztendlich die Botschaft: Wir wissen, was mit Godzilla am Ende des Films passiert und wie es dem T.-Rex jetzt geht. Bertrand lässt die Bilder selbst sprechen, und das gleich auf mehreren Ebenen. Beim Stichwort "migratory phenomena" die Luftaufnahme des Herdenphänomens Zebrastreifens zu zeigen ist auf den ersten Blick eine amüsante Idee, zeigt aber auch eine tiefere Wahrheit: Wenn all diese Leute plötzlich irgendwo anders hin müssen, haben wir ein Problem.

Trotzdem war mir an einigen Stellen etwas unwohl, denn der Film verfällt am Anfang in eine ungesunde naturmystische Ikonographie, die ideologisch keineswegs unbelastet ist: Die Erde sei ein Wunder, das Leben ein nicht aufzuklärendes Geheimnis. Seit vier Milliarden Jahren sei die Welt im harmonischem Einklang des kosmischen Gleichgewichtes gewesen, und dann, ja dann betrat der Mensch die Bildfläche und machte alles kaputt.

Das ist natürlich ganz und gar nicht richtig. Die Geschichte des Lebens ist eine Abfolge von hin- und herwogenden Auslöschungsereignissen, immer getrieben durch eine sich teils dramatisch wandelnde Umwelt, unterbrochen durch unvorstellbare Kataklysmen, immer in Auf- und Abbau. In diesen Mahlstrom der Evolution ist der Mensch hineingeworfen, und er hat sich gut gehalten.

Die Beschwörung von Gleichgewicht und Harmonie im Zusammenhang mit Umweltschutz, untermalt von Ethno-Klängen, ist jedenfalls ausgemachter Unsinn, für den dieser ansonsten großartig gemachte Film eigentlich viel zu schade ist. Für seine Kernthese beruft sich „Home“ explizit auf die Wissenschaft, und vor diesem Hintergrund ist dieser Kniefall vor der Gegenaufklärung umso ärgerlicher.

Den guten Gesamteindruck schmälert das allerdings kaum, denn am Ende des Films erlauben sich die Macher eine nette kleine Volte mit den Konventionen des Genres. Etwa eine Viertelstunde vor Schluss scheint die Geschichte auserzählt, und es folgt ein absolut genretypischer Schluss, ihr wisst schon, weiße Schrift auf schwarzem Grund mit apokalyptischen Visionen. Und gerade wenn man sich über den Standard-Abspann zu ärgern beginnt, geht der Film noch einmal richtig los.

Aber das guckt ihr euch jetzt selbst an. Bis zum 14. Juni ist der Film noch auf YouTube verfügbar, bis dahin sollte ihn jeder gesehen haben. Es lohnt sich.

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Quelle: Fischblog - Naturwissenschaft und mehr
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