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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Chemie-Studium wie reformieren


nobody
23.01.2005, 17:31
Wie müsste eurer Meinung nach das "gute alte" Diplom-Chemie-Studium reformiert werden?

Derzeit finden vor allem Umetikettierungen von alten Studiengängen in Bachelor / Master statt bzw. es werden die B/M-Studiengänge aus dem angelsächsischen Raum einfach 1:1 übernommen.

Deshalb meine Frage: Wie sollte eine ernsthafte Reform aussehen?

upsidedown
23.01.2005, 17:35
Verschoben nach Didaktik

nobody
30.01.2005, 15:36
Keiner eine Idee?

Alle rundum zufrieden? :kiss1:

nobody
17.02.2005, 16:25
Vielleicht sollte ich meine Fragen konkreter stellen:

Seid ihr (vor allem diejenigen, die schon fortgeschrittener im Studium sind / im Berufsleben) zufrieden mit dem, was ihr während des Studiums gelernt habt? Profitiert ihr davon oder habt ihr unnötig viel Ballast gelernt und dadurch nicht die Zeit gehabt, Sinnvolles zu lernen?
Ist das deutsche Chemie-Studium veraltet? Wie ist die Ausbildung im Vergleich zu anderen Ländern? Müssen wir von anderen Ländern lernen oder ist es umgekehrt?

Wenn man etwas verbessern könnte, was müsste man am schnellsten ändern?

Ich freue mich auf eure Antworten!

Mr.Domi
17.02.2005, 16:57
Gute Frage, ich werd mal drüber nachdenken, bin aber leider noch nicht am studieren*g*

nobody
17.02.2005, 23:21
Ok, dann fang ich mal mit meinen eigenen Vorschlägen an:

Chemie ist eine praktische Naturwissenschaft. Dem muss mehr Rechnung getragen werden. Anstatt Lehrbücher auswendig zu lernen und in Vorlesungen mit Faktenwissen aus dem 19. Jahrhundert bombardiert zu werden und nebenbei in Praktika historische Versuche in kürzester Zeit nachzuahmen, sollte das Studium nur noch aus Forschungspraktika (denn das ist die berufliche Realität für den angehenden Chemiker und darauf sollte eine gute Ausbildung zielen) bestehen:

Jeder Student wird einem Doktoranden zugeteilt und von ihm angelernt. Dabei lernt der Student ganz automatisch nicht nur praktisch-handwerkliche Fähigkeiten, sondern auch die Theorie, die benötigt wird, nicht mehr und nicht weniger. Endlich wird der Student von unnötigem Ballast befreit und die Profs können sich voll der Forschung widmen. Auch die Studienzeiten werden kürzer werden, wenn man schon vom 1. Semester an in die Forschung einsteigt. Wozu Vordiplom, Diplom, Promotion, Habilitation? Alles unnötige Auswendiglernerei und Schikane von Leuten, die es überstanden haben. Der Student soll das lernen, was er tatsächlich braucht. Natürlich hat er am Ende des Studiums kein so umfangreiches Wissen wie einige wenige heutige Absolventen, die es wirklich schaffen, alles in den Kopf zu hauen. Aber das ist doch nicht schlimm! Im Zeitalter des lebenslangen Lernens lernt er das on the job.

Wozu eigentlich noch Vorlesungen? Diese dienen in ihrer Pompösität doch vor allem der Glorifizierung des Professors und nehmen den Studenten viel Zeit weg, dass sie fürs Lernen der wirklich wichtigen Dinge bräuchten. Wozu Übungsblätter? Kann man doch alles im Labor lernen, indem man die anfallenden Aufgaben aus dem richtigen Leben (für den Chemiker ist das nunmal das Labor) einfach macht und sich evtl. von Doktoranden erklären lässt. Wozu vorlesungsfreie Zeit? Gibt's doch dann nicht mehr und damit keine Möglichkeit als Student zu Hause vor den Büchern zu versauern. Statt dessen learning by doing im Labor. Am besten noch dabei möglichst früh lernen, wie man eine Publikation (natürlich auf englisch) schreibt, Vorträge auf Konferenzen hält - just do it! Und wenn auch nicht alles auf Anhieb klappt: Trial and error ist eine sehr effektive Methode zu lernen.

