buba
28.07.2001, 17:02
Warum wir nicht treu sein können
Volkssport Seitensprung
Boris Becker ist nicht allein. Die meisten von uns nehmen es mit der Treue nicht so genau. FREMDGEHEN ist für viele ein Kavaliersdelikt. Kaum einer rechnet mit einem Skandal und der privaten Katastrophe — man lässt sich einfach nicht erwischen...
Es ist Punkt 12.15 Uhr, Mittagspause bis 14.30 Uhr, und Martin, der seinen Wagen in der Tiefgarage geparkt hat und jetzt mit schnellen Schritten die Hotelhalle durchquert, wird von der freundlichen Empfangsdame bereits erwartet. „Schön, Sie wieder begrüßen zu dürfen“, lächelt sie. „Ihre Gattin ist bereits auf dem Zimmer. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“ – „Danke“, sagt Martin, „den werd’ ich sicher haben.“
Die Gattin hat inzwischen geduscht und den Champagner kaltgestellt. Als er klopft, öffnet sie die Tür, wie er es erwartet – nackt, lächelnd, bereit. Es geht sofort zur Sache. Um 14.10 Uhr rollt er sich von ihrem lustvoll verschwitzten Körper, küsst seine Lieblingsstelle, das kleine Grübchen, da, wo ihr Rücken in den Po übergeht. Ciao, mein Schatz, bis nächste Woche.
Als sie unter der Dusche steht, fährt Martin, im wahren Leben Texter in einer Werbeagentur, bereits seinen Wagen aus der Tiefgarage. Eine Viertelstunde später sitzt er mit Kollegen in einer Konferenz – als ob nichts geschehen wäre.
Martin, der zu Hause bei seiner reizenden Freundin natürlich anders heißt, liegt voll im Trend, denn 38 Prozent aller Frauen und 42 Prozent aller Männer, so das Ergebnis verschiedener Umfrage, haben ihren Partner schon einmal betrogen. Gleichzeitig halten fast 70 Prozent aller Befragten Treue für den wichtigsten Wert in ihrem Leben – vermutlich die Treue ihres Partners, nicht die eigene. Für Seitensprünge gilt: Fast jeder will sie, aber keiner gönnt sie seinem Partner“, erzählt die 29-jährige Katja S., eine zufriedene Ehefrau mit viel aushäusiger Spielzeit. Die verbringt sie mit dem freien Journalisten Falco M., oft unterwegs und horizontal genauso wenig ausgelastet wie sie. Auch sie ist Expertin in puncto Tageszimmer. Zuckt nicht mehr zusammen, wenn sie „Gepäck dabei, gnädige Frau?“ gefragt wird. „Diesmal nicht“, erwidert sie fröhlich. Es ist ihr völlig egal, ob ihr die Etagenkellner die ehebrecherische Absicht von der glatten Stirn ablesen. Hotelzimmertür zu, Fernseher auf Musik, Flasche Champagner geköpft, die kleinen Proseccofläschchen in der Minibar sind zu teuer, und ab geht die Post.
„Es klingt total abgebrüht“, sagt Katja, „aber ich habe überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei. Wir haben alle etwas davon. Falco und ich sowieso, aber auch mein Mann und Falcos Freundin, weil sie von unserer sexuellen Ausgeglichenheit profitieren. Auch und gerade im Bett. Unsere Beziehungen haben wieder Glanz, seitdem wir miteinander fremdgehen.“ Liegt das Bedürfnis nach Standbein-Spielbein-Akrobatik möglicherweise in unserer Biologie? Ist Monogamie vielleicht sogar wider die Natur, eine „Tyrannei der Intimität“, wie sie der amerikanische Soziologe Richard Sennett nennt? Sind also alle Lebewesen eigentlich polygam geplant? Scheidungsstatistiken (fast jede zweite Ehe wird geschieden) und neue Forschungen in der Tierwelt legen diesen Verdacht nahe.
Bislang versuchten uns die meisten Zoologen weiszumachen, dass Tiere, die kopulieren, ein Nest bauen und Nachwuchs aufziehen, ihrem Partner sexuell treu sind. Das Gegenteil aber ist der Fall. Die meisten Tiere sind so monogam wie die Zigarre von Bill Clinton.
Vögel zum Beispiel vögeln richtig gern, und zwar am allerliebsten in fremden Revieren. Noch vor kurzem hielten Ornithologen mindestens 90 Prozent aller Vogelarten für monogam, doch nach einer genetischen Prüfung von 32 Kohlmeisen stellte sich heraus, dass 30 Prozent der Kohlmeisen und sogar 65 Prozent der australischen Zaunkönige ihre Männchen betrügen. Nichts ahnende Vogelväter betreuen liebevoll den genfremden Nachwuchs.
