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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Referate an Höheren Schulen in D. Ausgangsmaterial und Ziel = ?


rainbowcolorant
23.01.2010, 08:15
Hi,

Ich habe hier inzwischen eine Menge Threads gelesen, deren Ausgangspunkt ein Referat war, das der TES demnächst halten sollte.

Dabei ist mir aufgefallen, dass die jungen Freunde völlig im Unklaren sind, woher sie das vorzutragende Wissen nehmen sollen.

Um meine Frage verständlich zu machen, sage ich einmal, wie es bei uns zu meiner Zeit war. Da hat der Lehrer ein Thema oder auch einen ganzen Abschnitt vorgegeben. Aufgabe des Schülers war, diesen Inhalt in eigenen Worten und möglichst sicher von sich zu geben, womöglich so, dass er kurz in die Lehrerrolle schlüpft und das Thema seinen Mitschülern didaktisch näher bringt. Zumindest im Fall eines Literaturreferates wurde auch eine Interpretation des Werkes verlangt, vielleicht sogar eine kleine Rezension. Alles im Idelfall natürlich.

Als Grundlage für den selbsständigen Vortrag wurde entweder ein Abschnitt aus dem Lehrbuch oder (seltener) ein anderes Literaturwerk (Belletristik oder Sachbuch) vorgegeben. Zusätzliche Recherchen oder bereits vorhandenes Zusatzwissen waren natürlich ein Pluspunkt.

Wenn ich mir die hoffnungslosen Appelle unserer jungen Kollegen so durchlese, kommt mir vor, die haben keine Ahnung, wie sie zu dem Wissen kommen sollen, das sie vorzutragen haben. Woran liegt das? Sind sie nur zu faul, um dort nachzusehen, was man ihnen eh als Wissensquelle genannt hat? Oder ist es Absicht, dass sie Bibliotheken oder das Internet durchstöbern sollen, ähnlich wie es im OC-Labor die Praxis ist (da hast du die Formel, jetzt such dich durch die Chemical Abstracts)? Oder wird die Vorstufe einer wissenschaftlichen Arbeit erwartet?

Bitte klärt mich auf. Danke.

rbc

Friedrich Karl Schmidt
23.01.2010, 13:21
Woran liegt das? Sind sie nur zu faul, um dort nachzusehen, was man ihnen eh als Wissensquelle genannt hat? Sicher spielt hier auch Bequemlichkeit eine nicht unerhebliche Rolle. Andererseits glaube ich nicht, dass bei der Vergabe von Referatethemen auch heute noch konkrete "Wissensqellen" genannt werden. Von den Fällen, in denen Schülern Referate zugeteilt werden , die Grundlagenkenntnisse erfordern, die im Unterricht noch nicht behandelt wurden, gar nicht erst zu reden. So etwa nach dem Motto : " Das Zeug habe ich eigentlich selbst noch nicht so ganz verstanden, da lass ich doch einmal einen Schüler ein Referat daüber halten"

Gruß FKS

FabianH
23.01.2010, 15:14
Ich denke, dass wird man pauschal nicht beantworten können, kommt ganz auf den Unterricht drauf an.

Es gibt sicherlich Lehrer, die das einfach als "große" Hausaufgabe sehen aber auch die, die Unterrichtszeit für die Vorbereitung zur Verfügung stellen und da dann den Schüler unterstützen.
Und dann gibt es eben noch die Varibale Schüler: faul oder einfach unwissend?

Ich habe bis jetzt zweimal Referate halten lassen, einmal als "Strafaufgabe" einige der letzten Themenabschnitte zu wiederholen (das mussten drei Schüer machen). Inhaltlich war ja alles behandelt und zur Form habe ich ihnen einige Vorgaben gegeben.