Leider ist die Realität heutzutage eine andere:
Träge Studenten schleppen sich in Vorlesungen, pinseln alles brav ab und lernen sich zu Hause die Nächte um die Ohren. Was bleibt hängen: Ballast, Ballast, Ballast, der mit der Zeit nach und nach fallengelassen wird. Was bleibt dann am Ende des Studiums noch übrig? Das Spezialwissen für die Doktorarbeit. Toll. Würde das nicht schneller und effektiver gehen?
Achja, Praktika gibt's auch noch (nehmen sogar viiiiel mehr Zeit in Anspruch als Vorlesungen): Trennungsgänge zu Ehren des ehrwürdigen Fresenius, Präparate, deren Sinn nicht mal die Profs einsehen, die aber trotzdem gekocht werden müssen, Messungen mit Versuchsvorschriften und Geräten aus den ersten Nachkriegsjahren, für deren Auswertung man Millimeterpapier verwendet und deren Fehlerrechnung die meiste Zeit in Anspruch nimmt. Vor allem stupides Schuften, wenig akademischer Glanz, noch weniger Faszination einer Wissenschaft. Warum spricht man überhaupt von einem Studium? Dass ist doch noch verschulter als das Gymnasium, noch monotoner, keine geistigen Höhenflüge. Und dann wundert man sich, dass andere Länder besser in der Forschung sind, Nobelpreise absahnen, die besten Studenten wegschnappen etc.

Und der Prof? Nach einer Vorlesung fühlt er sich einer gesellschaftlichen Elite zugehörig, die eh alles besser weiß und brummt innerlich zufrieden vor sich hin. Die verzweifelten Gesichter und flehenden Blicke so mancher Studiosi sind ihm Genugtuung für den steinigen Weg, den er hinter sich gebracht. Sein Blick verhärtet sich jedoch wieder, als ihm einfällt, dass er wieder endlos viele Prüfungen abhalten muss. Entsprechend lustlos wird er auch wieder prüfen und sich genüsslich freuen, wenn er wieder ein paar Kandidaten abgeschossen hat.

Und? Was meint ihr? Muss nicht endlich gehandelt werden?

belsan
17.02.2005, 23:36
Ohne jetzt auf einzelne Punkte eingehen zu wollen, kann man die Aussage wohl so zusammenfassen: Wesentlich mehr (Forschungs)praxis und weniger bis gar keine Theorie.

Solche Ausbildungen gibt es: Nennt sich Laborant oder CTA.

Das leidige an der Chemie ist aber, dass man eigentlich nicht wirklich sieht was man tut und was passiert. Das erklärt sich nur einigermaßen, wenn man die Theorie hinter seinen Experimenten verstanden hat und auch dann hat es oft genug den Anschein von Woodoo.
Da hats ein Tischler schon besser, aber auch der muss die "Theorie des Holzes kennen".

Ohne theoretische Kenntnisse ist weder eine Synthese vernünftig zu planen noch die Analytik, sei sie nun nasschemisch oder apparativ.

Was machen die Leute die theoretische Chemie interessant finden ?

Den Doktoranden kann man nicht ständig einen Studenten aufdrücken. Die machen in den meisten Fällen mehr Arbeit als sie nützlich sind. D. h. ein Doktorand kann seine Diss eigentlich vergessen.

Nichts dagegen wenn man den Forschungsanteil etwas erhöht und die Inhalte mal auf Sinn und Unsinn durchforstet, aber so wie von Dir vorgeschlagen wird das nichts IMO

nobody
18.02.2005, 14:27
Wesentlich mehr (Forschungs)praxis und weniger bis gar keine Theorie.
Solche Ausbildungen gibt es: Nennt sich Laborant oder CTA.