Doch damit nicht genug: Nur 3 Prozent aller Säugetiere leben monogam. Bei den Primaten sind es immerhin 15 Prozent. Aber auch bei ihnen überführen Wissenschaftler immer neue Spezies des Seitensprungs. So auch die Gibbons, die lange als treu galten. Doch sind die kleinen Affen ganz besonders geschickte Ehebrecher.
Monogamie – das kann man daraus lernen – sollten wir nicht allzu eng sehen. Nur wenige Tiere wie das Seepferdchen sind ihrem Partner lebenslänglich treu. Die meisten gehen fremd. Sich ein Häppchen gönnen, sagt der Schwule dazu.
Wissenschaftler schätzen, dass rund 10 bis 15 Prozent, fast jedes sechste Kind, das Ergebnis eines heimlich genossenen „Häppchens“ ist, also nicht von seinem genetischen Vater aufgezogen wird. Davon geht die Welt nicht unter. Wir Frauen – „Schwachheit, dein Nam’ ist Weib“ (Shakespeare) – sind also genauso liederlich lustvoll wie unsere Männer. Den Begriff Kuschelsex hat sich mit Sicherheit ein Mann ausgedacht.
Dorothee ist 51 Wochen im Jahr solide Partnerin eines Rechtsanwalts. Einmal im Jahr verreist sie allein, bevorzugt in Metropolen im südlichen Europa, und gönnt sich in der 52. Woche einen Seitensprung.
„In fremden Städten vögelt es sich gut“, erklärt sie, „jedenfalls besser als im ,Club Méditerranée‘, wo man den ganzen Tag im Liegestuhl und am Büfett verbringt.“ Sie guckt sich ihren potenziellen Freudenspender in Straßencafés oder in Museen aus und spricht ihn an: „Ich bin eine Woche hier. Allein. Hast du Interesse?“ Die meisten haben.
Fast jeder, der in einer langen Beziehung steckt, hat Lust auf Abwechslung. Die Gründe: horizontale Monotonie, Alltagssorgen, Kinderstress. „Das kann doch nicht alles gewesen sein / das bisschen Windeln und Kinderschrei’n“, reimte Liedermacher Wolf Biermann vor 3o Jahren. „Ich will noch ’n bisschen was Blaues sehn / und ich will noch paar eckige Runden drehn.“ Kommt Ihnen bekannt vor?
Als die Journalistin Pia N. Jordani zwecks Recherche eine Anzeige mit dem Wortlaut: „Gebunden und trotzdem allein? Flotte Sie, 42, möchte dich kennenlernen“ aufgab, bekam sie 104 Zuschriften, die sie in ihrem Buch „Deiner auch?! Gebunden sein – Gebunden bleiben – Der Trend zur Zweitbeziehung“ auswertet. Fazit: Fast alle, die in einer festen Partnerschaft leben, sehnen sich nach einer Affäre. Nach Sekt auf nackter Haut, nach Essen bei Kerzenschein.
Ehe ist wie Schlittschuhlaufen. Es gibt die öde Pflicht. Und es gibt die Lust auf die Kür. Beides gehört dazu.
„Ich sehe sofort, wenn eine Frau bereit ist“, behauptet Martin, „sie hat dann diesen Blick in den Augen, dieses Funkeln. Ich spreche sie an, manchmal ganz direkt.
Ich sage: Ich habe unheimliche Lust, mit dir zu schlafen. Ich gebe ihr meine Handynummer und gehe. Dann liegt es an ihr.“ Seitensprünge sind wie Fingerabdrücke. Jeder hat einen anderen. Der eine springt oft, der andere selten, der eine entsorgt das Alte, bevor er das Neue beginnt, der andere springt wild durcheinander. Der eine quält sich mit Schuldgefühlen und tut es trotzdem, der andere würde gern, aber verkneift es sich. Oder er würde gern, aber keiner fragt ihn.
Wer es nicht tut, träumt davon. Wer nicht davon träumt, ist Bigamist. Seitenspringen kann jeder.
