PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Folter erlauben? In memoriam :


bm
24.02.2003, 22:13
Tödlicher Irrtum

Eine gewagte Flugblatt-Aktion an der Münchner Universität kostete die Geschwister Hans und Sophie Scholl vor 60 Jahren das Leben. Warum gingen sie dieses Risiko ein?

Es waren nicht viele Flugblätter, die Hans und Sophie Scholl zum Verhängnis wurden. Den Großteil hatten die aus Ulm stammenden Geschwister auf Treppenstufen, Fenstersimsen und vor dem Hörsaal 201 des Münchner Universitätsgebäudes ausgelegt, und sie standen bereits am Ausgang zur Amalienstraße, als sie sich plötzlich zur Umkehr entschlossen.

Die beiden Studenten liefen mit ihrem Koffer, in dem sich noch etwa hundert Exemplare befanden, die Treppe hinauf in den zweiten Stock und kippten den Inhalt schwungvoll über die Brüstung.

Während die Hochschüler mit dem Glockenschlag elf Uhr aus den Räumen strömten, flatterten die Blätter in den Lichthof der Alma Mater: "Kommilitoninnen! Kommilitonen!", stand darauf zu lesen, "der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat."

Unglücklicherweise hatte der Hausschlosser die Geschwister beobachtet - und so endete am 18. Februar 1943 der laut Oberreichsanwalt Ernst Lautz "schwerste Fall hochverräterischer Flugpropaganda, der sich während des Krieges im Altreich ereignet hat".

Schon vier Tage danach kannte der Präsident des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, einer der übelsten Blutrichter des Dritten Reichs, in einem Schauprozess keine Gnade. Hans und Sophie Scholl - und mit ihnen ihr Freund Christoph Probst - wurden zum Tode verurteilt und sofort geköpft. Die Mitverschwörer Alexander Schmorell, Willi Graf und Professor Kurt Huber kamen einige Monate später durch das Fallbeil um, Hans Leipelt richteten die Nazis 1945 hin. Zahlreiche Helfer erhielten zum Teil langjährige Haftstrafen; die Familie Scholl kam in Sippenhaft.

Bis heute wird in Deutschland keine Widerstandsgruppe so verehrt wie jene, im Kern aus Münchner Studenten gebildete, die sich "Weiße Rose" nannte. Zahlreiche Schulen sind nach den Geschwistern Scholl benannt. Die "Weiße Rose" ist das Thema mehrerer Dokumentarfilme; Gedenkstätten in München und Hamburg sowie ein gutes Dutzend Bücher mit zum Teil hohen Auflagen erinnern an den kleinen Kreis, der der "Diktatur des Bösen" (Flugblatt Nr. 3) trotzte.

Über eine entscheidende Frage brüten Historiker freilich auch 60 Jahre danach noch: Warum riskierten die Geschwister Scholl, nachdem sie und ihre Kommilitonen in Süddeutschland und Österreich ungezählte Flugblätter als anonyme Briefsendungen verbreitet hatten, die selbstmörderische Aktion? Sollte sie ein Fanal sein, um die Deutschen - wenige Tage nach Bekanntgabe der Niederlage der 6. Armee in Stalingrad - zum Handeln aufzurütteln?

Oder wollten die Scholls den Märtyrertod sterben, wie zum Beispiel Thomas Mann vermutete?

Bislang unbekannte oder ungenutzte Unterlagen aus dem Ulmer NS-Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg, dem Berliner Bundesarchiv sowie dem Staatsarchiv Ludwigsburg legen einen ganz anderen Schluss nahe. Danach hat ein Mitglied der "Weißen Rose" gleich zweimal die Gestapo auf die Fährte der Studenten gebracht - und so eine tödliche Ereigniskette in Gang gesetzt.

Die Spurensuche führt zurück in den Sommer 1942. Zwei Münchner Medizinstudenten, Hans Scholl und Alexander Schmorell, erfahren durch einen Bekannten von den Verbrechen Hitlers im besetzten Polen. Die beiden Freunde waren zu den Nazis schon Jahre zuvor auf Distanz gegangen. Nun verschicken sie in München und Umgebung "Flugblätter der Weißen Rose", die zu Sabotage und passivem Widerstand aufrufen.