Ja, mehr Forschungspraxis, aber das heißt nicht, dass keine Theorie mehr gelernt wird. Diese soll nur nebenbei im Labor gelernt werden, wenn sie gebraucht wird. Wenn z. B. Reaktion XY durchgeführt wird, soll der Student nicht nur XY lernen, sondern auch den Kontext. Das macht er, indem er in die Bibliothek geht und lernt. Dann kommt die nächste Reaktion usw. Natürlich soll das Niveau über dem eines Laboranten liegen. Außerdem: Welcher Laborant lernt denn das Schreiben von englischen Publikationen oder das Halten von wissenschaftlichen Vorträgen auf Englisch?

nobody
18.02.2005, 14:30
die laboraten in england. die habens gut, die sind dann schon gleich akademiker.

belsan
18.02.2005, 23:34
Ja, mehr Forschungspraxis, aber das heißt nicht, dass keine Theorie mehr gelernt wird. Diese soll nur nebenbei im Labor gelernt werden, wenn sie gebraucht wird. Wenn z. B. Reaktion XY durchgeführt wird, soll der Student nicht nur XY lernen, sondern auch den Kontext. Das macht er, indem er in die Bibliothek geht und lernt. Dann kommt die nächste Reaktion usw. Natürlich soll das Niveau über dem eines Laboranten liegen. Außerdem: Welcher Laborant lernt denn das Schreiben von englischen Publikationen oder das Halten von wissenschaftlichen Vorträgen auf Englisch?

Ich denke ich versteh Dein Ansinnen schon. Was Du hier beschreibst unterschiedet sich aber nicht viel von einem Praktikum, mit dem Unterschied, dass ein gut geführtes Praktikum besser strukturiert ist.
Dazu kommt, wie gesagt, das Betreuungsproblem. Irgend jemand muss anleiten. Nun gibt es aber leider sowohl unwillige, und bezgl. der Lehre weniger gute Doktoranden, als auch Studenten zweifelhafter Couleur.
Zu meiner Zeit hatten wir Forschungspraktika, d. h. arbeiten direkt in einer Arbeitsgruppe. Das ist oft genug in die Hose gegangen. Es ist ohne Erfahrung nämlich nicht besonders lehrreich und motivierend, wenn ein Versuch nach dem anderen daneben geht (weil Forschung und keine ausgearbeiteten Experimente) und der Assi täglich verkniffenere Augen kriegt.
Mir ist da ein Praktikum lieber, dass von einem engagierten, erfahrenen Praktikumsleiter geführt wird - das ist glaube ich der entscheidende Punkt bei den Praktika. Die kann man aber sicher moderner und "näher am Leben" gestalten.
Anleitung sollte man für die Diplomarbeit erhalten, vorher muss man erst mal das Handwerk lernen.

Mir scheint das entscheidende für eine gute Chemieausbildung, dass exzellentes Lehrpersonal eingestellt wird.
Die Praktikumsleiter sollten sich um ihr Praktikum auch kümmern und diese nicht nur von mehr oder weniger lustlosen Assis betreuen lassen.
Ich sehe auch keine Notwendigkeit Grundstudiumsvorlesungen von Profs. halten zu lassen. Die sollte man zu Gunsten des Hauptstudiums und Diplomandenbetreuung davon freistellen.

Wenn man gutes Lehrpersonal hat, dann erübrigt sich auch teilweise die Frage nach den Inhalten, weil engagierte Leute sich automatisch darum kümmern, dass die Inhalte entstaubt, sinnreicher, verständlicher und relevanter werden - man muss sie dann aber auch lassen.

Uller
19.02.2005, 04:12
Ich finde auch, dass man früher in die Forschung einsteigen sollte. Allerdings nicht so krass wie jhl.