Ralph, 34, ist keiner, dessen Optik als sexuelle Visitenkarte funktioniert. Er ist klein, mit leichtem Bauchansatz, sein Haaransatz flieht. Trotzdem hat er Frauen ohne Ende, und die verdankt er einer schlichten, leider universell zutreffenden Tatsache: Die meisten Frauen haben selten einen richtig schönen Orgasmus. Da viele dieser Frauen Partner haben, folgt daraus, dass die meisten Männer nicht im Stande sind, ihren Partnerinnen einen schönen Orgasmus zu verschaffen. Umso beglückter sind sie deshalb, dass es Ralph gibt. Wo andere Männer ungeschickt herumschrammeln, greift er virtuos in die Tasten. Da er dies auch regelmäßig bei seiner Freundin tut, hat sie keinen Grund, an seiner Treue zu zweifeln.
Ralph ist ein glücklicher Mann, weil er die Grundregeln des Seitenspringens perfekt beherrscht. Am meisten Spaß macht Fremdgehen, so seine langjährige Erfahrung, wenn beide solide verbandelt sind, denn dann entstehen keine einseitigen Besitzansprüche.
„Wenn du merkst, dass es eng wird, dass sie oder er mehr will, dann heißt es: sofort Schluss machen. Sonst brodelt ein Häschen auf deinem Küchenherd wie bei ,Verhängnisvolle Affäre‘.“
Ein Hollywoodfilm übrigens, der mehr für die vorübergehende männliche Treue getan haben soll als die Erfindung des scharfen Küchenmessers.
Es ist so einfach. Man sieht, man gefällt, man verabredet sich. Was heutzutage ja cool und easy ist. Keine postlagernden Briefe wie zu Omas, kein Zweimal-kurz- einmal-lang am häuslichen Festnetzanschluss wie zu Muttis Zeiten. SMS an den Lover getippt, kurz die Mailbox gecheckt, dabei dem Gatten zugelächelt – tut mir Leid, Schatz, ich bin sofort für dich da –, und mit der Vorfreude auf ein kleines, sündiges Dessert schmeckt der häusliche Eintopf gleich noch mal so gut.
Denn nach dem heimlichen Treffen, am besten in der Mittagspause, da erstens unverfänglich und zweitens zeitlich begrenzt, gehen beide gut durchblutet wieder nach Hause, bestens gelaunt und mit der leichten Prise Schuldgefühl, die einen Ehealltag durchaus beleben kann.
Da Ralph durch extreme berufliche Beanspruchung im Augenblick sexuell nicht ganz so belastbar ist wie früher, muss er – um seine Freundin nicht misstrauisch zu machen – gelegentlich auf die volle Befriedigung außer Haus verzichten und hat die erstaunliche Feststellung gemacht, dass dies seine Liaisons noch heißer macht als sonst. „Wenn ich sage, ich muss mich leider für zu Hause aufsparen“, so Ralph, „fallen sie richtig über mich her. Ich nenne dies das Schwule-Priester-Prinzip: die Lust aufs Unerreichbare.“
Tatsache ist: Wer länger liiert ist – Ausnahmen bestätigen die Regel –, hat Lust auf Abwechslung. Wir essen ja auch nicht jeden Tag Bratkartoffeln mit Sülze. Wir reisen nicht jedes Jahr nach Westerland. Wir variieren. Wir sind flexibel, neugierig, wissensbedürftig. Wir testen unsere Grenzen. Wir haben keine Vorurteile. In jedem anderen Bereich gilt dies als positiv. Nur im Sexuellen nicht. Da wird Einseitigkeit erwartet, Treue bis zum Tod. Da stehen wir verklemmt im Hotel und verlangen ein Tageszimmer und beten, dass wir keine Bekannten treffen, wenn wir uns mit dem Subjekt unserer geheimen Lust ein paar nette Stunden machen wollen. Da denken wir uns die abenteuerlichsten Ausreden von längst verschollenen Cousinen aus, die wir ganz dringend mal wieder besuchen müssen. Da erfinden wir imaginäre Tagungen, möglichst fern der Heimat, und müssen uns dann auf der Heimreise mühsam anlesen, worüber wir am häuslichen Herd erzählen wollen. „Also, das Thema ,Hormone – Last oder Lust?‘, ich sage euch: su-per-span-nend!“
Wie bei Kai, ebenfalls versiert im heimlichen Spagat zwischen Hauptfrau und wechselnden Nebenfrauen, der kürzlich an einem aufgeknüpften Bettlaken aus dem im dritten Stock gelegenen Balkon seines Lunch-„Häppchens“ hing. Grund? Ein überraschend aufgetauchter Ehemann. „Ich baumelte vor der Nachbarin herum, nur in Boxershorts“, erzählt er und kann heute darüber lachen. „Meine Süße trat kurz auf den Balkon und warf meinen Autoschlüssel auf den Rasen. Halbnackt fuhr ich zu einem Kaufhaus und kleidete mich neu ein. Meiner Freundin erzählte ich, mir seien die Klamotten im Fitnessclub geklaut worden.“
Carla, eine junge, grüne Witwe mit zwei niedlichen Kindern – Gott sei Dank inzwischen schulpflichtig –, hat seit zwei Jahren einen ebenfalls glücklich verheirateten Lover, mit dem sie sich in einem Hotel in der Innenstadt trifft. Einmal im Monat, Carla ist nicht unbescheiden. Da Loverboy als Pharmareferent mit dem Firmenwagen anreist, parkt er ihn an der Parkuhr, die direkt vor dem Hotel liegt. Leider ist die Parkzeit dort auf 3o Minuten begrenzt. „Dann muss er raus und wieder nachstecken“, kichert Carla. „Ein Ticket, das womöglich nach Hause geschickt wird, kann er sich schließlich nicht leisten.“ Seitenspringen kann richtig anstrengend sein. Wo hört Treue auf, wo beginnt der Verrat? Wenn du unsicher bist, ob du fremdgegangen bist, empfehlen Paartherapeuten ganz im Ernst: „Frag einfach deinen Partner.“ Tolle Idee.
