...und hier zur Anregung oder auch Diskussion ein Artikel aus (m)einer Wochenzeitung "Freitag", aktuelle Ausgabe.
http://www.freitag.de/2004/10/04101101.php
Zum Anfüttern ein paar Thesen aus dem Essay:Der permanente Wettlauf um Produktivitätssteigerung, um Innovationen und neue Produkte hat nichts mehr mit dem Überlebenskampf der Menschen gegen die Naturgewalten, sondern nur noch mit dem Überlebenskampf einzelner Unternehmen zu tun...Die permanente Extensivierung und Intensivierung von Arbeit führt auch dazu, dass die Produktivität der Arbeitnehmer in ihrer Rolle als Eltern, Familienangehörige und Bürger eines Gemeinwesens immer weiter sinkt. Die alltägliche Reproduktion von Kultur vollzieht sich in der Erziehung und Bildung von Kindern, in verlässlichen Freundschaften, in Kommunikation und Interaktion im darüber hinausgehenden sozialen Nahbereich und in der Teilhabe an kommunalen oder politischen Aushandlungsprozessen. All das wird durch die parallel zur wachsenden Arbeits-Produktivität schwindenden Kultur-Produktivität der Menschen erodiert. Bekannte Effekte sind die sich oft in Gewalttätigkeiten äußernde soziale Inkompetenz von Kindern und Jugendlichen, deren - von Berufs- und Hochschulen gleichermaßen beklagte - schlechte Bildungsstand sowie die schwindende Motivation und Zuversicht der jungen Erwachsenen. In den Erwachsenen-Generationen zeigt sich diese Erosion in politischer Apathie, in sich radikalisierenden Ressentiments und in einem Kältestrom resignativer Entsolidarisierung....Eine zukunftsfähige Gesellschaft muss den Menschen mehr Freiheiten bieten, als sie es heute tut. Vor allem muss sie ihnen die Freiheit bieten, über ihre Arbeits- und Lebenszeit mitzubestimmen...Der Kapitalismus braucht, wenn er nicht in Chaos und Terror versinken will, einen neuen Gesellschaftsvertrag. Die Ansprüche der Wirtschaft und die der Gesellschaft, des Gemeinwesens und des Menschen müssen den veränderten Bedingungen folgend, neu ausgehandelt werden.
M.
FK
29.02.2004, 20:09
Irgendwann muss es eine Zeit gegeben haben, da Unternehmen dazu da waren, Waren zu produzieren.
Heutzutage produziert man Aktienkurse.
Und statt fossiler Brennstoffe verheizt man zunehmend Arbeitnehmer.
Die durch die "Freisetzung" von Arbeitnehmern erzielten Gewinne bezahlt die (noch) arbeitende Bevölkerung...
Gruß,
Franz
mp67
11.03.2004, 22:25
In diesem Zusammenhang muß man sich als Wissenschaftler natürlich auch fragen, in wie weit man da selber mitmacht. Der Erfinder dieses Schwachsinns (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,290057,00.html) hat sich da aber offenbar keine Platte gemacht...Gott, ist das alles zum Kotzen.
M.
nobody
11.03.2004, 22:32
Der Erfinder dieses Schwachsinns (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,290057,00.html) hat sich da aber offenbar keine Platte gemacht...Gott, ist das alles zum Kotzen.
Wieso mp? Könntest du das erläutern?
nobody
12.03.2004, 01:00
Was ist los mit dir, mp? Kommt nix mehr? Enttäuscht mich jetzt aber...
upsidedown
12.03.2004, 01:52
nun, da steht ne ganz simple Frage hinter: Willst du in einer Gesellschaft aus einer handvoll Extremoptimierern (=Menschenwegrationalisierern), nem elitären Kader an intellektuellen Wasserträgern, einer Minderheit an Ölnachspritzern und einer Masse an Arbeitslosen die mehr Zeit (und dumme Ideen) als Verstand haben leben?
Wär ein guter Zeitpunkt auszuwandern wenn diese Phantasie nicht leider gleich die ganze Welt im Sinne einer globalen Optimierungstrategie umfassen würde..
