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Alt 29.05.2009, 19:01   #1   Druckbare Version zeigen
Godwael Männlich
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Themenersteller
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Atomkraft, Leukämie und Lobbyismus: Strahlenmedizin-Vortrag in Marburg

Über Twitter hat mich Amy kürzlich auf einen sehr spannend klingenden Vortrag hingewiesen, der gestern in Marburg stattfinden sollte. Langjährige Leser werden sich erinnern, dass ich mich vor Jahren mal etwas näher mit einer Studie über Leukämiefälle im Umkreis von Atomkraftwerken befasst habe, bevor mir da so ein bisschen die Lust vergangen ist. Deswegen machte ich mich also auf den Weg an die Lahn, um den Strahlenmediziner Edmund Lengfelder von der LMU München zum Thema Kinderkrebs um Atomanlagen zu hören.[1]

Laut Untertitel sollte es unter anderem um Erfassung und Bewertung von Daten "unter Einfluss von Interessen" gehen. Seit meiner Begegnung mit Frau Dr. Maria "Dienstreise" Blettner im Zusammenhang mit der Kinderkrebsstudie ein Thema auch für mich. Tatsächlich sollte sich der Vortrag als echtes Lehrstück über Lobbyismus erweisen, allerdings etwas anders als erwartet.



Der Leiter der Veranstaltung begrüßte uns auch gleich mit dem Hinweis, dass der Herr Lengfelder mit den anstehenden Wahlen im Hinterkopf eingeladen worden war. Was das zu bedeuten hatte, machte er uns dann auch schnell klar. Kaum war die Titelfolie des Vortrags an die Wand projiziert und der Gastredner begrüßt, bekamen wir von den Veranstaltern ein Flugblatt mit dem Titel "Mit Neuen Energien in die Zukunft – Keine Laufzeit-Verlängerung für Atomkraftwerke!" In die Hand gedrückt. Damit gehe ich prinzipiell konform, aber vor dem Hintergrund des Themas – der Einfluss interessierter Parteien auf die Interpretation der Daten – ist das definitiv ein Stirnrunzeln wert.

Am Rest des Publikums perlte die Ironie der Flugblatt-Aktion allerdings, soweit ich das erkennen konnte, vollständig ab. Im Grunde waren die Leute aber auch eindeutig nicht gekommen, um einer Informationsveranstaltung beizuwohnen. Wie die vorhandenen Daten interpretiert zu sein hatten, daran konnte schon nach wenigen Minuten kein Zweifel mehr bestehen. Das ganze hatte ein bisschen was von einer Zaubervorführung: Jeder weiß was kommt, aber alle wollen es noch mal sehen.

Gut gegen böse
Und Lengfelder kennt sein Publikum, weiß genau, welche Knöpfe er zu drücken hat, um so ein Publikum auf seiner Seite zu haben. So etwa ab der Hälfte der Veranstaltung besteht der Vortrag eigentlich nur noch aus Zitaten der Bösen – sprich: Der Leute, die nicht die Meinung von Lengfelder und seinem Publikum teilen. Empörtes Kopfschütteln im Publikum gibt es zum Beispiel für die zitierte Aussage von Frau Blettner, dass die Daten der oben erwähnten Kinderkrebs-Studie durchaus Ergebnis eines Zufalls sein könnten.

Eine ernstzunehmende Diskussion der vorhandenen Daten fand jedenfalls nicht statt – dabei wäre sie dringend notwendig. Stattdessen Anekdoten und Fetzen relevanter Studien: Geesthacht, Leukämiefälle. Dann die Michaelisstudie, 1992 von Keller et al., die kein Risiko im Umkreis von 15 Kilometern zeigte, bei einer nachträglichen Auswertung allerdings eine Häufung bei Kindern unter fünf Jahren im Umkreis von fünf Kilometern um Kernkraftwerke zeigt. Hier betont Lengfelder: Der Befund taucht im Abschlussbericht nicht auf.

Den statistikerfahrenen Leser wundert das nur bedingt. Das Verfahren riecht quasi nach dem Fehler des Texanischen Scharfschützen: Eine zufällige Verteilung sehr seltener Ereignisse erzeugt automatisch Häufungen, deswegen kann man nicht einfach Daten seltener Ereignisse a posteriori nach Häufungen durchsuchen und "Heureka!" rufen, wenn man eine gefunden hat. Der Befund musste also qualifiziert werden.