Als die ganze Klasse welche machen sollte, habe ich ihnen zwei Unterrichtstunden gegeben, in denen ich direkt zur Verfügung stand (neben Mailkontakt), da habe ich aber auch festgestellt, dass das Vorgehen anderer Lehrer Einfluss haben kann: Die wollten/konnten nicht verstehen, dass sie nur das von mir zur Verfügung gestellte Material verwenden sollten, die haben ums "verrecken" immer noch mehr angeschleppt. Da hieß es nur: Bei XY müssen wir aber auch selber was suchen.

rainbowcolorant
23.01.2010, 17:27
@FKS: ein interessantes Motiv, das sie hier nennen. Da denken sich manche Lehrer also: ach was, das soll doch gleich der XY statt mir vortragen. So geht es natürlich auch :(

Und zum Thema Schülerbequemlichkeit: das finde ich hier immer am schwierigsten, wenn man aus dem Gefühl heraus beurteilen soll, ob der Fragesteller sich nur eine Lösung billig erschleichen will, oder ob ein Verständnisproblem vorliegt ohne dessen Lösung der Schüler den ersten Schritt einfach nicht schafft, oder ob er das Ganze, aus welchem Grund immer, nicht verstanden hat und erklärt bekommen will. Nicht immer leicht. Meine Idee war einmal, das Prinzip der Aufgabe an einem ähnlichen Beispiel vorzuexerzieren, Schritt für Schritt erklärt. Danach kann der Ratsuchende es mit seinem Beispiel versuchen und jemand greift erklärend ein, wenn Fehler gemacht werden. Bei kleinen Aussetzern genügt oft ein Hinweis oder eine Frage.

@FabianH: ich kann nichts finden, was gegen deine Methoden spräche. Manche Lehrer vertreten oft manieristisch-dogmatische Ansichten. Auf die sollte man schon als Schüler, erst recht nicht als Kollege hören, stelle ich mir vor.

Außerhalb der Unterrichtszeiten einen heißen Draht bei Schwierigkeiten einzurichten, halte ich für sehr engagiert. Die Schüler sollten sich aber eines solchen Entgegenkommens immer bewusst sein und es nicht als Selbstverständlichkeit sehen.

Ich hatte nur ein einziges großes Referat und zwar in Physik, wo alle eines halten mussten, die das Fach für die mündliche Prüfung gewählt hatten. Meines begann beim Meißneroszillator führte in einem Bogen über die Ausbreitungseigenschaften von Radiowellen bis zum Geradeausempfänger. Ein eher "volkswissenschaftlicher" denn ein anspruchsvoller Vortrag. Leider hatte mein Kollege davor die Triode so furchtbar erklärt, dass ich darauf nicht aufbauen konnte. Und noch einmal hören wollten es die Mitschüler nicht mehr. Das brachte mich aus dem Konzept. Und ich hatte doch so schöne Folien gezeichnet :sad:. Am Ende hieß es: nicht berühmt. Stolz war ich aber, dass die Idee, Overheadfolien zu verwenden, von mir kam und der Lehrer begeistert zustimmte.

S0S
23.01.2010, 17:55
Wenn wir Referate halten sollen, kriegen wir meist ein Thema und ein Datum, an dem wir das halten sollen und dann heißt es "Macht mal". Selten wird dazu gesagt "Im Buch auf den S.... steht da auch was dazu". Einmal erst habe ich für ein Referat einige Seiten herauskopiert bekommen, die ich nur verständlich zusammenfassen und in eine Power-Point-Präsentation bringen musste. Das Allerbeste aber ist es, wenn Lehrer sagen "Ihr haltet jetzt alle noch ein Referat, worüber ist mir eigentlich egal" (hatte ich auch schon).

rainbowcolorant
24.01.2010, 02:55
Klingt nach extremer Demotivation des Lehrers. Ich glaube Lehrer und Schüler (und eine geballte Ladung Bürokratie seitens der praxisfernen lenkenden Behörden) beeinflussen einander immer häufiger negativ. Ist aber nur so ein Gefühl von mir.