„Schatz, ich habe heute meinen Chef geküsst, aber ich hab’ dabei die ganze Zeit an dich gedacht, bin ich fremdgegangen?“ – „Aber nein, mein Engelchen.“
Männer sagen gern, dass Männer nichts dafür können, wenn sie sich ein Häppchen gönnen. Reine Biologie. So viel Sperma. Milliarden kleine Fäden, vollgepackt mit super Genmaterial. Soll das alles an eine einzige Frau verschwendet werden? Frauen dagegen haben nur eine sehr begrenzte Eimenge, nix zum Verstreuen.
Weibliche Tiere waren jahrhundertelang für die Tierforscher uninteressant, sie galten nur „als Gefäß für seinen Samen, als demütige Brüterinnen und Hüterinnen“ (Geo). Verhaltensforschung war Machobereich. Tja, Jungs, das war wohl nix. Jetzt wissen wir: Auch weibliche Promiskuität zahlt sich aus! Weibchen von Präriehunden zum Beispiel haben gesünderen Nachwuchs und weniger Fehlgeburten, wenn sie mehrere Begatter haben und sich den optimalen Spermaspender aussuchen.
Unsere Vorväter bauten nicht auf weibliche Treue. Sie wussten, dass wir von den Primatinnen eine starke Sexualität geerbt haben. Wenn ein Schimpansenweibchen in Hitze ist, wird es von allen Männchen ihrer Sippe begattet. Eine von der Verhaltensforscherin Jane Goodall beobachtete Schimpansin kopulierte an acht Tagen
84-mal mit sieben Partnern.
Wenn sich das ein Menschenweibchen traute, würde sie als sexsüchtig in die Psychiatrie eingeliefert.
Warum können wir also dieses Thema nicht einfach einen Tick tiefer hängen? Warum erlauben wir unserem Partner vierhändige Massagen von Ayurveda, aber keine zweihändigen von Annika? Warum muss jeder aushäusige Beischlaf – allein das Wort wiegt schon schwer wie Blei – vor ein moralisches Kriegsgericht? Warum quälen wir uns mit Eifersucht, wo uns ein bisschen Gelassenheit das Leben so erleichtern würde? Warum sind wir nicht ein bisschen französischer und genießen unsere Cinq à Septs, wie jenseits des Rheins die nachmittäglichen Schäferstündchen heißen? Ein bisschen italienischer, ein bisschen afrikanischer? Nicht nur „der Schwarze schnackselt gern“.
Martin ist nach vielen Hotelbesuchen vorübergehend zwangsmonogam. Seine Freundin hatte die Adresse seines jüngsten Seitensprungs in Martins Notizbuch entdeckt. Es gab Tränen, Streit und schließlich ein Telefonat zu dritt, in dem Martin bei laut gestelltem Telefon seiner Liaison den Laufpass geben musste. Die Beziehung der beiden hat es überlebt. „Und zumindest unser Sex“, sagt Martin, „ist seit diesem reinigenden Gewitter wieder so spannend wie kurz nach unserem Kennenlernen.“
Mitarbeit: Dietmar Denger,
Stefanie Hellge, Oliver Fischer
aus: http://www.max.de/reportagen/seitensprung/index.html
Volkssport Seitensprung
Boris Becker ist nicht allein. Die meisten von uns nehmen es mit der Treue nicht so genau. FREMDGEHEN ist für viele ein Kavaliersdelikt. Kaum einer rechnet mit einem Skandal und der privaten Katastrophe — man lässt sich einfach nicht erwischen...