Um die Initiative ausdehnen zu können, wendet sich die von Scholl eingeweihte Schwester Sophie in ihrer Heimatstadt Ulm an den heute noch lebenden, 78-jährigen Hans Hirzel, Bruder einer Jugendfreundin. Der Pfarrerssohn erklärt sich zur Mitarbeit bereit, indem er zunächst einmal einen gebrauchten Vervielfältigungsapparat, Wachsmatrizen, Druckerschwärze und Saugpapier kauft.

Der Gymnasiast spricht einen Bekannten an - es ist ein V-Mann der Gestapo.

Doch dann geschieht monatelang nichts. Hans Scholl und Schmorell müssen zwischen Ende Juli und November 1942 an der Ostfront ein medizinisches Praktikum absolvieren, und Hirzel wird unruhig.

Im Herbst beschließt der hoch begabte, aber labile Gymnasiast, der unter Jugendfreunden bis heute als "spinnert" gilt, selber tätig zu werden. Wie erst jetzt bekannt wird, rechtfertigt er sich 1945 gegenüber dem amerikanischen Geheimdienst CIC damit, die "Gruppe Scholl" sei in Russland "kaltgestellt" gewesen. Da habe er "auf eigene Faust eine Flugblatt-Aktion" starten wollen und sich deshalb auf die Suche nach "Mithilfe" begeben.

Freilich ist in Deutschland nie so viel denunziert worden wie im Dritten Reich. Hirzel will sich absichern und spricht den Bruder eines Schulkameraden an, den in Ulm stadtbekannten, zeitweiligen V-Mann der Geheimen Staatspolizei, Albert Riester (Deckname "Gerhardt"). Den hält er im Kern für einen Nazi-Gegner, weil der in den dreißiger Jahren Flugblätter gegen Hitler verteilt hatte. Der Pennäler möchte ihn dazu bringen, ihn zu warnen, falls die Gestapo ermittelt.

Aber der Plan geht schief. Riester informiert seinen V-Mann-Führer bei der Gestapo - und ob er das Ganze dabei herunterspielt, wie er später behauptet, oder den Anwerbeversuch unterschätzt, lässt sich heute nicht mehr klären.

Die Gestapo Stuttgart jedenfalls hält fest: "Bei der Außendienststelle Ulm wurde auf Hans Hirzel Ende 1942 vertraulich hingewiesen. Eine Beweisführung konnte ... nicht erbracht werden."

Es ist das Wesen von Diktaturen, dass es keine freie Öffentlichkeit gibt - bald wabern die Gerüchte. Von Riester heißt es seit längerem, dass er Hans Scholl im Visier habe - was der selber auch erfährt.

Und Scholl nimmt den Hinweis ernst. Er ist sich bewusst, dass er nicht nur für sich Verantwortung trägt, denn längst ist aus der "Weißen Rose" eine größere Gruppe von Mitverschwörern, Unterstützern und Helfershelfern geworden, und auch Hirzel macht weiter mit. Die Gruppe verbreitet in Frankfurt, Augsburg, Stuttgart, Linz, Salzburg und Wien Tausende Flugblätter - oder zieht nachts durch die Münchner Innenstadt, um Parolen wie "Nieder mit Hitler" oder "Hitler Massenmörder" an die Bayerische Staatskanzlei oder andere Gebäude zu pinseln.

Die Gestapo, die inzwischen eine Sonderkommission gebildet hat, bekommt den ersten heißen Tipp am 17. Februar 1943, einen Tag vor der verhängnisvollen Flugblatt-Aktion in der Münchner Universität - und die Quelle ist wieder Hirzel.

Denn der wollte Mitarbeiter rekrutieren und ist abermals an die Falschen geraten. Zwei Hitlerjungen, die er bei Laienspielen der HJ kennen gelernt und um Hilfe gebeten hat, zeigen ihn an.

Während eines Verhörs durch die Ulmer Gestapo lässt er den Namen Sophie Scholl fallen, weil er davon ausgeht, die beiden Denunzianten hätten ihn bereits erwähnt - was nicht zutrifft. So ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich Hitlers Häscher der jungen Frau annehmen.

Das weiß auch Hirzel. Vom Gestapo-Quartier ist es nicht weit zum Münsterplatz, wo die Scholls leben. Er besucht sie und besteht darauf, Vater Scholl und der ältesten Tochter Inge noch am Nachmittag des 17. Februar reinen Wein eingeschenkt zu haben: dass er vernommen und von ihm der Name Sophies preisgegeben worden sei. Man müsse die Geschwister sofort warnen.