Grundstudium sollte den Zeitraum der allgemeinen Ausbildung darstellen. Im Hauptstudium sollten dann im Verstärkten Maße FPs angeboten werden. Wenn man die hinter sich hat, kann man vielleicht in der Diplomarbeit bereits solche Praktika betreuen, so dass die Doktoranden nicht so belastet werden.

Kritisch seh ich heutzutage, dass Professoren und ihre Arbeitsgruppen allein an den Publikationen gemessen werden. Die Leute, die viel in die Lehre investieren, werden bestraft und können eine Hochschulkarriere vergessen. So wird eine gute Ausbildung der Studenten gerade außerhalb von Laborpraktika nicht gefördert. Studenten müssen mehr Einfluss haben, so dass gute Dozenten gefördert werden und letztendlich auch berufen werden.

Mookie
19.02.2005, 10:30
Mir scheint das entscheidende für eine gute Chemieausbildung, dass exzellentes Lehrpersonal eingestellt wird.
Die Praktikumsleiter sollten sich um ihr Praktikum auch kümmern und diese nicht nur von mehr oder weniger lustlosen Assis betreuen lassen.
Ich sehe auch keine Notwendigkeit Grundstudiumsvorlesungen von Profs. halten zu lassen. Die sollte man zu Gunsten des Hauptstudiums und Diplomandenbetreuung davon freistellen.

Finde ich eine sehr gute Idee, kann ich nur zustimmen. Das trifft so gut wie auf alle Vorlesungen zu, die ich bisher im Grundstudium hatte. In der Vorlesung schreibt man nur schnell alles ab und versteht nicht wirklich was. Erst in den Übungen und Seminaren mit den Assistenten versteht man was man da eigentlich gemacht hat. Wozu also noch in die Vorlesung gehen, ein Skript vom Prof und ein guter Assistent tut es doch auch.
Und die Sache mit dem Praktikum ist auch so ein Ding, die Profs sollten sich teilweise erstmal die Assistenten anschauen, wenn mal wieder 50% der Leute durch das Praktikum oder die Klausur gefallen sind. Ich hab grade dieses Semester schmerzlich erfahren müssen, wie beschissen unsre Betreuung im Praktikum ist. 80 Leute und 4 Assistenten von denen 3 so gut wie nie da sind bzw sich einen Dreck drum kümmern was wir machen.

nobody
19.02.2005, 12:24
Ich denke ich versteh Dein Ansinnen schon. Was Du hier beschreibst unterschiedet sich aber nicht viel von einem Praktikum, mit dem Unterschied, dass ein gut geführtes Praktikum besser strukturiert ist.


OK. Dann müssen aber die Praktika von Grund auf erneuert werden. Das passiert aber nicht, da weder die Profs und nicht einmal die Praktikumsleiter wissen, was wirklich in den Praktika gemacht wird! Mich schockiert immer wieder, dass es einerseits Profs gibt, die in ihren Prüfungen davon ausgehen, dass heutzutage das Gleiche in den Praktika gemacht wird, wie in ihrer Studienzeit (und entsprechend ihre Prüfungsfragen ausgestalten, besser gesagt: beibehalten!), andererseits gibt es Profs und Praktikumsleiter (!), die sich darüber lustig machen, dass immer noch bestimmte Versuche durchgeführt werden müssen: "Was machen Sie denn eigentlich für einen S...? Und dazu benutzen sie so ein Gerät? Was soll denn dieser Versuch eigentlich? Funktioniert doch sowieso nicht!". Warum tun denn diese Leute nichts? Diese haben es doch in der Hand, nicht die Studenten. Wahrscheinlich liegt das daran, dass möglichst viele Studenten abgeschreckt werden sollen. Solange die Fakultät ihre Studenten nicht aussuchen darf, muss sie das so tun. Denn alle (Möchte-gern)Studenten zum Diplom durchbringen, will keiner, was ich auch verstehe.