Es ist Punkt 12.15 Uhr, Mittagspause bis 14.30 Uhr, und Martin, der seinen Wagen in der Tiefgarage geparkt hat und jetzt mit schnellen Schritten die Hotelhalle durchquert, wird von der freundlichen Empfangsdame bereits erwartet. „Schön, Sie wieder begrüßen zu dürfen“, lächelt sie. „Ihre Gattin ist bereits auf dem Zimmer. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“ – „Danke“, sagt Martin, „den werd’ ich sicher haben.“
Die Gattin hat inzwischen geduscht und den Champagner kaltgestellt. Als er klopft, öffnet sie die Tür, wie er es erwartet – nackt, lächelnd, bereit. Es geht sofort zur Sache. Um 14.10 Uhr rollt er sich von ihrem lustvoll verschwitzten Körper, küsst seine Lieblingsstelle, das kleine Grübchen, da, wo ihr Rücken in den Po übergeht. Ciao, mein Schatz, bis nächste Woche.
Als sie unter der Dusche steht, fährt Martin, im wahren Leben Texter in einer Werbeagentur, bereits seinen Wagen aus der Tiefgarage. Eine Viertelstunde später sitzt er mit Kollegen in einer Konferenz – als ob nichts geschehen wäre.
Martin, der zu Hause bei seiner reizenden Freundin natürlich anders heißt, liegt voll im Trend, denn 38 Prozent aller Frauen und 42 Prozent aller Männer, so das Ergebnis verschiedener Umfrage, haben ihren Partner schon einmal betrogen. Gleichzeitig halten fast 70 Prozent aller Befragten Treue für den wichtigsten Wert in ihrem Leben – vermutlich die Treue ihres Partners, nicht die eigene. Für Seitensprünge gilt: Fast jeder will sie, aber keiner gönnt sie seinem Partner“, erzählt die 29-jährige Katja S., eine zufriedene Ehefrau mit viel aushäusiger Spielzeit. Die verbringt sie mit dem freien Journalisten Falco M., oft unterwegs und horizontal genauso wenig ausgelastet wie sie. Auch sie ist Expertin in puncto Tageszimmer. Zuckt nicht mehr zusammen, wenn sie „Gepäck dabei, gnädige Frau?“ gefragt wird. „Diesmal nicht“, erwidert sie fröhlich. Es ist ihr völlig egal, ob ihr die Etagenkellner die ehebrecherische Absicht von der glatten Stirn ablesen. Hotelzimmertür zu, Fernseher auf Musik, Flasche Champagner geköpft, die kleinen Proseccofläschchen in der Minibar sind zu teuer, und ab geht die Post.
„Es klingt total abgebrüht“, sagt Katja, „aber ich habe überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei. Wir haben alle etwas davon. Falco und ich sowieso, aber auch mein Mann und Falcos Freundin, weil sie von unserer sexuellen Ausgeglichenheit profitieren. Auch und gerade im Bett. Unsere Beziehungen haben wieder Glanz, seitdem wir miteinander fremdgehen.“ Liegt das Bedürfnis nach Standbein-Spielbein-Akrobatik möglicherweise in unserer Biologie? Ist Monogamie vielleicht sogar wider die Natur, eine „Tyrannei der Intimität“, wie sie der amerikanische Soziologe Richard Sennett nennt? Sind also alle Lebewesen eigentlich polygam geplant? Scheidungsstatistiken (fast jede zweite Ehe wird geschieden) und neue Forschungen in der Tierwelt legen diesen Verdacht nahe.
Bislang versuchten uns die meisten Zoologen weiszumachen, dass Tiere, die kopulieren, ein Nest bauen und Nachwuchs aufziehen, ihrem Partner sexuell treu sind. Das Gegenteil aber ist der Fall. Die meisten Tiere sind so monogam wie die Zigarre von Bill Clinton.
Vögel zum Beispiel vögeln richtig gern, und zwar am allerliebsten in fremden Revieren. Noch vor kurzem hielten Ornithologen mindestens 90 Prozent aller Vogelarten für monogam, doch nach einer genetischen Prüfung von 32 Kohlmeisen stellte sich heraus, dass 30 Prozent der Kohlmeisen und sogar 65 Prozent der australischen Zaunkönige ihre Männchen betrügen. Nichts ahnende Vogelväter betreuen liebevoll den genfremden Nachwuchs.