Doch Inge, sagt Hans Hirzel, habe den Vorgang für nicht so gefährlich gehalten. Als ihr in München studierender Freund erst am folgenden Vormittag die Wohnung von Hans und Sophie Scholl aufsucht, sind die beiden bereits verhaftet. Und für Hirzel ist das heute der Beleg dafür, dass er mit dem Auffliegen der "Weißen Rose" nichts zu tun hatte.

Doch warum sind dann die Geschwister an diesem Morgen so überhastet zu ihrer Aktion in die Münchner Uni aufgebrochen? Hans trägt bei seiner Festnahme einen Flugblatt-Entwurf in der Jackentasche, der von Christoph Probst stammt und diesem das Todesurteil einträgt. Gerade ihn, den Vater mehrerer Kinder, haben die Scholls stets besonders zu schützen versucht. Und ihre Notizen über ihren Widerstand gegen das Nazi-Regime liegen offen in der Wohnung herum.

Irgendetwas muss die Hitler-Gegner in tödliche Eile versetzt haben - und es spricht manches dafür, dass es der aus Ulm stammende und in München eingeschriebene Student Jakob Buerkle gewesen sein könnte.

Denn die nun erstmals vorliegende Aussage, die jener im Entnazifizierungsverfahren gegen den V-Mann Riester machte, klingt zwar abenteuerlich und ist in manchen Details fragwürdig, passt aber wie ein fehlendes Puzzleteil ins Bild. Buerkle ist danach kurz - möglicherweise nur Stunden - vor der Flugblatt-Aktion bei Hans Scholl gewesen und hat diesem von der drohenden Verhaftung erzählt.

Den Tipp will er von seinem Studienfreund Riester bekommen haben. Der V-Mann hatte - nach dessen Darstellung - bei der Gestapo in Ulm die Anzeige der beiden Hitlerjungen gegen Hirzel auf dem Tisch liegen sehen und sich gleich gedacht, dieser halte keinem Verhör stand - eine Einschätzung, die er dann Buerkle vermittelte.

Doch die Schlussfolgerung, die die beiden daraus gezogen haben wollen, beruhte auf einem Irrtum: Eine Verhaftung der Geschwister Scholl stand gar nicht unmittelbar bevor. Die Gestapo Ulm unternahm nach Hirzels Vernehmung tagelang nichts. Der sei ein "ausgesprochen schizothymer Psychopath, der sehr nervenkrank ist", hatte ein Beamter notiert, erkennbar bemüht, den Schüler zu schützen.

Aber die Fehlinformation über den drohenden Zugriff war nun in der Welt. Und wenn es stimmt, dass Buerkle Hans Scholl tatsächlich aufsuchte, wird auf einmal alles verständlich.

Bisher hat immer alles geklappt, und ängstlich sind die Geschwister Scholl nie gewesen.

Schließlich lagern in der Wohnung von Hans und Sophie weit über tausend Flugblätter, die die Widerständler mühsam angefertigt haben und die nun schnellstens verschwinden müssen. Liegt es da nicht nahe, eine seit längerem geplante, freilich im Detail nicht festgelegte Aktion an der Universität kurzerhand vorzuziehen, anstatt das kompromittierende Material zu verbrennen?

Denn bisher hat ja immer alles geklappt, und ängstlich sind die Geschwister Scholl nie gewesen. Am 18. Februar, gegen 10.30 Uhr, verlassen sie mit dem Koffer die Wohnung; sie werden sie nie wieder betreten.

Hans Hirzel wird drei Tage später festgenommen und bekommt für seine Mitarbeit bei der "Weißen Rose" fünf Jahre Gefängnis. Nach dem Krieg arbeitet er als Redakteur für die "Frankfurter Hefte", später als Assistent bei Theodor W. Adorno - und engagiert sich in den neunziger Jahren vorübergehend bei den rechtsradikalen Republikanern, für die er 1994 sogar für das Bundespräsidentenamt kandidiert.

Der inzwischen verstorbene Gestapo-V-Mann Riester wird Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, dann Sicherheitsbevollmächtigter der Daimler-Benz AG und erhält 1984 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse .


Quelle : http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,237540,00.html

upsidedown
24.02.2003, 22:35
Danke Bernhard

Besser kann man es glaub ich nicht auf den Punkt bringen was mich an dieser Diskussion so gestört hat

mantis
04.03.2003, 07:45
dito.
und ebenfalls danke bm