Dass dabei auch "gute" Studenten in Mitleidenschaft gezogen werden oder gar scheitern (wenn mal wieder 50% der Leute durch das Praktikum oder die Klausur gefallen sind.), ist das eigentlich Tragische. Praktikumsversuche, bei denen man vor allem mit stundenlanger Fehlerrechnung beschäftigt ist, weniger mit der eigentlichen Theorie, die viel interessanter ist, Präparate, die man mehrmals machen muss, weil die Versuchsvorschrift nicht stimmt oder weil sie einfach schlecht funktionieren etc. sind euch sicherlich bekannt. Klar, man sollte all dies mal gemacht haben, Frust sollte auch Teil der Ausbildung sein! Aber wenn zumindest das ganze Grundstudium dermaßen stupide und manchmal erniedrigend ist, wundert es mich nicht, wenn am Ende weniger gute Doktoranden, als auch Studenten zweifelhafter Couleur herauskommen, die wiederum ihre Nachfolger schikanieren. Man sollte vor allem bedenken, dass der Zeitaufwand enorm ist. Zwar ist der auch in manch anderen Studiengängen hoch, aber womit verbringt ein Chemie-Student seine Zeit? Wird diese wirklich effektiv genutzt, d. h. lernt er bezogen auf den Zeitaufwand auch wirklich was oder "schuftet" er eher? Letzteres scheint meiner Meinung zu überwiegen und das müsste man ändern.


Dazu kommt, wie gesagt, das Betreuungsproblem. Irgend jemand muss anleiten. Nun gibt es aber leider sowohl unwillige, und bezgl. der Lehre weniger gute Doktoranden, als auch Studenten zweifelhafter Couleur.


Ja, das kennt jeder. Aber wahrscheinlich hängt das mit dem oben Gesagten zusammen: Schlecht ausgebildete, unmotivierte Studenten sind die Horror-Assis von morgen.


Mir scheint das entscheidende für eine gute Chemieausbildung, dass exzellentes Lehrpersonal eingestellt wird.
Die Praktikumsleiter sollten sich um ihr Praktikum auch kümmern und diese nicht nur von mehr oder weniger lustlosen Assis betreuen lassen.


Und nicht nur das: Es muss vor dem Studium eine Auswahl der Studenten geben. Nur motivierte und engagierte Studenten betreut man gerne. Nur aus diesen werden später gute Assis.


Ich sehe auch keine Notwendigkeit Grundstudiumsvorlesungen von Profs. halten zu lassen. Die sollte man zu Gunsten des Hauptstudiums und Diplomandenbetreuung davon freistellen.
Wenn man gutes Lehrpersonal hat, dann erübrigt sich auch teilweise die Frage nach den Inhalten, weil engagierte Leute sich automatisch darum kümmern, dass die Inhalte entstaubt, sinnreicher, verständlicher und relevanter werden - man muss sie dann aber auch lassen.

Klar, dann muss aber auch die Deckelung der Gehälter aufhören. Sonst gehen die guten Leute woanders hin. Vielleicht helfen dabei auch Studiengebühren, die man ja nicht nur zum Kauf neuer Bücher / Laborausstattung einsetzen könnte.

Mookie
19.02.2005, 16:34
Und ich dachte schon nur an unsrer Uni wären die Praktikas so scheiße. Das beruhigt mich ja echt, dass es anderen auch so geht. Vor allem der präparative Teil im AC-1 Praktikum war bei uns sehr sinnlos. Eine Versuchsvorschrift aus nem Buch, drei Assistenten mit 3 weiteren verschiedenen Vorschriften, Assis streiten sich vor Studenten wer nun recht hat. Student macht irgendwas. Ausbeute: 0.5% Ganz klasse. Was hat Student also gelernt: Chemie funktioniert einfach nicht. Super
toller Satz eines Assis war auch mal: " Naja Chemie brauch halt seine Zeit. Manche Sachen muss man halt mal zwei Wochen lang kochen und dann nen Monat in den Kühlschrank legen, damit was ausfällt" Einfach herrlich, da bekommt man echt lust weiterzustudieren.