Doch damit nicht genug: Nur 3 Prozent aller Säugetiere leben monogam. Bei den Primaten sind es immerhin 15 Prozent. Aber auch bei ihnen überführen Wissenschaftler immer neue Spezies des Seitensprungs. So auch die Gibbons, die lange als treu galten. Doch sind die kleinen Affen ganz besonders geschickte Ehebrecher.
Monogamie – das kann man daraus lernen – sollten wir nicht allzu eng sehen. Nur wenige Tiere wie das Seepferdchen sind ihrem Partner lebenslänglich treu. Die meisten gehen fremd. Sich ein Häppchen gönnen, sagt der Schwule dazu.
Wissenschaftler schätzen, dass rund 10 bis 15 Prozent, fast jedes sechste Kind, das Ergebnis eines heimlich genossenen „Häppchens“ ist, also nicht von seinem genetischen Vater aufgezogen wird. Davon geht die Welt nicht unter. Wir Frauen – „Schwachheit, dein Nam’ ist Weib“ (Shakespeare) – sind also genauso liederlich lustvoll wie unsere Männer. Den Begriff Kuschelsex hat sich mit Sicherheit ein Mann ausgedacht.
Dorothee ist 51 Wochen im Jahr solide Partnerin eines Rechtsanwalts. Einmal im Jahr verreist sie allein, bevorzugt in Metropolen im südlichen Europa, und gönnt sich in der 52. Woche einen Seitensprung.
„In fremden Städten vögelt es sich gut“, erklärt sie, „jedenfalls besser als im ,Club Méditerranée‘, wo man den ganzen Tag im Liegestuhl und am Büfett verbringt.“ Sie guckt sich ihren potenziellen Freudenspender in Straßencafés oder in Museen aus und spricht ihn an: „Ich bin eine Woche hier. Allein. Hast du Interesse?“ Die meisten haben.
Fast jeder, der in einer langen Beziehung steckt, hat Lust auf Abwechslung. Die Gründe: horizontale Monotonie, Alltagssorgen, Kinderstress. „Das kann doch nicht alles gewesen sein / das bisschen Windeln und Kinderschrei’n“, reimte Liedermacher Wolf Biermann vor 3o Jahren. „Ich will noch ’n bisschen was Blaues sehn / und ich will noch paar eckige Runden drehn.“ Kommt Ihnen bekannt vor?
Als die Journalistin Pia N. Jordani zwecks Recherche eine Anzeige mit dem Wortlaut: „Gebunden und trotzdem allein? Flotte Sie, 42, möchte dich kennenlernen“ aufgab, bekam sie 104 Zuschriften, die sie in ihrem Buch „Deiner auch?! Gebunden sein – Gebunden bleiben – Der Trend zur Zweitbeziehung“ auswertet. Fazit: Fast alle, die in einer festen Partnerschaft leben, sehnen sich nach einer Affäre. Nach Sekt auf nackter Haut, nach Essen bei Kerzenschein.
Ehe ist wie Schlittschuhlaufen. Es gibt die öde Pflicht. Und es gibt die Lust auf die Kür. Beides gehört dazu.
„Ich sehe sofort, wenn eine Frau bereit ist“, behauptet Martin, „sie hat dann diesen Blick in den Augen, dieses Funkeln. Ich spreche sie an, manchmal ganz direkt.
Ich sage: Ich habe unheimliche Lust, mit dir zu schlafen. Ich gebe ihr meine Handynummer und gehe. Dann liegt es an ihr.“ Seitensprünge sind wie Fingerabdrücke. Jeder hat einen anderen. Der eine springt oft, der andere selten, der eine entsorgt das Alte, bevor er das Neue beginnt, der andere springt wild durcheinander. Der eine quält sich mit Schuldgefühlen und tut es trotzdem, der andere würde gern, aber verkneift es sich. Oder er würde gern, aber keiner fragt ihn.
Wer es nicht tut, träumt davon. Wer nicht davon träumt, ist Bigamist. Seitenspringen kann jeder.