Wenn der Lehrer nicht die Seitennummer sagt, ist das ja noch nicht schlimm. Sofern das Thema genau definiert und abgegrenzt ist, findet man das auch so im Buch, es sei denn da steht es nicht.

Ich kann mich aus der Zeit, als ich für die Amateurfunkprüfung lernte, erinnern, dass ich schon einen Termin vor meiner Prüfung zuhören ging und nur eine einzige Frage nicht beantworen konnte: "Was steht alles im Fernmeldegesetz?" Es stellte sich heraus, dass sich dazu im Skriptum hinter einer kleinen Überschrift ein riesiges Kapitel versteckte, dessen Inhalt ich zwar konnte, den ich aber der Frage nie zugeordnet hätte. Na ja, bei meiner eigenen Prüfung klappte es dann bravourös. Das nur zur Illustration, welche kleine Ursache ein Lernprojekt fast zum Scheitern bringen kann.

nobody
24.01.2010, 09:43
Hallo rainbowcolorant,

wie ich mir Referate vorstelle und welchen Sinn sie haben, habe ich hier schon mehrmals ausführlich dargelegt.

Deshalb nur ein paar Anmerkungen:
Viele Lehrer missbrauchen Referate, indem sie einfach ihre eigene Aufgabe auf Schüler übertragen; man erinnere sich nur an die Diskussion vor einigen Wochen hier, als ein Ausbilder für Krankenschwestern die Referate damit begründete, dass er zu viel zu tun habe und außerdem keine Lust, den Stoff vorzubereiten. Andere machen sich viele sinnvolle Überlegungen, siehe fabian. Wenn ich hier so lese, dann sind die Ersteren wohl in der Mehrheit.

Bei Schülern ist es genauso: manche sind fleißig, besorgen sich Material, durchdenken es und fertigen selbständig etwas Sinnvolles an.
Andere fragen sofort drauf los, gerade hier im Forum. Es ist doch nicht zuviel verlangt, sich zunächst mal selbst sachkundig zu machen und das Thema zu strukturieren. Sattdessen wird hier sofort rumgespamt.
Was mir auffällt ist, dass die Schüler ihr eigenes Schulbuch zumeist als Letztes zu Rate ziehen, eine Dummheit wie ich meine.

Ob man die Wissengrundlage vorgeben muss oder nicht, hängt vom Thema des Referats ab: hält z. B. jemand ein Thema über neue Brennstoffzellentypen und ihre Wirtschaftlichkeit, dann sollte er dazu recherchieren, sicherlich zumeist im Internet. Ist das Thema die Chloralkalielektrolyse, dann findet sich dazu auch etwas in Büchern der Schulbibliothek.

Gruß

arrhenius

zweiPhotonen
24.01.2010, 10:20
Hallo,
hängt vom Thema des Referats ab: hält z. B. jemand ein Thema über neue Brennstoffzellentypen und ihre Wirtschaftlichkeit, dann sollte er dazu recherchieren, sicherlich zumeist im Internet.
mal ehrlich: Um die Treffer, die man dazu bei google erhält angemessen beurteilen zu können, ist eine ganze Menge Erfahrung nötig. Um die angezeigten Fundstellen auf ihre Nützlichkeit beurteilen zu können außerdem auch eine gewissen Menge Fachwissen.
Der pauschale Lehrer-Hinweis "sucht euch die Sachen aus dem Internet zusammen" führt meines Erachtens schnell zur Frustration der suchenden Schüler, weil die ersten Hits -außer wikipedia- oft nicht das Gewünschte ergeben. Insofern stellt der Auftrag zu einer Internet-Recherche ohne weitere Vorgaben keinen sinnvolle Lehrmethode dar. Hier sehe ich vielmehr den Mißbrauch unter Vorwand den Umgang mit neuen Medien vermitteln zu wollen.
Eine Anschlußrecherche mag sinnvoll sein, wenn der Rahmen der Aufgabe vorher (klar) umrissen worden ist.

rainbowcolorant
24.01.2010, 13:18
Lieber arrhenius!

