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Alt 29.05.2009, 19:01   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Chicxulub und kein Ende

Der Chicxulub-Krater in Yucatan ist wahrscheinlich der prominenteste Einschlagkrater von allen. In der öffentlichen Wahrnehmung und auch nach Ansicht der meisten Wissenschaftler handelt es sich um die Narbe eines kosmischen Volltreffers, der einen Jahrtausende langen nuklearen Winter auslöste und so die Dinosaurier auslöschte. Tatsächlich ist dieser kausale Zusammenhang jedoch umstritten, und so tauchen immer mal wieder Meldungen wie jetzt gerade beim Scientist auf.

Konkret geht es um die Frage, ob der Einschlag an der Kreide-Tertiär-Grenze wirklich das letzte Massensterben vor 65 Millionen Jahren ausgelöst hat. Alvarez und Kollegen entdeckten Jahr 1980 die Iridium-Anomalie in der lehmigen Grenzschicht des K-T-Übergangs entdeckten, die mit dem Zeitpunkt des Massenaussterben zusammenfällt. Die Anomalie wiederum lässt sich auf den Meteoriteneinschlag zurückführen, der den Chicxulub-Krater in Mittelamerika hinterlassen hat. Zeitliches Zusammentreffen und Größe des Kraters ließen damals nur einen Schluss zu: Ein himmlisches Geschoss hat die Dinosaurier erwischt.



Ganz so einfach ist die Sache allerdings doch nicht. Die so suggestiv eindeutige Schichtfolge Oberkreide-Grenzschicht-Tertiär verdankten die Entdecker vor allem dem Umstand, dass die damals bekannten Aufschlüsse sehr stark verdichtet und teilweise unvollständig sind. Seither ist man am Brazos River in Texas, nur etwa 1000 Kilometer vom Einschlagort entfernt, auf einen wesentlich detaillierteren Aufschluss gestoßen, in dem die Kreide-Tertiär-Grenze auf ungefähr zwei Metern Höhe aufgeschlossen ist. Und da sieht die Geschichte schon ganz anders aus.

Die Brazos-River-Aufschlüsse
Die Grenze zwischen Kreide und Tertiär markiert dort nämlich gerade nicht die Einschlagschicht, sondern ein Sprung in einem Isotopenverhältnis, der global nachweisbar ist.
Das vom Einschlag stammende Material wiederum liegt nicht an der Grenze selbst, sondern etwa einen halben Meter darunter, bedeckt von einer Sandsteinschicht. Die übliche Interpretation ist die, dass es sich bei den Sandsteinen um die kompakten Ablagerungen des vom Einschlag hervorgerufenen Tsunami handelt.

Das allerdings ist sehr umstritten, schon weil die angebliche Tsunami-Ablagerung in sich strukturiert ist. Sie enthält offenbar aufeinanderfolgende Flächen des Meeresgrundes, komplett mit Wellenrippeln und Grabgängen von Meerestieren. Hinzu kommt die Entdeckung, dass unterhalb der angeblich vom Impakt erzeugten Lehmschicht eine weitere gleichartige Schicht mit völlig identischer Zusammensetzung liegt – möglicherweise die eigentliche Chicxulub-Schicht. Und die ist volle 300.000 Jahre älter als die K-T-Grenze.

Entdeckt hat das die Paläontologin Gerta Keller. Sie untersucht anhand von Fossilien, wann und wie schnell die Tiere damals ausstarben. Natürlich nicht anhand von Dinosaurierfossilien, die sind viel zu selten. Sie verwendet die Gehäuse mariner Einzeller namens Foraminiferen als Leitfossilien, weil die in den fraglichen Schichten häufig vorkommen und damit auch Faunenwechsel sehr genau anzeigen.

Die Mikrofossilien zeigen zwei Dinge: Zum einen, dass die lokale Fauna sich oberhalb der Einschlagschicht in der gleichen Zusammensetzung wiederfand wie vorher, während an der eigentlichen K-T-Grenze nur 13 von 44 Arten überlebten. Zum anderen, dass der Meeresspiegel im fraglichen Zeitraum stark schwankte. Während der graue Tonstein der Oberkreide deutlich unter Wasser abgelagert wurde, zeigt die (traditionelle) Einschlagschicht darüber Anzeichen dafür, dass sie in sehr flachem Wasser oder gar an der Luft abgelagert wurde. Der Sandstein darüber wiederum stammt aus einem Küstengewässer.

Eine alternative Chronologie
Laut Keller spielte sich also folgendes ab: vor etwa 65 Millionen Jahren schlug der bekannte Himmelskörper in Mittelamerika ein und bedeckte die ganze Region mit einer Lage aus geschmolzenen Gesteinsfragmenten, die heute eine iridiumhaltige Lehmschicht ist. Danach ging das Leben dort mehrere Hunderttausend Jahre lang normal weiter, abgesehen davon, dass das Wasser flacher wurde und sich die Faunenzusammensetzung graduell veränderte.

Als sich das Wasser soweit zurückgezogen hatte, dass die Gegend an der Küste lag, erodierten Wind und Wasser Kanäle in die Oberfläche. Weiter im Hinterland erfasste die Erosion auch die vom Meteoriten verursachte Einschlagschicht und verfrachtete sie an die Küste, wo sie sich über den erodierten früheren Meeresboden legte – so kamen die beiden Impaktschichten übereinander zustande. Dann rückte das Meer langsam wieder vor und lagerte etwa einen halben Meter untermeerische Sandschichten ab. Offensichtlich gab es dort am Ende der Oberkreide malerische Strände. Dann erst kam das mysteriöse Ereignis, das auch die Dinosaurier und drei Viertel aller Foraminiferen das Leben kostete, das Isotopenverhältnis der Sedimente verschob sich und es tauchten wieder Tiefwassersedimente auf – das Tertiär hatte begonnen.

Was aber hat dann die Dinosaurier ausgerottet? Man weiß es nicht. Viele Paläontologen tippen – der Einfachheit halber – nach wie vor auf den Chicxulub-Einschlag, entweder allein oder im Zusammenhang mit der Bildung der Deccan-Traps, einer gewaltigen vulkanischen Struktur in Indien. Bisher unveröffentlichte Ergebnisse deuten allerdings möglicherweise darauf hin, dass etwa parallel zum Absinken des Meeresspiegels die Kontinente von einer bislang unbekannten Katastrophe heimgesucht wurden, die das Leben im Meer nur gering betraf. Das Massensterben am Ende der Oberkreide gibt mit jeder neuen Entdeckung mehr Rätsel auf.

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Quelle: Fischblog - Naturwissenschaft und mehr
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