Ralph, 34, ist keiner, dessen Optik als sexuelle Visitenkarte funktioniert. Er ist klein, mit leichtem Bauchansatz, sein Haaransatz flieht. Trotzdem hat er Frauen ohne Ende, und die verdankt er einer schlichten, leider universell zutreffenden Tatsache: Die meisten Frauen haben selten einen richtig schönen Orgasmus. Da viele dieser Frauen Partner haben, folgt daraus, dass die meisten Männer nicht im Stande sind, ihren Partnerinnen einen schönen Orgasmus zu verschaffen. Umso beglückter sind sie deshalb, dass es Ralph gibt. Wo andere Männer ungeschickt herumschrammeln, greift er virtuos in die Tasten. Da er dies auch regelmäßig bei seiner Freundin tut, hat sie keinen Grund, an seiner Treue zu zweifeln.
Ralph ist ein glücklicher Mann, weil er die Grundregeln des Seitenspringens perfekt beherrscht. Am meisten Spaß macht Fremdgehen, so seine langjährige Erfahrung, wenn beide solide verbandelt sind, denn dann entstehen keine einseitigen Besitzansprüche.
„Wenn du merkst, dass es eng wird, dass sie oder er mehr will, dann heißt es: sofort Schluss machen. Sonst brodelt ein Häschen auf deinem Küchenherd wie bei ,Verhängnisvolle Affäre‘.“
Ein Hollywoodfilm übrigens, der mehr für die vorübergehende männliche Treue getan haben soll als die Erfindung des scharfen Küchenmessers.
Es ist so einfach. Man sieht, man gefällt, man verabredet sich. Was heutzutage ja cool und easy ist. Keine postlagernden Briefe wie zu Omas, kein Zweimal-kurz- einmal-lang am häuslichen Festnetzanschluss wie zu Muttis Zeiten. SMS an den Lover getippt, kurz die Mailbox gecheckt, dabei dem Gatten zugelächelt – tut mir Leid, Schatz, ich bin sofort für dich da –, und mit der Vorfreude auf ein kleines, sündiges Dessert schmeckt der häusliche Eintopf gleich noch mal so gut.
Denn nach dem heimlichen Treffen, am besten in der Mittagspause, da erstens unverfänglich und zweitens zeitlich begrenzt, gehen beide gut durchblutet wieder nach Hause, bestens gelaunt und mit der leichten Prise Schuldgefühl, die einen Ehealltag durchaus beleben kann.
Da Ralph durch extreme berufliche Beanspruchung im Augenblick sexuell nicht ganz so belastbar ist wie früher, muss er – um seine Freundin nicht misstrauisch zu machen – gelegentlich auf die volle Befriedigung außer Haus verzichten und hat die erstaunliche Feststellung gemacht, dass dies seine Liaisons noch heißer macht als sonst. „Wenn ich sage, ich muss mich leider für zu Hause aufsparen“, so Ralph, „fallen sie richtig über mich her. Ich nenne dies das Schwule-Priester-Prinzip: die Lust aufs Unerreichbare.“
Tatsache ist: Wer länger liiert ist – Ausnahmen bestätigen die Regel –, hat Lust auf Abwechslung. Wir essen ja auch nicht jeden Tag Bratkartoffeln mit Sülze. Wir reisen nicht jedes Jahr nach Westerland. Wir variieren. Wir sind flexibel, neugierig, wissensbedürftig. Wir testen unsere Grenzen. Wir haben keine Vorurteile. In jedem anderen Bereich gilt dies als positiv. Nur im Sexuellen nicht. Da wird Einseitigkeit erwartet, Treue bis zum Tod. Da stehen wir verklemmt im Hotel und verlangen ein Tageszimmer und beten, dass wir keine Bekannten treffen, wenn wir uns mit dem Subjekt unserer geheimen Lust ein paar nette Stunden machen wollen. Da denken wir uns die abenteuerlichsten Ausreden von längst verschollenen Cousinen aus, die wir ganz dringend mal wieder besuchen müssen. Da erfinden wir imaginäre Tagungen, möglichst fern der Heimat, und müssen uns dann auf der Heimreise mühsam anlesen, worüber wir am häuslichen Herd erzählen wollen. „Also, das Thema ,Hormone – Last oder Lust?‘, ich sage euch: su-per-span-nend!“
Wie bei Kai, ebenfalls versiert im heimlichen Spagat zwischen Hauptfrau und wechselnden Nebenfrauen, der kürzlich an einem aufgeknüpften Bettlaken aus dem im dritten Stock gelegenen Balkon seines Lunch-„Häppchens“ hing. Grund? Ein überraschend aufgetauchter Ehemann. „Ich baumelte vor der Nachbarin herum, nur in Boxershorts“, erzählt er und kann heute darüber lachen. „Meine Süße trat kurz auf den Balkon und warf meinen Autoschlüssel auf den Rasen. Halbnackt fuhr ich zu einem Kaufhaus und kleidete mich neu ein. Meiner Freundin erzählte ich, mir seien die Klamotten im Fitnessclub geklaut worden.“
Carla, eine junge, grüne Witwe mit zwei niedlichen Kindern – Gott sei Dank inzwischen schulpflichtig –, hat seit zwei Jahren einen ebenfalls glücklich verheirateten Lover, mit dem sie sich in einem Hotel in der Innenstadt trifft. Einmal im Monat, Carla ist nicht unbescheiden. Da Loverboy als Pharmareferent mit dem Firmenwagen anreist, parkt er ihn an der Parkuhr, die direkt vor dem Hotel liegt. Leider ist die Parkzeit dort auf 3o Minuten begrenzt. „Dann muss er raus und wieder nachstecken“, kichert Carla. „Ein Ticket, das womöglich nach Hause geschickt wird, kann er sich schließlich nicht leisten.“ Seitenspringen kann richtig anstrengend sein. Wo hört Treue auf, wo beginnt der Verrat? Wenn du unsicher bist, ob du fremdgegangen bist, empfehlen Paartherapeuten ganz im Ernst: „Frag einfach deinen Partner.“ Tolle Idee.