Ist es denn soo schwer von A(Artikel) nach B(Realität,Konsequenzen) zu denken? Kann man das von jemandem der studiert erwarten? Die Zweifel, sie wachsen..
nobody
12.03.2004, 02:08
nun, da steht ne ganz simple Frage hinter: Willst du in einer Gesellschaft aus einer handvoll Extremoptimierern (=Menschenwegrationalisierern), nem elitären Kader an intellektuellen Wasserträgern, einer Minderheit an Ölnachspritzern und einer Masse an Arbeitslosen die mehr Zeit (und dumme Ideen) als Verstand haben leben?
Aber keine Maschinen mehr bauen, oder Machinen zerschlagen? Ob das die Probleme löst? Alles schonmal da gewesen.
upsidedown
12.03.2004, 02:21
Alles schonmal da gewesen.
Wo denn?
Und nicht alles im Akkord auf die Spitze treiben zu müssen heisst nicht generell technikfeindlich zu sein. Du redest hier nicht mir einem völlig vergeistigtem Philosophen..
nobody
12.03.2004, 02:29
Wo denn?
Hmm, schonmal was von Karl Marx gelesen?
Und nicht alles im Akkord auf die Spitze treiben zu müssen heisst nicht generell technikfeindlich zu sein. Du redest hier nicht mir einem völlig vergeistigtem Philosophen..
Ja, wie soll man da eine Grenze ziehen? Ohne Baumaschinen gehts doch schon lange nit mehr. Und wenn es irgendwann eine Maschine gibt, die weitgehend ohne Menschen auskommt, was soll man da machen? Das ist halt der Lauf der Dinge, aber das geht ja auch nicht von heute auf morgen.
upsidedown
12.03.2004, 02:38
Hmm, schonmal was von Karl Marx gelesen?
Ja.
a) Zitier mal bitte die Passage wo diese These geäußert wird und
b) wo ist das in nennenswerten Maßstab umgesetzt worden?
Ja, wie soll man da eine Grenze ziehen? Ohne Baumaschinen gehts doch schon lange nit mehr. Und wenn es irgendwann eine Maschine gibt, die weitgehend ohne Menschen auskommt, was soll man da machen? Das ist halt der Lauf der Dinge, aber das geht ja auch nicht von heute auf morgen.
Niemand redet von einer festen unumstößlichen Grenze die noch in 2000 Jahren gilt. Was mp angemerkt hat und womit er meiner Meinung nach vollkommen recht hat ist, dass ein Wissenschaftler, der sich einen Dreck um die Folgen seiner "Erfindungen" (die Idee den Menschen durch Technik überflüssig zu machen ist nun wirklich uralt) schert einfach zum :kotz: und verdammt unverantwortlich ist. Menschen, die ausgebildet aber ungebildet sind, sind und bleiben nunmal die größte Gefahr für die Menschheit.
glimpse
12.03.2004, 10:01
a) Zitier mal bitte die Passage wo diese These geäußert wird und
b) wo ist das in nennenswerten Maßstab umgesetzt worden?
Soweit ich das richtig sehe scheint Marx sich des "Problems" in diesem Ausmaße (also dass Maschinen die menschliche Arbeitskraft nahezu weitgehend ersetzen) nicht voll bewusst gewesen zu sein. Zumindest lässt er sich in "Das Kapital" (http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_391.htm) nur darüber aus dass Maschinen als Produktionsinstrument zu einer weiteren Ausbeutung der Arbeiter führen:
Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß die Tendenz des Kapitals, sobald ihm Verlängrung des Arbeitstags ein für allemal durch das Gesetz abgeschnitten ist, sich durch systematische Steigrung des Intensitätsgrads der Arbeit gütlich zu tun und jede Verbeßrung der Maschinerie in ein Mittel zu größrer Aussaugung der Arbeitskraft zu verkehren, bald wieder zu einem Wendepunkt treiben muß, wo abermalige Abnahme der Arbeitsstunden unvermeidlich wird.
Sollte ich irgendwo an anderer Stelle die unendliche Weisheit und den Weitblick des Meisters übersehen haben, bitte ich um Verbesserung :rolleyes:
zu b) naja, bei Aufständen, z.B. den Weberaufständen wurden immer mal wieder Maschinen zerschlagen, dass das irgenwo in größerem und organisierten Maßstab geschehen ist ist mir nicht bewusst.
btw, was das bringen sollte ist mir auch nicht ganz klar. Aber ich halte mich jetzt besser raus bevor ich mich auch noch aufrege, nich wahr mp? ;)
mp67
12.03.2004, 20:15
Ach liebe glimpse, lieber ups, es tut so gut, wenigstens etwas verstanden zu werden.