Danke für den ausführlichen und sehr differenzierten Beitrag! Ich hoffe, niemand glaubt, dass ich ermitteln wollte, wie viele Schüler faul sind oder wie viele Lehrer träge oder verantwortungslos. Ich habe nur implizit aus den Fragen der Schüler herausgehört, dass Referate anscheinend nicht so aufgegeben werden, wie ich es mir vorstellte. Da ich immerhin schon fast 37 Jahre keine Schule mehr von innen gesehen habe (außer später einmal als Postbote in den Ferien), lag das auch nahe. Da wollte ich mir ein Bild machen, wie es heute mit Referaten so ist. Ich glaube, dass damals in Österreich der Unterricht (von der Gestaltung, nicht von den Lehrplänen) um einiges konservativer war als in der BRD. Da war für richtige Referate gar kein Platz und es gab auch nur wenige. In Deutsch hieß das "Redeübung" und das sagt eigentlich alles.

Durch eure vielen Antworten habe ich ein viel umfassenderes Bild des "Referatswesens" in Deutschland bekommen. Wie es in Österreich ist, weiß ich nur bruchstückhaft von einer befreundeten Lehrerin. Aber ich will sie demnächst gründlicher daraüber interviewen. Ich bin jetzt neugierig geworden.

@ZweiPhotonen: Ich danke auch für deine Stellungnahme. Dass es zum Beispiel zum Thema Wissensbeschaffung verschiedene Auffassungen gibt, heißt sicher nicht, dass nur eine richtig sein kann. Wichtig und erfreulich ist (und das sehe ich eigentlich aus allen Lehrerwortmeldungen hier auf OC), dass zumindest hier in diesem Forum die Lehrer, die Referate möglichst sinnvoll einsetzen wollen, in der weiten Überlegenheit sind.

Und die überall auf der Welt, die (nach eurer, nach meiner, nacz Unserer Ansicht) nicht dazu gehören, wollte ich auch in keiner Weise anschwärzen.

Es ist ein tolles Thema geworden. So gut habe ich es nicht erwartet, als ich es startete.

Noch einen schönen Sonntag!

Werner

FabianH
24.01.2010, 13:59
Hallo Werner,

Ein weiterer Punkt, der deinen (mE berechtigten) Eindruck durch das Forum erklärt:

Haben Schüler wirklich gelernt, sowas richtig zu machen, werden sie hier eher nicht Schreiben oder erst später konkrete Detailfragen stellen. Dies verzerrt das Bild also auch ein bisschen.

Und ein bisschen anderer Gedanke: Man kann Referaten sicherlich skeptisch gegenüber sein. Tatsache ist aber, dass sie in diverser Form bundesweit auch Prüfungsleistungen sind (Sei es der Abschluss nach der Mittelstufe oder im ABI). Hätte ich solche Klassen, würde ich Referate alleine schon aus diesem Grund machen (aber nicht nur aus diesem Grund), nicht dass die das erste Mal sowas in der Prüfung machen.

Offtopic @Werner:
Ich finde deine Beiträge immer wieder sehr sympathisch zu lesen, ich denke mit deiner Art und Weise des Schreibens bereicherst du dieses Forum sehr!

Viele Grüße

Fabian

rainbowcolorant
24.01.2010, 14:13
Oh, danke!

Zu deiner Schlussfolgerung: ja natürlich. Ich habe die allererste Frage ganz am Anfang auch so gemeint: warum fragen hier so viele, noch bevor sie sich ans Lösen machen. Aber ich habe tatsächlich vergessen, dass das nichts aussagt, wie viele andere es gibt, die mit der Aufgabenstellung weit besser zurande kommen. Es sind sicher mehr.

Liebe Grüße rbc