„Schatz, ich habe heute meinen Chef geküsst, aber ich hab’ dabei die ganze Zeit an dich gedacht, bin ich fremdgegangen?“ – „Aber nein, mein Engelchen.“
Männer sagen gern, dass Männer nichts dafür können, wenn sie sich ein Häppchen gönnen. Reine Biologie. So viel Sperma. Milliarden kleine Fäden, vollgepackt mit super Genmaterial. Soll das alles an eine einzige Frau verschwendet werden? Frauen dagegen haben nur eine sehr begrenzte Eimenge, nix zum Verstreuen.
Weibliche Tiere waren jahrhundertelang für die Tierforscher uninteressant, sie galten nur „als Gefäß für seinen Samen, als demütige Brüterinnen und Hüterinnen“ (Geo). Verhaltensforschung war Machobereich. Tja, Jungs, das war wohl nix. Jetzt wissen wir: Auch weibliche Promiskuität zahlt sich aus! Weibchen von Präriehunden zum Beispiel haben gesünderen Nachwuchs und weniger Fehlgeburten, wenn sie mehrere Begatter haben und sich den optimalen Spermaspender aussuchen.
Unsere Vorväter bauten nicht auf weibliche Treue. Sie wussten, dass wir von den Primatinnen eine starke Sexualität geerbt haben. Wenn ein Schimpansenweibchen in Hitze ist, wird es von allen Männchen ihrer Sippe begattet. Eine von der Verhaltensforscherin Jane Goodall beobachtete Schimpansin kopulierte an acht Tagen
84-mal mit sieben Partnern.
Wenn sich das ein Menschenweibchen traute, würde sie als sexsüchtig in die Psychiatrie eingeliefert.
Warum können wir also dieses Thema nicht einfach einen Tick tiefer hängen? Warum erlauben wir unserem Partner vierhändige Massagen von Ayurveda, aber keine zweihändigen von Annika? Warum muss jeder aushäusige Beischlaf – allein das Wort wiegt schon schwer wie Blei – vor ein moralisches Kriegsgericht? Warum quälen wir uns mit Eifersucht, wo uns ein bisschen Gelassenheit das Leben so erleichtern würde? Warum sind wir nicht ein bisschen französischer und genießen unsere Cinq à Septs, wie jenseits des Rheins die nachmittäglichen Schäferstündchen heißen? Ein bisschen italienischer, ein bisschen afrikanischer? Nicht nur „der Schwarze schnackselt gern“.
Martin ist nach vielen Hotelbesuchen vorübergehend zwangsmonogam. Seine Freundin hatte die Adresse seines jüngsten Seitensprungs in Martins Notizbuch entdeckt. Es gab Tränen, Streit und schließlich ein Telefonat zu dritt, in dem Martin bei laut gestelltem Telefon seiner Liaison den Laufpass geben musste. Die Beziehung der beiden hat es überlebt. „Und zumindest unser Sex“, sagt Martin, „ist seit diesem reinigenden Gewitter wieder so spannend wie kurz nach unserem Kennenlernen.“
Mitarbeit: Dietmar Denger,
Stefanie Hellge, Oliver Fischer
aus: http://www.max.de/reportagen/seitensprung/index.html