@lots: Das Du so fragen würdest, hatte ich irgendwie erwartet. Vielleicht solltest Du Dich mit der Idee vertraut machen, daß es weder sinnvoll noch wünschenswert ist, alles, was technisch realisierbar ist, auch tatsächlich umzusetzen. Und was die Maschinenstürmerei anbelangt, gibt es dazu eine bemerkenswerte historische Anekdote, die N.Postman in seiner 'Zweiten Aufklärung' angibt: Nach den Weberaufständen um 1811 nutzte Lord Byron eine Sitzung des Oberhauses, um sich in einer leidenschaftlichen Rede gegen die Verhängung der Todesstrafe für Maschinenstürmer zu wenden:
Lord Byron, speech in the House of Lords (27th February, 1812)
During the short time I recently passed in Nottingham, not twelve hours elapsed without some fresh act of violence; and on that day I left the the county I was informed that forty Frames had been broken the preceding evening, as usual, without resistance and without detection.
Such was the state of that county, and such I have reason to believe it to be at this moment. But whilst these outrages must be admitted to exist to an alarming extent, it cannot be denied that they have arisen from circumstances of the most unparalleled distress: the perseverance of these miserable men in their proceedings, tends to prove that nothing but absolute want could have driven a large, and once honest and industrious, body of the people, into the commission of excesses so hazardous to themselves, their families, and the community.
They were not ashamed to beg, but there was none to relieve them: their own means of subsistence were cut off, all other employment preoccupied; and their excesses, however to be deplored and condemned, can hardly be subject to surprise.
As the sword is the worst argument than can be used, so should it be the last. In this instance it has been the first; but providentially as yet only in the scabbard. The present measure will, indeed, pluck it from the sheath; yet had proper meetings been held in the earlier stages of these riots, had the grievances of these men and their masters (for they also had their grievances) been fairly weighed and justly examined, I do think that means might have been devised to restore these workmen to their avocations, and tranquillity to the country.
Warum, bitte schön, wird immer so getan, als wären all die Entwicklungen (seien sie technischer, ökonomischer oder gesellschaftlicher Art), die Menschen aus einem produktiven Leben heraus oder in ausgesprochen menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse drängen, unausweichlich, unvermeidbar, wie Naturgesetze? Man muß doch schon gar nicht mehr in die linke Kampfpresse wie meine eingangs zitierte Lieblingszeitung zu blicken, um derlei grundlegende Zweifel an den derzeit bestehenden Verhältnissen artikuliert zu finden, selbst in 'Das Parlament' finden sich derartige Beiträge (http://www.das-parlament.de/2004/09/Titelseite/001.html). Und wo ich schon mal beim 'missionieren' bin: Hier gibts noch mehr 'food for thoughts' (http://personal.vineyard.net/dwright/luddite.html).
M.
glimpse
13.03.2004, 00:24
Na na mp67, ich glaub nicht dass dieses Forum der richtige Platz zum politischen missionieren ist ;)
nobody
13.03.2004, 01:16
Man muß doch schon gar nicht mehr in die linke Kampfpresse wie meine eingangs zitierte Lieblingszeitung zu blicken, um derlei grundlegende Zweifel an den derzeit bestehenden Verhältnissen artikuliert zu finden, selbst in 'Das Parlament' finden sich derartige Beiträge (http://www.das-parlament.de/2004/09/Titelseite/001.html).
Lustig, denn:
"Hans Thie ist Wirtschaftsredakteur der Wochenzeitung "Freitag" in Berlin."
Kommt also auch von deiner Lieblingszeitung.
Vielleicht ist Technokratie das überlebensfähigste System, wird sich zeigen. Ob einem das gefällt oder nicht ist eine Frage.
glimpse
13.03.2004, 02:14
"Hans Thie ist Wirtschaftsredakteur der Wochenzeitung "Freitag" in Berlin."