zarathustra
19.02.2005, 17:50
Mal 'ne ganze ehrlich gemeinte Frage an jhl:
Du studierst noch nicht Chemie, oder?
Deine Vorschläge wirken nämlich nicht wirklich so...
Zitat von jhl
Chemie ist eine praktische Naturwissenschaft. Dem muss mehr Rechnung getragen werden. Anstatt Lehrbücher auswendig zu lernen und in Vorlesungen mit Faktenwissen aus dem 19. Jahrhundert bombardiert zu werden und nebenbei in Praktika historische Versuche in kürzester Zeit nachzuahmen, sollte das Studium nur noch aus Forschungspraktika (denn das ist die berufliche Realität für den angehenden Chemiker und darauf sollte eine gute Ausbildung zielen) bestehenHast Du Dich mal ernsthaft mit dem Job eines Wissenschaftlers auseinandergesetzt? Glaubst Du, dass die fertigen Chemiker hier im Forum wirklich den Tag im Labor stehen? Dafür gibt es entsprechend ausgebildete Laboranten und TAs. Und wer - wenn nicht die Chemiker - soll sich noch mit Theorie auskennen?
Zitat von jhl
Jeder Student wird einem Doktoranden zugeteilt und von ihm angelernt. Dabei lernt der Student ganz automatisch nicht nur praktisch-handwerkliche Fähigkeiten, sondern auch die Theorie, die benötigt wird, nicht mehr und nicht weniger.Das bedeutet also, dass ich meinetwegen eine Ozonolyse nicht kennen muss, weil ich sowas noch nie praktiksch gemacht habe?
Zitat von jhl
Wozu eigentlich noch Vorlesungen? Diese dienen in ihrer Pompösität doch vor allem der Glorifizierung des Professors und nehmen den Studenten viel Zeit weg, dass sie fürs Lernen der wirklich wichtigen Dinge bräuchten.Kannst Du Dir eigentlich vorstellen, wieviel Zeit es brauchen würde, Dir den Stoff einer Vorlesung selbständig zu erarbeiten? Außerdem weißt Du nicht, was wirklich relevant ist...
Zitat von jhl
Wozu Übungsblätter? Kann man doch alles im Labor lernen, indem man die anfallenden Aufgaben aus dem richtigen Leben (für den Chemiker ist das nunmal das Labor) einfach macht und sich evtl. von Doktoranden erklären lässt.Vielleicht, damit Du das Gelernte anwendest und damit übst? Nur weil Du eine Reaktion mal an einem bestimmten Beispiel durchgeführt hast, kennst Du Ihre Bedeutung immernoch nicht...Außerdem kann man nicht bei jedem Assi alles Relevante lernen, nur weil man z.B. mal 'n paar Reaktionen aus der Zuckerchemie gemacht hat, kennt man sich nicht damit aus...
Zitat von jhl
Wozu vorlesungsfreie Zeit? Gibt's doch dann nicht mehr und damit keine Möglichkeit als Student zu Hause vor den Büchern zu versauern. Statt dessen learning by doing im Labor.Es gibt z.B. Studenten, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und in der vorlesungsfreien Zeit auch arbeiten. Hast Du an sowas mal gedacht? Außerdem habe ich nicht den Eindruck, dass Du schonmal ein wirkliches Praktikum gemacht hast, wo Du von morgens bis abends im Labor gestanden hast. Dann hast Du nämlich abends garantiert keine Lust mehr, Dich nochmal genau mit den verschiedenen Reaktionen und ihren Mechanismen auseinander zu setzten! Solche Sachen lernt man meistens doch in der vorlesungsfreien Zeit.
Zitat von jhl
Und wenn auch nicht alles auf Anhieb klappt: Trial and error ist eine sehr effektive Methode zu lernen.Kannst Du Dir vorstellen, wie motivierend es ist, bei einem Doktoranden fünf mal die gleiche Reaktion mit verschiedenen Edukten zu kochen, damit er was für seine Dr.-Arbeit hat, die Reaktionen aber natürlich noch nicht beschrieben sind, es keine physikalischen Daten für die Produkte gibt ("wie reinige ich den sch... nun auf?") und sich nach zweifacher Säulenchromatographie mit 1,5 m langen Säulen dann herausstellt, dass das gewünschte Produkt nicht entstanden ist...
Da ist es doch besser, irgendwelche typischen Präparate zu kochen, die man seit 100 Jahren so herstellt, um daran zumindest die grundlegenden Techniken kennen zu lernen. Mit diesen antiquarischen Präparaten bleiben zumindest solche Situationen die Ausnahme:
Zitat von jhl
Präparate, die man mehrmals machen muss, weil die Versuchsvorschrift nicht stimmt oder weil sie einfach schlecht funktionieren etc. sind euch sicherlich bekannt.