Wer braucht schon Belege?
Und damit kommen wir zu dem Teil, der mich wirklich interessierte: Die bekannte Kinderkrebsstudie unter der Ägide von Frau Blettner. Die hat ja das Ergebnis der älteren Studie auf einem wesentlich besseren Niveau reproduzieren können, unter anderem mit umfassender Kontrolle einer ganzen Reihe möglicher Störfaktoren. Nur: Wenn man die gleichen Daten auch im zweiten Versuch mitanalysiert, ist es natürlich kein Wunder, dass man das gleiche findet. Einen Hinweis auf irgendeine Kausalität, zum Beispiel im Zusammenhang mit Radioaktivität, lässt sich aus diesem Befund erstmal nicht zwangsläufig ableiten. Oder doch?

Lengfelder macht sich allerdings keine Mühe, Argumente für einen solchen Zusammenhang vorzubringen. Wozu auch? Alle im Raum sind sich schließlich einig, dass es ihn gibt. Und wer das anders sieht, hängt natürlich am Gängelband der Atomindustrie.

Stattdessen zaubert er einen weiteren rhetorischen Trick aus dem Hut, nämlich die Methoden, mit denen die radioaktive Belastung über Luft und Nahrung berechnet wird. Da kommen böse technokratische Formeln drin vor, und wer weiß schon, wieviel Gemüse er letztes Jahr gegessen hat? Dass es solche Daten zum Beispiel von der ZMP erhoben werden, geschenkt. Das Kernargument hier ist, dass die offiziellen Zahlen wegen all dieser Erfassungsschwierigkeiten unglaubwürdig seien. In der Luft hängt die unausgesprochene Annahme, die wahre Belastung sei höher. Aber ist das wirklich so? Gibt es dazu Daten? Lengfelder schweigt sich aus.

Die anderen sind schlecht, also hab ich Recht!
Viel lieber breitet er genüsslich aus, wie zynisch die Nuklearindustrie und die mit ihnen eng verbundenen Regierungen die Grenzwerte für radioaktive Belastungen ansetzen. Genetische Schäden könnten bei den angepeilten Grenzwerten schon auftreten, allein, der zu erwartende Nutzen würde das schon rechtfertigen. Der zu erwartende Nutzen für Militärs und Energieversorger, nicht der für die Bevölkerung. Alleine aus dieser historischen Entwicklung der Grenzwerte ließe sich hervorragend Stimmung gegen die Atomkraft machen, ganz ohne Verfälschung und Auslassung. Aber um Fakten ging es dem Publikum heute nur am Rande. Deswegen bleibt Lengfelder auch ein weiteres relevantes Faktum schuldig: Wie verhält sich denn die tatsächliche Belastung in Deutschland zu den hier zitierten Grenzwerten?

Naja, das war’s im Grunde auch, abgesehen von – grundsätzlich nicht belegten – Anschuldigungen gegen die üblichen Verdächtigen aus Wissenschaft und Technik. Zwischendurch gab es noch eine "geschätzte" - von wem? Auf welcher Grundlage? - Regressionskurve des Krebsrisikos im Umkreis eines Atomkraftwerkes, möglicherweise auf der Basis der Blettner-Daten. Da hat er sich darüber ausgelassen, dass demnach selbst noch in fünfzig Kilometer Entfernung das Risiko über normal liege. Das diese Behauptung ein Widerspruch zu den am Anfang präsentierten Daten war, hat dann auch niemanden mehr gestört. Über die anschließende Fragerunde decken wir gnädig den Mantel des Schweigens.

Ich will die Veranstaltung gar nicht schlechtreden. Es gab einen sehr unterhaltsamen Referenten und eine ganze Reihe interessanter Daten und Hintergründe zu begutachten. Das Publikum hat sich gut unterhalten, und wie man interessengeleitet Fakten tendenziös darstellt, um eine bestimmte Meinung zu stützen, haben wir ja nun auch gesehen. Ich hatte eben auf etwas weniger offensichtliche Propaganda gehofft.

Nach dem Vortrag habe ich mit Amy noch einen kleinen Bummel durch Marburg gemacht und den Abend mit einem Tee ausklingen lassen. So war es alles in allem gesehen ein interessanter Tagesausflug. Was will man mehr?
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[1] Angekündigt als der "weltbekannte Prof. Dr. med. Dr. h.c. Edmund Lengfelder". Dazu der Lehrsatz frei nach meiner ersten Chefin: "Entweder er ist weltbekannt, dann braucht man es nicht dazuzuschreiben, oder er ist es nicht, dann ist es Unsinn."

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Quelle: Fischblog - Naturwissenschaft und mehr
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