Kommt also auch von deiner Lieblingszeitung.
hehe, interessant. Je nach eigenem Standpunkt im politischen Spektrum kann man aus der Tatsache jetzt genau zwei Schlüsse ziehen ^^
Vielleicht ist Technokratie das überlebensfähigste System, wird sich zeigen. Ob einem das gefällt oder nicht ist eine Frage.
hm... wie definierst Du denn "überlebensfähigstes System"?
Das worauf es sowieso hinauslaufen wird? Diejenige Gesellschaftsform die in einem wie auch immer gearteten Wettstreit/Krieg gegen die anderen gewinnt? Die, die über die längste Zeit ohne größere Umbrüche stabil bleibt? ...
nobody
13.03.2004, 03:07
Die, die über die längste Zeit ohne größere Umbrüche stabil bleibt? ...
Ja, genau.
mp67
13.03.2004, 12:29
"Hans Thie ist Wirtschaftsredakteur der Wochenzeitung "Freitag" in Berlin." Kommt also auch von deiner Lieblingszeitung.
Jo, das bestreite ich ja nicht :D . Wesentlich ist doch, wo das, was er schreibt, noch so erscheint. Recherchierst Du jetzt noch ein bißchen? ;)
Vielleicht ist Technokratie das überlebensfähigste System, wird sich zeigen. Ob einem das gefällt oder nicht ist eine Frage.
...die ich für mich nur mit nein beantworten kann.
M.
mp67
15.03.2004, 19:54
Guck mal hier, lots. Heute auf der CO-Startseite gefunden:
Arbeitsbelastungen in der Chemie gesundheitsgefährdend
15.03.2004 - Führungskräfte klagen über permanenten Zeitdruck, die unsichere berufliche Zukunft und die zu dünne Personaldecke
Seit Jahren vollzieht die Chemie einen einschneidenden Strukturwandel. Die Betriebe werden fit gemacht für internationale Aufgaben. Gleichzeitig gingen zehntausende von Arbeitsplätzen verloren. Die Folge: Deutliche Mehrbelastungen vor allem der Führungskräfte dieser Branche mit erheblichen gesundheitlichen Auswirkungen. Darauf deuten die Ergebnisse einer Befragung des Verbandes angestellter Akademiker und leitender Angestellter der chemischen Industrie e. V. (VAA) hin.
28 Prozent der Führungskräfte klagen bereits selbst über Erkrankungen in Folge der Mehrbelastungen am Arbeitsplatz. 35 Prozent wissen von gesundheitlichen Problemen bei Kollegen und 19 Prozent bei den eigenen Mitarbeitern.
76 Prozent der Befragten tragen heute mehr Verantwortung als vor fünf Jahren. In der VAA-Erhebung beurteilen 72 Prozent der Chemie-Führungskräfte das Betriebsklima schlechter als früher, weisen 85 Prozent darauf hin, dass sie heute länger arbeiten müssen, gehen 46 Prozent weniger gerne zur Arbeit und fühlen sich 28 Prozent häufig gestresst und überfordert.
Als besonders belastend am Arbeitsplatz werden der permanente Zeitdruck, zu wenig Personal, unzureichende Entscheidungskompetenzen und die Unsicherheit über die berufliche Zukunft empfunden.
Wie Besorgnis erregend die Untersuchungsergebnisse des Kölner Verbandes sind, zeigen die Krankheitsbilder. In erster Linie sind es Herz- und Kreislauferkrankungen, Magenprobleme, psychische Folgen, Rückenleiden oder Hörstürze, die die Befragten als Folge der erhöhten Belastungen am Arbeitsplatz nennen.
Sie führten bei vielen Chemiebeschäftigten zu krankheitsbedingten Arbeitsausfällen, in Einzelfällen sogar zur vorzeitigen Pensionierung. Um gesundheitliche Beeinträchtigungen zu vermeiden, fordern die Befragten kompetentere Führung, Sportangebote, mehr Mitarbeiter und den Abbau des tagtäglichen Druckes.
Echt vorteilhaft, die Marktwirtschaft.
M.
minutemen
18.03.2004, 03:33
Arbeitsbelastungen in der Chemie gesundheitsgefährdend
was juckt das den shareholder value?
wende dich doch mit deinen problemen vertrauensvoll an einen großaktionär deiner wahl oder an den sicher unterbezahlten vorstand einer unserer geplagten konzerne.