Ich habe insgesamt den Eindruck, dass Du Deine Vorschläge nicht richtig durchdacht hast und Dir teilweise selbst wiedersprichst:
- Du kannst nicht alle Synthesen, die man kennen sollte, praktisch durchführen
- es gefällt Dir nicht, dass es Präparate gibt, die nicht klappen, weil das demotiviert
- gleichzeitig möchtest Du eher Forschungspraktika, wo die Chance einer gut klappenden Reaktion viel geringer ist und Du keine ordentlichen Vorschriften findest
- es soll keine Vorlesungen mehr geben, sich den Stoff aber selbst anzueignen, kann nicht klappen, vor allem nicht, wenn man keine vorlesungsfreie Zeit hat
- außerdem müssen nicht wenige Studis in der VL-freien Zeit arbeiten, gerade wenn es jetzt noch Studiengebüren gibt, wird es für einige echt hart
- Du regst Dich über Fehlerrehnung auf, diese ist aber durchaus sinvoll (und man kann sie einfach am PC machen)

Gruß,
Zarathustra

nobody
19.02.2005, 17:55
Was sagen die berufserfahrenen Chemiker dazu? Was müsste sich ihrer Meinung nach ändern?

curly2vok
26.05.2005, 22:24
echt interessanter Thread. Also ich bin mitten im Studium (Lehramt allerdings) und finde es hier klasse.
Hier werden die Vorlesungen mit den Praktikas gekoppelt. Zum Beispiel haben wir in OC Diels Alder reaktionen behandelt und hatten dann hinterher einen Versuch dazu im Labor.
Unsere Assis sind immer der Professor, Doktoranden, CTA (wenn wir eine haben) und Studenten der hoeheren Semster. Das klappt super. Das Skript ist klasse und uns wird geholfen. Die Studenten sind immer welche die Ahnung davon haben (also nicht durchgefallen sind). Klar wissen die nicht alles, aber bei den meisten Sachen koennen sie helfen. Man soll ja auch mal selber denken. :P
Die Versuche sind gut, die Vorbereitung laeuft prima.

Ich ab zum Beispiel zur Zeit das PC Praktikum. Da haben wir die Molmasse nach Beckmann bestimmt. MIt einem Beckmann Thermometer. Da hatte ich zur Vorbereitung nachgelesen das das heut kaum noch Anwendung findet. Als ich den Assistenten fragte sagte der uns das das stimmt, aber mit den neumodischen Apparaturen und Geraeten steckt man was rein und es kommt was raus und man weiß nicht was passiert ist. Deshalb machen wir das so wie vor 50 Jahren. Und das ist ok. Ich will doch das Prinzip verstehen.

Und was mehr Praktikas angeht. Ich weiß nicht wie es euch geht. Aber als Lehramtsstudent habe ich oft ca. 24SWS (ohne Hausaufgaben, vor und nachbereitung). Wenn ich dann pro Woche mehr als 10 Stunden ins Labor muss bin ich alle. PC praktikum ist nicht so schlimm. da haben wir einen Versuch pro Woche und den Tag koennen wir uns aussuchen, aber OC war als Block mitten im Semester und AC war im Semester.